Director's cut

Kann man das machen? In der Hochgeschwindigkeitswelt der sozialen Medien einfach einen Monat aussteigen? Besinnungspause einlegen? Den Stecker ziehen und glauben, dass man gut vier Wochen später einfach dort weitermachen kann, wo man aufgehört hat? #Martabrichtaus war und ist also allein schon ein Experiment mit den ungeschriebenen Gesetzen der Internetkommunikation, eine zugegebenermaßen etwas wagemutig in die Speichen des Hamsterrads geschobene Brechstange zur Entschleunigung – und das nicht leise und verhalten, sondern offensiv und mit rotem Störer über der Website.

Mutig oder übermütig?

Der Wagemut aber kann sich in mindestens zweierlei Hinsicht auch als Waghalsigkeit herausstellen: So können zum einen nach dieser Auszeit schlicht die mühsam herangeführten Leser (und Schreiber!) längst weitergezogen sein, sich neuen und vor allem weniger kryptischen Aktivitäten im Netz zugewandt haben. Dann schmiert auch gleich die vielbeschworene SEO drastisch ab (Über Search Engine Optimization als goldenes Online-Kalb zwischen zeitgenössische Zauberformel und Kaffeesatzleserei wäre auch nochmal zu schreiben …).

Aber es droht auch noch ganz andere Gefahr: Hat sich wirklich soviel geändert, dass dies auch als Content-Relaunch wahrgenommen und gewürdigt wird? Lässt sich das, was wir hinter den Kulissen mit viel zeitlichem Einsatz und zum Teil in großen KollegInnen-Runden diskutiert, entschieden und schließlich umgesetzt haben, tatsächlich nachvollziehbar nach außen vermitteln? Oder wird man uns dann am Ende die ganze Aktion als überzogenes mediales Tamtam um die Ohren hauen?

Und da alle unsere Befürchtungen und möglichen Kritikpunkte hier gleich mal an den Beginn gestellt wurden, können wir jetzt auch direkt zu den Inhalten übergehen:

Vom Blog zum Magazin zum Blog

Auf den ersten Blick scheint es ja derzeit die logische Weiterentwicklung einer institutionellen Kommunikationsplattform zu sein: Aus der Website entspringt irgendwann ein Blog, das sich dann zum Online-Magazin erweitert. Auch wir haben das diskutiert und sind schnell bei der Frage gelandet, was denn eigentlich die charakteristischen Eckpunkte einer solchen Weiterentwicklung wären. Thematische Verbreiterung: ja, möchten wir. Unterschiedliche Beitragsformate: möchten wir auch. Redaktionelles Gesamtbild mit weniger Stimmenvielfalt: vielleicht doch eher nicht. Weniger Meinung und Subjektivität: möchten wir eigentlich auch nicht. Verzicht auf Kommentare und direkte Interaktivität: nein, gerade das hat uns immer viel Spaß gemacht.

Also richteten sich die Veränderungsideen doch wieder zurück Richtung Blog: Ein soziales Medium, das meinungsstark bleiben will, kein professionelles Nachrichtenprodukt mit ausgewogenem Informationsgehalt, sondern eine Diskussionsplattform, leidenschaftlich, manchmal auch etwas schlingernd und rumpelnd, sympathisch, lebensnah, semiprofessionell – eben das repräsentierend, was Marta Herford auch ist: immer etwas anders, nah am Zeitgeist, von (leider zu) wenigen, aber engagierten Menschen gemacht, die erkennbar bleiben, die Spaß am Austausch, an der direkten Begegnung haben. Das Marta-Blog bleibt also wie es ist und wird anders …

Das Museum als soziale Konstruktion

Es ging uns vor allem um den nächsten großen Schritt innerhalb des Marta-Teams: Das Blog war vor fast zwei Jahren als engagierte Idee in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit entwickelt worden, um eine neue Art der Kommunikation zu etablieren, getragen vor allem von einigen schreibbegeisterten MitarbeiterInnen. Nun aber soll sich dieses Forum als Begegnungsort mit dem gesamten Museum und mit bisher in der Online-Welt kaum wahrgenommenen Personen im Marta-Organismus weiterentwickeln. Das war anfangs ein kühner Gedanke.

