Director's cut

Einmal das Museum auf den Kopf stellen. Einmal die Räume so verändern, dass man sie kaum wiedererkennt. Einmal das Haus, die Architektur physisch angreifen … „Marta explodiert“ lautete der Arbeitstitel eines Ausstellungsprojekts, das viele Jahre in den Köpfen kreiste und aus kuratorischer Sicht sicherlich zu den aufregendsten Vorhaben des Jahres 2016 zählt. Aber warum? Gleich zwei Fragen drängen sich da auf: Warum will man sowas machen? (Schließlich stellen wir in einem wunderschönen Gehry-Bau aus!) Und warum braucht eine solche Idee so lange von der ersten Konzeptphase (um 2009 haben wir uns erstmalig damit beschäftigt) bis zur tatsächlichen Umsetzung?

Aus der Perspektive des Architekten hat ein Raum in der Regel vor allem dienende Funktion. Was soll dort geschehen, wie kann er optimal genutzt werden? Frank Gehry stellte als einer der ersten dieses Verhältnis grundlegend in Frage (und zog sich damit auch umgehend den Zorn seiner Kollegen zu), indem er den gebauten Raum eher als Skulptur betrachtete, bisweilen sogar weit abseits jeglicher Funktionalität. Und in der Tat stellt sich die herausfordernde Frage, warum wir in Ausstellungen zumeist nur die Objekte an der Wand oder auf dem Boden betrachten und den Raum als Hilfskonstruktion zumeist ausblenden.

Eine Ausstellung als Drahtseilakt

Dennoch haben natürlich immer wieder KünstlerInnen gerade in ortsbezogenen Installationen den Raum selbst thematisiert. Allerdings sucht eine Ausstellung, die dies zu ihrem alleinigen Thema macht, durchaus ihresgleichen und war für uns daher von großer Faszinationskraft: Kann man das Museum nochmal ganz neu erfahrbar machen, es selbst zum Ausstellungsobjekt werden lassen ohne in eine verklärende Leere einzuladen?

Ich muss gestehen, dass ich, als wir im Herbst 2016 beschlossen diese Idee in die Tat umzusetzen, noch keine Vorstellung davon hatte, was dies auch für mich ganz persönlich bedeuten würde. Denn als Museumsdirektor ist man schließlich nicht nur erster Repräsentant einer Kultureinrichtung, sondern vor allem auch verantwortlich – und zwar für alles: Brandschutz, Emissionen, Mitarbeitersicherheit, Besucherverhalten, Gebäudesubstanz, Klimabedingungen, Schädlingsbekämpfung, Statik usw. Eine Ausstellung, für die keine einzige Kunstspedition vor dem Haus vorfährt, sondern nur Transportfahrzeuge vom Bulli bis zum Tieflader mit Arbeitsmaterialien erwartet werden, stellt mit einem Schlag den eingespielten Ablauf eines musealen Ausstellungsaufbaus auf den Kopf.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich im vergangenen Sommer versuchte, im Rahmen einer unserer regelmäßigen Teamsitzungen die MitarbeiterInnen – und zwar bis in den Veranstaltungs- oder Verwaltungsbereich – auf diese Ausnahmesituation vorzubereiten. Alle haben sich darauf eingestellt, dass die Abläufe sich diesmal auch ganz anders gestalten können, dass wir der großen Zahl von KünstlerInnen, AssistentInnen, HandwerkerInnen, LieferantInnen usw. mit Unterstützung, Aufmerksamkeit und Bereitschaft auch auf unkonventionellen Wegen entgegentreten wollen, um die extrem knappe Umbauzeit von drei Wochen erfolgreich zu bewältigen. Und tatsächlich: Als es soweit war, konnte man das gesamte Marta-Team wie einen Bienenschwarm erleben, hoch effizient, neugierig, aufgeregt, motiviert und mit viel Begeisterung bei der Sache.

Das Ergebnis, „Der fremde Raum – Angriffe, Verwandlungen, Explosionen“, kann sich sehen lassen: Ein höchst ungewöhnlicher, bildmächtiger und variationsreicher Parcours durch das Museum, der den Blick neu fokussiert und das eigene Raumerleben intensiv herausfordert. (Dass ich im Hintergrund bisweilen 1000 Tode gestorben bin, mit mir gerungen habe, was ich verantworten kann und was nicht mehr, wer mir raten, uns unterstützen, mir weitere Sicherheit bei prekären Entscheidungen verleihen kann – all diese hochgradig beunruhigenden Fragen und Stunden, sind spätestens dann vergessen, wenn ich am Wochenende durch die Räume laufe und die vielen Menschen fasziniert auf das blicken sehe, was sich ihren Sinnen noch bis zum 5.2.2017 offenbart.)

