Cover der zweiteiligen Publikation von Taiyo Onorato & Nico Krebs

Eher zufällig bin ich vor längerer Zeit auf das Fotobuch „As long as it photographs – It must be a camera“ von Taiyo Onorato & Nico Krebs gestoßen und seitdem spukt es mir im Kopf herum. Denn mit dieser zweiteiligen Publikation haben die beiden Fotografen bewiesen, wie weit ihre Obsession reicht, der Fotografie bis zum Äußersten auf den Grund zu gehen. Sie sezieren ihre Möglichkeiten und experimentieren mit den Grenzen. Onorato & Krebs fotografieren analog, bauen begehbare Kameras, um den Lichteinfall aus dem Inneren heraus zu manipulieren, sind Tüftler und Erfinder und schrecken offensichtlich auch nicht davor zurück, ihr heiliges Werkzeug, die analoge Kamera, sowohl in diesem Fotobuch als auch im Ausstellungsraum auf die Schippe zu nehmen.

So präsentiert der erste Band des Buches zahlreiche Kameraobjekte: Verrückte Konstruktionen aus Laptops, Steinen, Schildkrötenpanzern, Koffern oder Büchern, die allesamt mit Linse und Kassette ausgestattet voll funktionstüchtig sind.

Abbildung aus der Publikation der Künstler Taiyo Onorato & Nico Krebs, welche die verschiedenen Kameraobjekte zeigt

Liebevoll zu skurrilen Kamerawesen umgestaltet dienen sie jedoch nicht alleine der optischen Unterhaltung. Als technische Meisterwerke und ästhetische Designobjekte deklariert wurden sie zudem von der fiktiven Firma Honour & Crap (eine Erfindung der Künstler) u.a. bei Ebay zum Verkauf angeboten. Zudem stellten sie die Kameras in Internetforen zur Diskussion. Und es funktionierte, die Fotografen tauschten sich rege aus und fragten sich, inwiefern man in diesem Fall noch von Kameras sprechen könne, bis festgestellt wurde: „So lange sie fotografiert, ist es eine Kamera“, wie die abgebildeten Chats im Fotobuch beweisen.

Abbildung aus der Publikation der Künstler Taiyo Onorato & Nico Krebs, auf der die Gespräche in dem Internetforum für Fotografen und Fachleute gezeigt wird

So wird es auch für die LeserInnen zur verbindenden Frage, was das Wesen einer Kamera ausmacht. Und das scheinen nicht nur die technischen Details zu sein, die eine reibungslose Funktionalität garantieren. Sondern wie schon Walker Evans bemerkte: „Das Geheimnis der Fotografie besteht darin, dass die Kamera den Charakter und die Persönlichkeit des Fotografen annimmt. Der Geist beeinflusst die Maschine.“ Er und auch viele Fotopioniere nach ihm bemerkten das Eigenleben, die sogenannte Seele der Kamera. Auch für Onorato & Krebs spielt die Kameraseele, eine gewisse Unkontrollierbarkeit der analogen Fotografie, der immer auch etwas Magisches anhaftet, eine wichtige Rolle.

Abbildung aus der Publikation der Künstler Taiyo Onorato & Nico Krebs, auf denen sich ein zum Kamera umgebauter Schildkrötenpanzer und eine Schildkröte anblicken

Die Kamera wird im Werk von Onorato & Krebs zum Individuum, das auf verschiedene Ebenen der Fotografierezeption verweisen kann: Auf den intellektuellen Diskurs über Fotografie in Büchern, auf das Artefakt oder die Felslandschaft, die sich nun als Kamerakörper quasi selbst durchleuchten. Wenn sich auf der letzten Seite des ersten Buches eine reale Schildkröte und eine Kameraschildkröte gegenüberstehen, könnte man hier auch einen humorvollen Link zur Entschleunigung der analogen Fotografie sehen, zum Prozesshaften, dem Nacheinander der Vorgänge Abdrücken, Entwickeln, Ansehen. Ein Denkmal sozusagen, als Gegenspieler zur Schnelllebigkeit der digitalen Bildproduktion und ihrer rasanten Verbreitung im weltweiten Datennetz.

Abbildung aus der Publikation der Künstler Taiyo Onorato & Nico Krebs

Im zweiten Band der Publikation vereinen die Künstler schließlich Fotografien, die sie mit den selbstgebauten Kameraobjekten aufgenommen haben sowie Werke aus verschiedenen Serien. Landschaftsaufnahmen, Rotationen, Stillleben, architektonische Beobachtungen und Experimente zu räumlicher Wahrnehmung und Perspektive bilden das breite Spektrum ihrer künstlerischen Arbeit und die Möglichkeiten von Fotografie ab. Doch allen gemeinsam haftet etwas Rätselhaftes, irgendwie Verrücktes und Magisches an. Wahrscheinlich ist es genau das, warum mir die Publikation nicht mehr aus dem Kopf ging. Man hat es mit einer Erzählung über Fotografie zu tun, die man nicht ganz auflösen kann. Immer wieder setzen die Künstler kleine Reize und Hinweise, genug um ins Nachdenken und glücklicherweise zu wenig, um hinter die Magie zu kommen.

Das 2011 im Selbstverlag veröffentlichte, von Megi Zumstein und Claudio Barandun (Hi Design) gestaltete Buch ist leider bereits seit Jahren vergriffen. Auf Anfrage erhält man es jedoch noch bei ausgewählten Fotobuchläden als Sammlerstück.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des #artbookfriday entstanden, der von Michelle van der Veen und Wera Wecker von Museumlifestyle ins Leben gerufen wurde.

Kommentar hinterlassen

Ihre Mailadresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Sie können diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

löschenSenden