#BesucherMacht


„Aus 24 sehr unterschiedlichen Arbeiten (…) zwei Werke auswählen und zusammenfügen kann man nur mit Witz lösen.“
So lautet eine der 30 eingegangen Begründungen zur Auswahl von Bildpaaren im Rahmen unseres kuratorischen Experiments „Paarweise – Neue Werke in der Sammlung Marta“. Eine Leichtigkeit, die vielen der eingereichten Paare innewohnt und bisweilen auch charakteristisch für das gesamte Projekt zu sein scheint, die sowohl das witzige Moment als zugleich auch die ernüchternde Realität dieses „Mitmach-Spielchens“ aufzeigt: Kuratieren ist eben doch nicht so leicht, wie der inflationäre Gebrauch dieses Begriffes vermuten lässt!

Nachdem das letzte Paar eingesandt wurde, habe ich mal ganz simpel ausgezählt, welches Werk wie oft ausgewählt wurde, und parallel dazu auf unserer Microsite verglichen, ob es Zusammenhänge zwischen der Anordnung der Bilder auf der Seite und der Kombination der Paare geben könnte, wie es an ein oder anderer Stelle vermutet wurde. Ich konnte auf die Schnelle jedoch keine frappierenden Auffälligkeiten feststellen. Besonders bemerkenswert erscheint mir jedoch, dass ein Kunstwerk mit weitem Abstand häufiger genannt wurde als alle anderen: Norbert Schwontkowskis Licht an. Die einfache Erklärung: Es ist eben ein Publikumsliebling und Markus Huemers Kein Mensch kann seinen eigenen Ellenbogen küssen, das kein einziges Mal genannt wurde, dann wohl eben nicht. Eine andere – etwas unbequemere – Begründung könnte in den Grenzen der digitalen Welt liegen.

Denn ja, es gibt sie, diese Grenzen, auch in einer Welt, in der scheinbar alles möglich sein kann/ soll/ darf. Gemessen werden sie in Zoll, an der Größe unseres Smartphones, Tablets oder heimischen Computerbildschirms. Wie kann die handflächengroße Darstellung eines Kunstwerkes, das im Original 120 x 360 cm misst, seiner tatsächlichen Raumwirkung gerecht werden? Wie soll es möglich sein, die Sogwirkung, die von Huemers tiefschwarzem Gemälde ausgeht und in Wirklichkeit raumfüllend ist, auf gerade einmal 4 Zoll zu komprimieren? Ein kleinformatiger, formalästhetisch vermutlich leicht zugänglicher Schwontkowski ist da sicherlich zunächst leichter zu erfassen.

Experiment mit Grenzen eben!

Nun könnte man leicht sagen, dass ich mich als Museumspädagogin beziehungsweise, um es etwas moderner zu formulieren, als Kunstvermittlerin mit einem solchen Projekt in meinen originären Aufgaben beschnitten fühle. Wer braucht schon KunstvermittlerInnen, wenn sie/ er selbst KuratorIn sein kann?! Da kann ich nur sagen: Ganz im Gegenteil! Ich freue mich, dass dieses Experiment Besucherpartizipation auf den Plan bringt, dass diskutiert und kritisiert wird. Und ganz heimlich freue ich mich gleichzeitig ein bisschen, dass dem allgegenwärtigen Wunsch nach „Mitmach-Museum“ im virtuellen Raum dann doch noch eine nicht ersetzbare analoge Vermittlung fehlt. Eine Vermittlung, die im direkten Dialog mit dem Besucher sein Verständnis für das Werk und die Künstler erwachen lässt. Meines Erachtens eines der wichtigsten partizipatorischen Momente im Museum!

Es ist toll, dass wir heute die Möglichkeiten haben, mit einem vergleichsweise geringen Aufwand, solche Experimente durchzuführen und Interessierten einen kleinen Einblick in die Welt hinter der Ausstellung zu geben. Es zeigt uns, wo wir etwas verbessern können, wo wir weitermachen sollen. Es ist aber auch ein gutes Barometer dafür, wo (noch) unsere Grenzen als Museum und auch die unserer Besucher liegen.

