Dieter Roth „Karnickelköttelkarnickel“, Ausstellungsansicht aus „Schöne Scheiße“ im Museum Ostwall

„In der Kunst ist alles möglich“ – das denken heute viele und dieses (Vor-)Urteil wird regelmäßig wieder bestätigt. Vor einiger Zeit berichtet der deutsche Konzeptkünstler Christian Jankowski in der ZEIT (21. Januar 2016, S. 48) erstmals von seinem Projekt „What People Do for Money“, das er als Kurator der Züricher Manifesta 11 konzipierte. Hierzu hatte er unter anderem den Künstler Mike Bouchet eingeladen, aus 80 Tonnen Fäkalien eine neue Materieart entstehen zu lassen. Die Einwohner Zürichs konnten an einem bestimmten Tag mit dazu beitragen, dass aus den Rückständen der eigenen Verdauung im Klärwerk ihrer Stadt ein verändertes Bewusstsein von sichtbarer menschlicher Kultur entstand. Indem Bouchet mit Hilfe von Zusatzstoffen wie Zement, Kalk und Pigmente aus Scheiße kleine, sorgfältig produzierte „Fäkal-Blöcke“ fertigte, entstand etwas, was man als materielle Transformation, als Veredelung einer Idee in eine Form von Kunst bestimmen könnte.

Banaler gesagt: Indem ein Künstler sich mit dem scheinbar so wertlosen Humankapital wie Scheiße auseinander setzt, wird die Frage nach der Wertigkeit zwischen Kunst und Material auf explizite Weise sichtbar gemacht. Piero Manzoni behandelte das Thema mit seiner in eine Konservendose eingeschlossene „Merda d´artista“ (1961) noch eher fiktiv. Der Fluxuskünstler Dieter Roth hingegen wurde mit seinem „Karnickelköttelkarnickel“ (1975) deutlich gegenständlicher. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich das Material, das durchaus – gerade durch seine nicht abzustreitende Bezugnahme auf Dürers „Feldhasen“ – als Kritik an der etablierten Kunst gesehen werden kann. Nichtsdestotrotz wird Roth auch von dem Wunsch geleitet, zunächst abstoßenden Materialien eine ganz eigene Schönheit zu verleihen, was auch in seinem Umgang mit anderen, alltäglichen Materialien wie Lebensmitteln, deutlich wird. Zu sehen sind diese und andere Werke gerade in der umfassenden Einzelausstellung „Schöne Scheiße“ im Dortmunder Museum Ostwall.

Später spielte der Umgang mit Exkrementen eine sehr viel deutlichere Rolle. Unübertroffen war vor einigen Jahren etwa Wim Delvoyes obsessiver Idee mit Hilfe seiner „Personal Cloaca“ genannten Maschine die Prozesse menschlicher Verdauung technisch zu simulieren – in einer kleineren Version war sie 2008 in der Marta-Ausstellung „Ad Absurdum“ ausgestellt.

Wim Delvoyers Installation "Personal Cloaca"

Wim Delvoye: „Personal Cloaca“ (Detail) 2007, Ausstellungsansicht aus „Ad Absurdum“

In allen Fällen handelt es sich jeweils um eine Art Klärungsprozess, indem die Frage nach der Zuschreibung von Wertigkeiten eines Werkes innerhalb eines tabubesetzten Kontextes verhandelt wird.
In einem Interview mit ZEIT online entkräftete Christian Jankowski übrigens den Vorwurf von Georg Seeslen, nach dem nur Künstler und Finanzmanager aus Scheiße Geld machen würden: „Da würde ich widersprechen. Auch die Mitarbeiter des Züricher Klärwerks wissen, wie man aus Scheiße Geld macht. Die sammeln jetzt schon alles, was bei ihnen ankommt, weil sie sich sicher sind, dass man daraus in ein paar Jahren Unmengen von Energie gewinnen kann. Auch, aber nicht nur für die Kunst.“

Apropos Klärwerk: Ist dieser wichtige Ort innerhalb einer Zivilisation nicht eine wunderbare Metapher für die Kultur einer funktionierenden Gesellschaft? Wo, wenn nicht hier, kommt am Ende alles wieder verändert zusammen, wovon Menschen gelebt haben? Und wo wenn nicht hier kann man einen Ort betrachten, an dem selbst Wertloses in einem aufwendigen Prozess in Nachhaltigkeit verwandelt wird? Klärwerker sind, obwohl sie keine Künstler sind, Spezialisten für die Wandlungsfähigkeit von Materialien. Die Kunst als Klärwerk der Gesellschaft – dieser Vergleich klingt übertrieben originell und doch nicht ohne Sinn: Zeigt sich doch wie eng hier die Beziehungen zwischen den Machern und dem Machen geworden ist – als lebendige Verbindung zwischen einem Machen von Kunst und einem Verwandeln von Vorhandenem, zwischen der Idee einer Klärung und dem Prozess der Verklärung von Wertlosem in etwas Höherwertiges.

Neben der Populärliteratur mit Giulia Enders „Darm mit Charme“ entdeckt auch die Museumswelt das Thema immer mehr für sich: Hier werden nicht mehr nur Kunstwerke gezeigt, die sich mit dem Thema oder dem Material beschäftigen, sondern auch der Kulturgeschichte des Toilettengangs werden ganze Ausstellungen gewidmet, so wie „Scheiße sagt man nicht“ im LWL-Freilichtmuseum in Detmold. Ein Onlineprojekt schreibt der Thematik noch mehr Wichtigkeit zu und bietet eine Plattform für das Scheißemuseum. Der selbsternannte Kurator betont dessen Relevanz mit einem Zitat Hans Magnus Enzenbergers: „Scheiße – warum beschmutzen wir diesen Namen, indem wir ihn auf alles anwenden, was uns stört?“.

Text: Michael Kröger und Tabea Mernberger

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