Porträt der Künstlerin Nevin Aladag

Nevin Aladağ, Foto: Uwe Peter

„Magie und Macht – Von fliegenden Teppichen und Drohnen“ so der Titel unserer aktuellen Marta-Ausstellung. Nevin Aladağs Installation „Läufer“ begrüßt den Besucher der Ausstellung als dynamische Geste, die sich 23 Meter in den Marta-Dom hinaufzieht.
Gastkuratorin Dr. Anne Schloen konnte der deutsch-türkischen Künstlerin Nevin Aladağ 5 Fragen stellen. Aladağ studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und lebt derzeit in Berlin. Ihre Beschäftigung mit den Themen Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie Rollenzuschreibungen bearbeitet sie mit Hilfe von Installation, Video und Sound. Zu sehen waren diese Auseinandersetzungen bereits in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen u.a. in Berlin, München, Istanbul, Oslo, Malmö oder Sofia.

Nevin, Du hast für die Ausstellung „Magie und Macht“ die ortsspezifische Installation „Läufer“ entwickelt. Es handelt sich um einen 30 m langen Teppich mit orientalischem Muster, der sich quer durch den zentralen Ausstellungsraum bis unter das Dach des Gebäudes erstreckt und einen unbeschreitbaren Weg in die Vertikale darstellt. Was ist dabei Deine zentrale Idee?

Zunächst würde ich die Arbeit skulptural denken wollen. Der Teppich ist ja ein Objekt, das sich in unserer visuellen Wahrnehmung oft als flächig darstellt. Tatsächlich ist seine haptische Funktion als etwas Weiches oder Abfederndes aber nur durch seine Dicke gegeben. Der Wandteppich wiederum funktioniert zumeist als Bild. Mein „Läufer“ löst sich vom Boden und wird damit erst einmal zu einem Objekt, das sich auch an die Dimensionen des ihn umgebenden Raumes anpasst.

Du arbeitest seit über 15 Jahren mit dem Medium Teppich. Wie bist Du auf die Idee gekommen, Teppiche verwenden und was genau interessiert Dich daran?

Für mich sind Teppiche immer noch vor allem ein künstlerisches Material. Ein Material, das sich selbst über verschiedene Techniken, Provenienzen und Kontexte definiert. Da gibt es von Hand geknüpfte Varianten oder industrielle Massenware. Teppiche sind oft selbst schon Geschichtenerzähler durch ihre Motive und Muster. Das Material berichtet aber darüber hinaus auch sehr direkt etwas über die sozialen, historischen und politischen Umstände, in denen sie entstehen. Ein zeitgenössischer Industrieteppich aus China zeugt qua Material und Technik von etwas ganz anderem als ein geknüpfter Kelim von vor 300 Jahren. Diese Grundbedingungen des „Materials“ Teppich nutze ich wiederum um Collagen aus diesen schon vorhandenen, eingeschriebenen Geschichten zusammenzufügen, die dadurch wiederum vielstimmige und manchmal auch utopische Erzählungen ermöglichen – allein durch das Material.

Du bist im Osten der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Hat Deine Herkunft Dein künstlerisches Denken beeinflusst und geprägt?

Ich denke, für jede und jeden gilt, dass die Bedingungen unseres Aufwachsens mitbestimmen, wer wir sind. In diesem Sinn bestimmt natürlich auch meine Geburt in der Türkei, mein gesamtes Leben und Aufwachsen in Stuttgart, meine Zeit an der Akademie in München, wer ich heute bin.

Du hast für die Arbeit „Läufer“ ganz bewusst einen Teppich mit einem orientalischen Muster ausgewählt. Geht es Dir dabei auch um die Auseinandersetzung mit kulturellen Identitäten, bzw. mit Deiner eigenen kulturellen Identität?

Kulturelle Identität ist offensichtlich ein Thema in meiner Arbeit, aber gerade auch, dass jede Identität sich versatzstückhaft aus verschiedenen Teilen zusammenfügt. Oft scheint es mir gerade produktiv diese Konstruktion und vor allem die jeweilige Erwartung der Konstruktion gegenüber aufzuzeigen und in meinen Videos, Performances und Objekten auch ad absurdum zu führen. Auf diesem Grund werden dann neue, unerwartete Zusammenhänge möglich. Eine Arbeit wie „Läufer“ kann dafür sicherlich auch beispielhaft stehen.

Vorhin hast Du erklärt, dass Du „Läufer“ primär als skulpturale Arbeit verstehst. Ist sie denn auch politisch motiviert, beinhaltet sie eine Aussage zu dem Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident?

Der „Läufer“ ist eine ortsspezifische Arbeit, die sich in die gegebenen räumlichen Dimensionen einfügt. Von hier beginnen sich erst die weiterführenden Fragen aufzudrängen: Wohin führt denn dieser Läufer überhaupt? Zeigt er immer noch einen Weg an, oder nur dessen Potentialität? Wenn Du nach einer politischen Motivation fragst, dann will ich diese Frage lieber bei der Betrachterin und dem Betrachter lassen. Die möglichen Lesarten reichen ja von weltlichem Alltagsgegenstand bis zum religiösen Ritualobjekt. Was meine Arbeit jeweils auslöst sagt doch auch vielleicht mehr über das betrachtende Subjekt als über das Objekt Teppich aus.

 
 
 

Porträt von Anne SchloenAnne Schloen lebt als freie Kuratorin und Autorin in Köln. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Paris, Marburg/Lahn, London und Köln promovierte sie über „Die Renaissance des Goldes. Gold in der Kunst des 20. Jahrhunderts“. Seitdem hat sie zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland initiiert und kuratiert. Mit dem Marta Herford arbeitete sie u. a. schon für die Ausstellungen „Asche und Gold“ (2012) und „(un)möglich! – Künstler als Architekten“ (2015) zusammen.

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