Auf die Frage, ob er so ein Experiment wiederholen würde, antwortete Michael Kröger, Kurator der Ausstellung „Paarweise. Neue Werke der Sammlung Marta“ mit einem überraschend eindeutigen „Ja!“ Überraschend, weil er anfänglich eher skeptisch diesem Projekt gegenüber stand. Überraschend, weil wir vorher gerade detailliert die Probleme und Widrigkeiten besprochen hatten, und überraschend, weil es ihm so leicht über die Lippen kam. Da ist sie wieder, diese Leichtigkeit, die auch von vielen der eingesandten Paare ausgeht. Leichtigkeit, weil es eben ein Experiment ist. Da muss nicht alles perfekt sein, weder die Funktionen der Microsite noch die Darstellungsweise der Kunstwerke und erst recht nicht die eingereichten Paare. Da gibt es kein richtig oder falsch. Da kann man ausprobieren und experimentieren und JEDER kann/ darf/ soll mitmachen. Da wird es dann fast grenzenlos!

„Und wieso habt ihr euch dann doch bei zwei Paaren dafür entscheiden können, sie in die Ausstellung aufzunehmen?“, frage ich Michael. „Weil sie eigenständig begründet waren, sie uns überrascht haben, weil sie zu unseren Paaren einen interessanten Kontrast bilden und damit eine zusätzliche Vielfalt ins Spiel bringen.“ Die kuratorische Arbeit hat nämlich nicht nur in Form eines Experiments Grenzen, sondern auch in der Realität. Auch hier ist nicht alles möglich, können nicht endlos Kunstwerke ausgewählt und tatsächlich im Raum kombiniert werden. Der Unterschied zwischen unseren „Gastkuratoren“ und den echten Kuratoren ist allerdings, dass sie nicht aus „24 sehr unterschiedlichen Arbeiten auswählen“ , sondern, dass sie aus allem was die zeitgenössische Kunst zu bieten hat, auswählen können/ dürfen/ sollen. Stellen Sie sich mal vor, wie viel Witz da nötig ist, lieber „Gastkurator“!

6 Kommentare
  1. Liebes Marta Museum, liebe Kim Lempelius,

    wir von der LUDWIGGALERIE verfolgen eure Aktion seit dem ersten Blogpost gespannt mit. Vielen Dank für diesen offenen und ehrlichen Artikel! So erkennt man nicht nur Besuchermacht, sondern auch Besuchersicht – eben auch eingeschränkt durch die teils unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten im Netz. Toll, dass ihr euch das getraut habt und eure Erfahrungen kritisch und öffentlich hier mit anderen teilt.
    Wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg!
    Viele Grüße,
    Sarah Bauer, LUDWIGGALERIE

    • Kim Lempelius

      Liebe Sara Bauer,

      toll, dass Sie unser „Experiment“ so intensiv verfolgen.
      Danke für die positive Rückmeldung!

      Beste Grüße in die LUDWIGGALERIE aus Herford,

      Kim Lempelius

  2. Peter Soemers

    Sehr schöner Blogpost, Danke schön! Der ‚Gastkurator‘ bekommt ja vieles vom Museumsalltag nicht mit, gerade von den schwierigeren Seiten …
    Ich greife gerne den einen Satz heraus: „Eine Vermittlung, die im direkten Dialog mit dem Besucher sein Verständnis für das Werk und die Künstler erwachen lässt. Meines Erachtens eines der wichtigsten partizipatorischen Momente im Museum!“ Und unterstreiche darin „SEIN Verständniss“. Ich empfinde das auch so – und zuweilen geht es auch ohne diese Vermittlung, wie Michael -Mikel- Bauer uns so treffend erklärt. Auch das empfinde ich. Daher liebe ich Museen wo beides ermöglicht wird und akzeptiert ist.

    Liebe Grüsse!
    Peter Soemers

    • Kim Lempelius

      Lieber Herr Soemers,

      vielen Dank, für das positive Feedback. Wir werden uns Mühe geben, auch weiterhin das eigene Kunstverständnis unserer Besucher in den Mittelpunkt unserer Kunstvermittlung zu stellen.
      Beste Grüße aus dem Marta,

      Kim Lempelius

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