Die weite Schleife des Huangpu-Flusses in Shanghai

Der Herforder Unternehmer, Sammler und Vorstandsvorsitzende des Marta Freundeskreises, Heiner Wemhöner, legte in diesen Tagen den Grundstein für sein mittlerweile zweites Werk in China. Aus diesem Anlass organisierte er eine einwöchige Reise nach Shanghai, Hangzhou und Changzhou.

Bemerkenswerterweise stellte er für die über 60-köpfige Reisegruppe weniger ein touristisches als ein künstlerisches Programm zusammen. Die mitgebrachten Eindrücke fügen sich kaum zum vollständigen Bild, sondern sind eher Erinnerungssplitter einer höchst beeindruckenden und widersprüchlichen Reise.

 
Ein Smiley für die Staatsdiener

Seitdem die USA nach 9/11 ihre Einreisebestimmungen und vor allem die dazu gehörenden Prozeduren verschärft haben, beschleicht mich bei den Passkontrollen außerhalb der EU immer ein beklommenes Gefühl. In bedrückender Erinnerung ist hier vor allem auch die Einreise in die alte Sowjetunion. Der Eindruck des Ausgeliefertseins, der autoritäre Gestus der finsteren Beamten und die immer wieder berichtete Willkür in der Abfertigung und Behandlung der Einreisewilligen in den verschiedenen Ländern lassen mich auch für China nicht unbedingt Gutes erwarten.

Nach unserer Zeitrechnung ist es kurz nach vier in der Nacht als wir auf dem Flughafen Shanghai-Pudong vor der Passkontrolle stehen (nach Ortszeit freilich ist der Vormittag schon weit fortgeschritten). Uniformierte Beamte sitzen nicht nur hinter den Scheiben der hohen Abfertigungstresen, sondern eilen vor den Schaltern von rechts nach links und teilen die Flut der Ankommenden den verschiedenen Countern zu. Alle paar Minuten wird ein weiterer geöffnet. Erster Eindruck: Sehr service-orientiert und – freundlich!

Als ich dann vor „meiner“ Beamtin stehe, werde ich mit einem Lächeln empfangen, sie blickt in meinen Pass, kontrolliert das Visum, bittet mich kurz in eine Kamera zu blicken und gibt mir bald darauf mein Dokument lächelnd und mit einem „Bye-bye“ zurück. Verblüffend … Schon beim Anstehen hatte ich gesehen, dass vor allem die chinesischen Einreisenden beim Gehen nach der Abfertigung links neben der Scheibe auf einen Knopf drücken, den ich mir jetzt genauer ansehen kann. Es sind genaugenommen drei, mit drei schlichten Symbolen: L K J. Ich drücke mit Freude auf den ganz rechten – und der Tag ist mein Freund!

Es wird nicht das letzte Mal auf dieser Reise sein, dass ich den Eindruck habe, die Chinesen sind uns nicht nur in technologischer Hinsicht um einigem voraus. Könnten wir uns vorstellen, dass sich der deutsche Amtsschimmel nicht nur evaluieren, sondern von seinen „Kunden“ bewerten lässt? Das ist – zumindest in den Köpfen – noch ein weiter Weg …

 
Ein Vorurteil stirbt den Frischlufttod

Elektroroller auf eigener Fahrspur

Ich stehe an einer Kreuzung, die Ampel zeigt rot (übrigens hier zumeist auf der gegenüberliegenden Seite mit einem riesengroßen LED-Countdown bis zur nächsten Ampelphase), die Hälfte des Verkehrs rollt über die vierspurige Straße vor uns – und ich höre trotzdem ein vielstimmiges Gemurmel und aufgeregtes Diskustieren, nicht der Menschen neben mir, sondern von der anderen Straßenseite. Dann springt die Ampel für uns auf grün und parallel rollt die nächste Welle aus Autos, Bussen und vor allem Rollern über die Kreuzung. Doch was ausbleibt ist das große Aufheulen der Motoren und eine massive Abgaswelle.

Der Grund ist eine verblüffend hohe Anzahl von Elektrofahrzeugen. Vor allem die vielen Tausend Motorroller in den Straßen fahren überwiegend nahezu geräuschlos (übrigens für uns unerfahrene Touristen eine ständige Quelle der Gefahr in kleineren Seitenstraßen, in denen man leichter mal dazu neigt, rasch die Straßenseite zu wechseln). Während das klassische chinesische Fahrrad eher selten im Straßenbild auftaucht, sind vor allem die mit einer niedrigen Barriere abgetrennten Fahrbahnbereiche für Roller und andere Zweiräder dicht gefüllt mit fast geräuschlos dahinrasenden (!) Gefährten unterschiedlicher Bauart. Auch Busse fahren überwiegend mit Strom und die Zahl der Autos mit Auspuffgeräuschen ist selbst im dichten Nachmittagsverkehr verblüffend gering.

