Der Katalog „Brutal schön“ ist im Kerberverlag erschienen. Auf dem Kerberblog gibt es zum #artbookfriday ebenfalls eine Besprechung von „Brutal schön“.

Design ist eine schöne Lüge, die den Zusammenhang zur Gewalt zu verbergen sucht. Das aufzudecken ist das erklärte Ziel einer neuen Generation von DesignerInnen. Erstmalig wurde nun Gewalt als Schatten und Doppelgänger von Design in einer Ausstellung thematisiert. Designtheoretiker und –kritiker Max Borka hat gemeinsam mit Marta-Kuratorin Friederike Fast eine beeindruckende Auswahl internationaler Designer zusammengestellt, die der scheinbar alltäglich gewordenen Gewalt etwas entgegensetzen. Dieses Sichtbarmachen und der darauffolgende Schritt – die Entwicklung eines sozialen Designs – wollten Marta Herford und Max Borka konservieren. So war die Idee des Katalogs „Brutal schön“ geboren, auch als ein bislang zweiter Teil einer Reihe von Themenschwerpunkten zum „Gegenwartsdesign“, die mit „JETZT – Zeitempfinden und Gegenwartsdesign“ (2011) ihren Anfang nahm.

Und so wichtig und existentiell das Thema auch ist – es kommt als ein handliches Buch mit einem frechen und provokativen Cover daher. Wegsehen ist nicht möglich, die Fotografie von An-Sofie Kestelyn kann einfach nicht ignoriert werden. Schon in der Einführung von Max Borka wird die Aktualität des Themas schmerzlich bewusst: Mit dem Beispiel des Terrors in Paris vom 13. November 2015 (dem sich in der Zwischenzeit, am 22.03.2016 ein weiterer, nicht minder schlimmer Anschlag in Brüssel angeschlossen hat) zeigt Borka deutlich, wie sehr die Gewaltfrage uns alle betrifft, wie erschreckend aktuell und wie nah sie uns gekommen ist. Diese komplexe Situation aus versponnenen realen und konstruierten Ereignissen zu entwirren, sieht der Designtheoretiker auch als eine Aufgabe von „Brutal schön“. Nicht nur durch seinen unkomplizierten, erzählenden Schreibstil, sondern auch mit den prägnanten und pointierten Schlagworten, unter die er seinen Text in kurze Absätze gliedert, wird das Lesen trotz der bedrückenden Thematik sehr angenehm. Die in der Ausstellung gezeigten Objeket werden visuell und deskriptiv vorgestellt. Einige Designobjekte können so sogar noch schneller als in der Ausstellung verstanden werden: So können beispielsweise Eva Lechners „Feministische Tücher“ auf einen Blick in vielen ihrer Dimensionen erfasst werden.

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Der lockere Ton, in dem Borka dem Leser die Ideen und Strategien der Ausstellung und auch das Problem als solches vorstellt, macht ihn nicht weniger kritisch: So bezeichnet er die meisten Designer als „außerordentlich bereitwillige Gehilfen der Höllenmaschine, die diese ganze Gewalt verursacht und an den Rand des Abgrunds gebracht hat.“ Denn auch wenn Gewalt schon immer, so Borka, Doppelgänger und Schatten von Design war, so brachte die industrielle Revolution die Dinge außer Kontrolle. Die „autistischen“ Designer, so der zugespitzte Vorwurf an dieser Stelle, würden dabei viel zu oft den Zustand der Welt ignorieren. Trotzdem – das betonen auch Marta-Direktor Roland Nachtigäller und Ausstellungsmacherin Friederike Fast in ihrem Vorwort, geht es vor allem darum Angst und Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen und die trotz allem optimistische Perspektive auf unsere Zeit wahrzunehmen.

Neben dem ersten, theoretischen Teil ist der Katalog analog zur Ausstellung gegliedert in die Kapitel „Design und sein Schatten“, „Gewalt sichtbar machen“ und „Gewalt abbauen“ sowie die Fallbeispiele „Gewalt als Rohmaterial“, „Im Zeichen des Widerstands“ und „Organisierte Gewalt“. Neben den zahlreichen Abbildungen von Objekten und Ausstellungsansichten wird auch die markante Farbigkeit des Orthopädieschaumstoffes, auf dem die Objekte in der Ausstellung präsentiert werden, aufgegriffen.
Der Katalog vereint harte und schmerzhafte Fakten („Stündlich stirbt ein Amerikaner unter 25 durch eine Waffe“) mit plakativen Ideen, die Schmunzeln lassen, auch wenn sie eine durchaus ernsthafte und kritische Ebene besitzen (Ronen Kadushins „iPhone Killer“), bis hin zu einfach nur schönen Projekten, die zeigen, wie leicht es auch sein kann, Gewalt etwas entgegenzusetzen und die Welt (zumindest ein kleines bisschen) besser zu machen (Huhn Frieda, das nach der Befreiung aus einer Legebatterie ein glückliches Leben bei Dave Hakkens führen und einfach nur Huhn sein durfte). Ebenso wie diese Geschichten stimmt auch das Design des Katalogs optimistisch: Ganz anders als man es bei einem Buch über den Zusammenhang von Design und Gewalt erwarten würde sind nur sehr wenige Abbildungen explizit gewaltvoll – vielmehr regen sie zum Nachdenken über unsere Gesellschaft und Zeit an.

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Der wenig distanzierte Schreibstil Max Borkas bewirkt, dass man sich mit ihm und dem Projekt verbunden fühlt. Es ist ein bisschen so als würde man sich mit ihm zum Kaffee treffen. Er zeigt Bilder, berichtet von der Aktualität des Themas und auch von Entwicklungen während der Planung der Ausstellung. Dabei fokussiert er sich doch auf das Wesentliche: Die Designstrategien, die hier entwickelt wurden und ausgestellt werden.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des #artbookfriday entstanden. Dieser wurde von Michelle van der Veen und Wera Wecker von Museumlifestyle ins Leben gerufen.

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