Marcel Broodthaers, Jardin d’Hiver II, 1974

Installationsansicht: Jardin d’Hiver II, 1974; Photo: Achim Hatzius ©The Estate of Marcel Broodthaers/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Eine Marcel Broodthaers-Ausstellung im Fridericianum bietet genügend Anlass, den kurzen Weg von Herford nach Kassel auf sich zu nehmen.  Wenn aber zusätzlich die documenta ihren 60. Geburtstag feiert und ein Symposium mit den ehemaligen LeiterInnen ankündigt, hat man eigentlich keine andere Wahl als kurzerhand ins Auto zu steigen und in die hessische Documenta-Stadt zu fahren. Gesagt – getan!

Installationsansicht: DÉCOR, A Conquest by Marcel Broodthaers, 1975; Photo: Achim Hatzius ©The Estate of Marcel Broodthaers/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Die zahlreichen Dattelpalmen im Museum versetzen mich bei 29°C Außentemperatur sofort in eine entspannte Sommerlaune. Die Anspielung von Broodthaers auf die großen Ausstellungshäuser des 19. Jahrhunderts ist spürbar und so flaniere ich, ein bisschen wie auf einer Zeitreise, durch die 3 Etagen des Fridericianums.

Vorbei an Werken mit Eierschalen und Muscheltöpfen, Kohlehaufen, einem präparierten Papagei, alten Filmprojektoren oder naturhistorischen Stichen von exotischen Tieren und fremden Ländern komme ich schließlich zu der Installation „DÉCOR, A Conquest by Marcel Broodthaers“, mit der er sich auf die Schlacht von Waterloo bezieht. Entgegen einer klassischen Museumspräsentation offenbaren sich mir keine historischen Dokumente, Uniformen oder Objekte in Vitrinen. Ganz meiner Sommerstimmung entsprechend blicke ich auf einen bunten Sonnenschirm und 1970er-Jahre Gartenmöbel vor einem modernen Waffenarsenal. Sehr humorvoll verweist Broodthaers hier auf die Beobachterposition in Kriegshandlungen. Ein Hummer und eine Krabbe aus Plastik widmen sich dem Kartenspiel als Zeitvertreib.

Über Kopfhörer höre ich mir anschließend sein Interview mit einer Katze an. Diese befragte er 1970 zu den aktuellen Entwicklungen im Kunstmarkt. Der tierische Gesprächspartner antwortet mal vehement mal kleinlaut auf seine Fragen und den Magritte‘schen Ausspruch „Dies ist keine Pfeife“. Hier das Interview im Originalton auf Französisch:

Mit feinsinniger Ironie und klugen Humor entlarvt Broodthaers den Kunstbetrieb und setzt sich intensiv mit der Institution Museum auseinander. Seine Sammelleidenschaft von Alltagsgegenständen, Kuriositäten und naturhistorischen Objekten gepaart mit seinem Spiel mit musealen Präsentationsformen erinnert mich immer wieder an die Installationen von Mark Dion. Zu schade, dass die Ausstellung schon am 11. Oktober endet, wenn Mark Dion seine Einzelausstellung bei uns im Museum aufbaut. Bestimmt hätte er sich auch gerne kurz ins Auto gesetzt und sich die umfassende Schau angesehen.

Nach dem Ausstellungsrundgang geht es für mich erstmal nach draußen auf die Treppe des Fridericianums für eine kleine Verschnaufpause. Marcel Broodthaers‘ Institutionskritik im Hinterkopf frage ich mich, was er wohl zu dem geplanten documenta-Symposium gesagt hätte. Für zwei Tage ist Kassel wieder voll mit den Großen und Kleinen der Kunstwelt. Die Eröffnung der Broodthaers-Ausstellung bietet den perfekten Auftakt für dieses Zusammenkommen.

Die nächsten zwei Tage verbringe ich mit geschätzten 600 Leuten in der documenta-Halle. Das ist bei 30°C kein so leichtes Unterfangen. Die Zeit ist gespickt von Panel-Diskussionen und Vorträgen. Die Direktoren der letzten vier documenta-Ausstellungen – Catherine David, Okwui Enwezor, Roger M. Buergel und Carolyn Christov-Bakargiev – sowie Adam Szymczyk als aktueller Direktor der documenta 14 sind angereist, um mit weiteren Gesprächspartnern über „Erweiterte Denkkollektive“ zu diskutieren. Es soll um die documenta als global ausgerichtetes Format gehen und um das Kuratieren mit Einbezug von weiteren wissenschaftlichen Disziplinen, Theorien und Denkmodellen. Die Idee der Diskussions-Panels wurde hier jedoch in den seltesten Fällen eingehalten.

Dennoch war es sehr interessant zu beobachten, wie die versammlten Kuratoren, Wissenschaftler und Künstler die Bühne für sich nutzten. Von wissenschaftlich fundierten Vorträgen über Selbstbeweihräucherung von Kunstgiganten hin zu interessanten künstlerischen Ansätzen war von allem etwas dabei. Viel Unterhaltung bot das gut organisierte Symposium allemal. Spätestens als Adam Szymczyk eine Flamenco-Sängerin auftreten ließ und ein irritierendes Video einer Straßenschlacht zeigt, welches mit der Melodie „Spiel mir das Lied vom Tod“ untermalt ist, war meine Verwirrung perfekt. Voller Eindrücke und mit großer Spannung, was die documenta 14 mit sich bringt, begebe ich mich wieder auf den Weg nach Ostwestfalen und halte fest: Die Reise hat sich mal wieder gelohnt!

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