Während ich vor einem Jahr in São Paulo, das ebenso unter einer kaum abreißenden Verkehrsdichte und fast ganztägigem Stop-and-Go leidet, spätestens nach zwei Stunden Stadtgang das Gefühl hatte, dringend unter die Sauerstoffmaske zu müssen, bleibt in Shanghai, aber auch in Hangzhou oder Changzou die Luft leicht zu atmen und ohne (zumindest spürbare) Belastung. Es ist einer der bleibenden Eindrücke dieser Reise, wie leise verkehrsdichte Städte sein können (allerdings geht im chinesischen Verkehr nach wie vor nichts ohne intensive Nutzung der Hupe) und wie angenehm die Luft in diesen Metropolen. Das Bild von der smogverseuchten Millionenstadt erweist sich zumindest in dieser Region als ein nicht haltbares Vorurteil.

 
Die Kunst zieht ans Meer

Chen Zhen: Purification Room, 2000, Installation im Rockbund Art Museum, Shanghai

Die erste chinesische Galerie, die mit ihren KünstlerInnen auf internationalen Messen auftauchte, war ShanghART, 1996 gegründet und seit 1999 mit einem eigenen Ausstellungshaus in Shanghai vertreten. Bis heute setzt Lorenz Helbling wichtige Impulse mit seinen Ausstellungen und Künstlerkooperationen. Wir sehen eine statementartige Werkpräsentation von BirdHead (Song Tao und Ji Weiyu) und das Künstlerduo lässt es sich nicht nehmen, unsere Reisegruppe persönlich durch die Ausstellung zu begleiten. Im zweiten Showroom gibt es eine Einzelausstellung von Shen Fan, und auch hier erwartet uns der 63-jährige Künstler persönlich, um uns seine „Auslöschungen“ zu erläutern. Mir fällt das schnelle Urteil schwer, manches erinnert an schon Gesehenes, segelt mir zu nahe am Gefälligen vorbei. Doch überall – und das wird in den kommenden Tagen noch mehrfach passieren – begegnet einem eine große Begeisterung für die Kunst, ein leidenschaftliches Tun und eine einnehmende Lust an der Begegnung.

Gleich nebenan übrigens ist das Chronus Art Center (CAC) beheimatet, die erste Non-Profit-Organisation in China, die sich ganz der Medienkunst widmet. Hier stehe ich plötzlich vor der konzeptuellen Video-Installation „Fernsehturm“ von Wolfgang Staehle, mit dem wir 1990 im Museum Fridericianum eine frühe Einzelausstellung erarbeitet haben und den ich etwas aus den Augen verloren hatte.

Weiter geht’s zur BANK Gallery, die der umtriebige Mathieu Borysevicz in einem 1925 errichteten ehemaligen Bankhaus betreibt. Und obgleich die Geschichte ihre deutlichen Spuren hinterlassen hat, betreten wir ein beeindruckendes historisches Gebäude. Zu sehen ist hier eine Einzelausstellung der belgischen Künstlerin Heidi Voet, die eigenwillige Skulpturen und Flaggen aus Plastiktüten zeigt. Ihre skurrilen Fotos von Früchten, die gegenseitig ihre Haut bzw. Schale tauschen, begeistern nicht nur mich.

Ganz in der Nähe befindet sich dann noch das Rockbund Art Museum, beheimatet ebenfalls in einem historischen Gebäude von 1932, dessen von David Chipperfield 2007 restauriertes Interieur aufs Feinste westlichen Jugendstil mit chinesischen Elementen verbindet. Seit seiner Eröffnung 2010 widmet sich das Museum ausschließlich der zeitgenössischen Kunst. Wir treffen hier auf eine aufwändige Einzelausstellung von Chen Zhen (1955–2000), einem der wichtigsten chinesischen Künstler der letzten beiden Jahrzehnte.