Gewalt, Magie und große Momente

Doch das Marta-Jahr 2016 begann ja auch schon mit einem Paukenschlag: „Gewalt und Gegenwartsdesign“ lautete der Untertitel der Ausstellung „Brutal schön“, die als faszinierender Diskussionsprozess begann und auf viel mehr Ebenen als nur im Ausstellungsraum stattgefunden hat. Die umfangreichen Reaktionen der Presse und Designfachleute verlängerten diese Ausstellung auch tief in den sozialen Raum. Sie fußte auch auf der Kooperation mit den Behindertenwerkstätten des Wittekindshofs und der Gefangenenbetreuung der JVA Herford. Mein erster Gefängnisbesuch in diesem Zusammenhang war ein tief bewegendes Ereignis, das mich bis heute beschäftigt, weil die (ja berechtigte) Gewalt des Einschlusses von straffällig gewordenen Menschen plötzlich so körperlich erlebbar wird. Umso schöner ist es, dass sich für 2017 nun tatsächlich noch ein komplexes Workshop-Projekt anschließt, das die Bewohner von Wittekindshof und JVA mit internationalen Designern und Marta Herford zusammenbringt – maßgeblich gefördert durch die „Aktion Mensch“.

Geradezu perfekt ergänzte sich dieses hochbrisante Thema mit einem anderen großen Ausstellungsprojekt des vergangenen Frühjahrs, das nur auf den ersten Blick so märchenhaft daherkam, aber mit der Parallelisierung von fliegenden Teppichen und Drohnen einen sehr erhellenden Reflexionsraum öffnete: „Magie und Macht“ verhandelte den überwachenden Blick und die Allmachtsfantasien zwischen Märchenwelt und Kriegspolitik mit den subtilen Mitteln künstlerischer Bildfindungen. Das Projekt war vor allem auch als internationale Kooperation für uns bedeutsam, denn die armenisch-libanesische Boghossian Foundation, von der wir den Kern dieser Ausstellung übernommen hatten, arbeitet in Brüssel nicht nur in einer begeisternd schönen Villa, sondern engagiert sich vor allem auch für den kulturellen Austausch von Ost und West. Und der mit atemberaubender Dynamik in das Dachfenster des Marta-Doms schießende Teppich von Nevin Aladağ ist eines dieser Kunstwerke, das sich noch lange im Gedächtnis festsetzen wird (und am Ende der Ausstellung von der Künstlerin unserer Sammlung geschenkt wurde).

Belichtung und Beleuchtung

„Grün stört“ hatten wir eigentlich als eine etwas spielerische, aber sehr seriös gedachte kunsthistorische Fingerübung begonnen, die sich dann zu einem wahren „Quotenhit“ für Schüler- und andere Gruppen entwickelte. Denn die Ausstellung stellte auf einer höchst konkreten Ebene eine sehr grundsätzliche, allgemeinverständliche Frage mit weitreichenden Konsequenzen für die ästhetische Auseinandersetzung.

Als dann auch noch in den unteren Räumen Andreas Gefeller den Dom in eine traumhafte Ausstellungshalle für seine so überaus malerisch gedachten Fotografien verwandelte, Fabian Marti die lange Galerie zu einem Erinnerungsraum des analogen Bildes machte und Onorato/Krebs mit viel Witz und kluger Präzision dem fotografischen Augenblick huldigten – da war mit den „Momenten der Auflösung“ mal wieder so ein Marta-Erlebnis komponiert, das auf sehr poetische Weise das Gebäude, die Kunst und das Denken zum Schwingen brachte.

Die Ausstellung „OWL4 – Gegenspieler“ bot dann nicht nur bereits zum vierten Mal international tätigen KünstlerInnen mit einem biografischen Bezug zur Region eine Bühne, sondern leitete auch das Ende des Glühlampenlichts in der Lippold-Galerie ein. Die Erstausstattung des Museums mit einem für damalige Zeiten nicht nur schön schlichten, sondern auch gut funktionierenden Beleuchtungssystem hatte sich mehr und mehr aufgebraucht, und schon seit etwa zwei Jahren war es nahezu unmöglich, defekte Strahler zu ersetzen oder selbst noch Leuchtmittelersatz zu kaufen. Da kam eine Fördermaßnahme des „Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages“ gerade zum rechten Augenblick, die grandiose Retrospektive des Fotografen Anders Petersen in ein völlig neues, strahlendes Licht zu setzen.

Um eine Woche mussten wir die Umbaupause verlängern, damit unsere Techniker gemeinsam mit den Handwerkern das komplette Lichtsystem austauschen und die Stromschienen in die Rigipsdecke versenken konnten. Aber ich hätte nie geglaubt, dass das Thema LED-Beleuchtung auch heute noch im Museum so viele offene Fragen provoziert, die man nach wie vor nur für den Moment beantworten kann: Die Technik entwickelt sich nach wie vor mit rasender Geschwindigkeit weiter, und auch wenn wir heute die Petersen-Fotos mit Chips beleuchten, die eine fast perfekte Frequenzkurve für die Farbwiedergabe zeichnen, so kann uns keiner sagen, wie sich die Situation in fünf Jahren darstellen wird. Alles ist Veränderung, und Marta mittendrin – nicht das schlechteste Motto für das neue Jahr!

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