Am Abend dann treffen ich auf dem glamourösen Dach der Bar Rouge, von wo aus man einen ziemlich atemberaubenden Blick auf die weite Schleife des Huangpu-Flusses und die entflammten Hochhaustürme von Pudong hat, noch einmal auf Mathieu Borysevicz. Von ihm erfahre ich, dass Shanghai gerade für jüngere Künstler immer interessanter wird und sich der Fokus der Aufmerksamkeit mit jungen Galerien, Projekträumen und privaten Museumsinitiativen langsam etwas weg von Beijing hin zu der aufstrebenden Stadt an der Jangtsekiang-Mündung verschiebt. Aufbruch überall …

 
Sprache und Tee

Der chinesische Tee wird zur leichteren Lagerung zu runden Kuchen gepresst.

Der chinesische Tee wird zur leichteren Lagerung zu runden Kuchen gepresst.[/caption]Nach einem einmal mehr überwältigenden Dinner fragt mich unsere Hongkong-Chinesin Daisy Cheng, die vor allem den Tag in Hangzhou begleitet hat, ob ich nicht noch Lust hätte, kurz eine originale chinesische Teezeremonie mitzumachen. Da sage ich nicht nein, und flugs sitzen wir mit noch drei weiteren TeilnehmerInnen unseres Tisches in einem Taxi. Plötzlich bricht zwischen dem Taxifahrer und unserer Begleitung ein wilder Wortwechsel aus und der melodiöse Singsang, als den ich das Chinesische zumeist wahrnehme, verwandelt sich unversehens in ein Zischen und Schimpfen von äußerste Heftigkeit und großer Lautstärke zwischen den beiden. Als wir schließlich am Ziel das Auto verlassen, frage ich Daisy, was denn auf der Fahrt geschehen sei. Ziemlich gelassen erklärt sie mir, dass sie dem Taxifahrer lediglich einen Hinweis auf die Lage unseres Zieles gegeben, dieser sich daraufhin aber ein wenig darüber aufgeregt habe, dass jeder immer glaube, den besseren Weg durch die Stadt zu kennen, während er nun doch wohl der Erfahrene sei. Der in meinen Ohren höchst aggressiv klingende Disput allerdings sei ein ganz harmloser Wortwechsel gewesen, das sei eigentlich normal im chinesischen Alltag …

Die Teezeremonie war dann tatsächlich noch ein kleiner Höhepunkt des Abends. Am meisten amüsiert hat mich, wie unser chinesischer Gastgeber, der einen kleinen Laden für Antiquitäten, für Online-Auktionen, Teehandel und private Freundestreffen unterhält, kurz erläutert, wie die japanische Teetradition eigentlich chinesischen Ursprungs sei und die Japaner nur diesen ganzen rituellen Ballast darum herum gebaut hätten. Die eigentliche Teezeremonie aber bestehe vor allem aus einer bestimmten Art der Zubereitung (wir trinken tatsächlich 60 Jahre alten grünen Tee, der hoch konzentriert in einer kleinen Tonkanne lediglich wenige Sekunden gebrüht wird), bei der es weniger auf den spirituellen Gehalt als auf die richtigen Mengen und den korrekten Ablauf der verschiedenen Brühvorgänge sowie auf das Gemeinschaftserlebnis im Freundeskreis ankomme. Neue Perspektiven!

 
Fortsetzung
 

3 Kommentare
  1. Anke von Heyl

    Lieber Herr Nachtigäller,

    vielen Dank für diesen spannenden Einblick. Ich konnte zuletzt eine Reise von Künstlern nach Shanghai auf Facebook verfolgen und nun verdichten sich die Eindrücke, die ich von dort erhalten habe. So kann man virtuell einfach mal eben durch die Welt reisen. Eine gute Idee, solche Unternehmerreisen auch mal mit einem künstlerischen Programm zu begleiten. Über Kultur ergibt sich bestimmt auch noch mal ein anderer Austausch!
    Bin gespannt auf weitere Splitter!

    Herzliche Grüße von Anke von Heyl

    • Liebe Frau von Heyl,

      das freut mich sehr, dass Sie mit den Schilderungen tatsächlich ein Stück weit mitreisen konnten. Obwohl gar nicht in dieser Dichte geplant, geht es jetzt Schlag auf Schlag weiter: Schon morgen erscheint der zweite Teil der „Splitter“ und am Freitag eröffnen wir dann unsere lange vorbereitete Ausstellung „Harmonie und Umbruch – Spiegelungen chinesischer Landschaften„. Ich hoffe, eine schöne Erweiterung der großen China-Initiative im Ruhrgebiet mit einer Marta typischen, ungewöhnlichen Perspektive …

      Beste Grüße
      Roland Nachtigäller

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