Wie begeistert man die weniger Schreibgewohnten für diese Form des Publikumskontakts? Wie die engagierten MedienkritikerInnen im Team, wie die sowieso schon tendenziell Überlasteten? Es wurde eine große Mitarbeiterversammlung im Zeichen einer mitreißenden Rede über das Museum der Zukunft, über die Veränderung von Besucherverhalten und die notwendige Weiterentwicklung als Wesenszug des Zeitgenössischen. Aber am Ende stand die vorsichtige Zustimmung bei diesem Experiment mitzumachen, teils mit Unterstützung von erfahrenen KollegInnen, teils über eher bild- als textbezogene Formate oder Protokolle von mündlichen Erzählungen.

Und so wird dieses Blog das Museum Marta Herford noch stärker konturiert abbilden, wird noch weniger geschickte Werbeschleuder für die aktuellen Ausstellungen sein (war es das je?). Stattdessen kommt eine neue Vielstimmigkeit hinzu, die Themen werden noch mehr in die Breite gehen, die Beiträge noch stärker die Interessen auch jenseits des erfahrenen Museumspublikums abklopfen oder auch noch gezielter Fachdiskurse aufgreifen und kommentieren.

Wir hoffen darauf, dass auf diese Weise ein Museumsbild, eine Idee von Museum wachsen kann, die sich immer weiter von dem Gebäude als Zentrum entfernt, die sich weiter in die Gesellschaft öffnet und danach sucht, wie das Bewahren, Präsentieren, Vermitteln und Erforschen von kulturellen Artefakten als gemeinsame Aufgabe und Herausforderung erfahrbar wird. Eine Gesellschaft ohne den Blick für immaterielle Zusammenhänge, ohne Interesse für ihre Vergangenheit und für ästhetische Strukturen wird eine Gesellschaft ohne Zukunft sein. An dieser Zukunft wollen wir verstärkt auch jenseits des klassischen Ausstellungsformats mitarbeiten.

Content is King

Und natürlich haben wir uns auch die Köpfe heiß diskutiert im Hinblick auf die innere Struktur unserer digitalen Strategie. Welche Kanäle sind noch von Bedeutung, welche kommen hinzu und vor allem – welche Kanäle werden wie von wem wofür genutzt? Und was also sollten wir damit anstellen? Faszinierend für mich: Es gibt die eindeutige Antwort nicht, ganz im Gegenteil, auch unter Internetexperten und -beratern divergieren die Einschätzungen und Empfehlungen bisweilen markant.

Und so haben wir jetzt – durchaus im Wissen darum, dass wir vielleicht noch nicht die finale Konstruktion gefunden haben (aber wann soll man die auch in dieser rasant sich verändernden Landschaft finden?) -, so haben wir also jetzt erst einmal folgende Eckpunkte beschlossen:
– Auch wenn wir bisweilen kaum wissen, wie diese Aufschlagdichte aufrechtzuerhalten ist, werden wir weiterhin zweimal pro Woche, jeweils dienstags und freitags, einen neuen Blogartikel posten.
– Das Blog wird zurück unter die Fittiche der Homepage kehren und als Subdomain der gleichzeitig vollständig überarbeiteten, jetzt endlich auch responsiven und entschieden entschlackten Marta-Website laufen.
– Wir werden unsere Präsenz bei Pinterest beenden, dafür aber im nächsten Jahr einen neuen, feinen WhatApp-Newsletter auflegen.
– Marta-Blog wird sich noch mehr um Impulse von außen bemühen, auch mehr externen Input z. B. von Gastautoren aufnehmen und mit Formaten wie „Frag den Direktor“ die unmittelbare Interaktion weiter vorantreiben.

Wie also geht es weiter?

Herzflattern ist durchaus zu spüren, wenn mit dem heutigen Tag die Erwartungen von uns, vor allem aber von unseren LeserInnen an das Blog eingelöst werden sollen. Schaffen wir das? Vor allem auch mit dem derzeit aktiven Personal? Ist es wirklich eine Erleichterung, wenn sich mehr MitarbeiterInnen als zuvor inhaltlich einbringen oder macht es noch mehr Arbeit? Und was machen wir, wenn der natürliche und durchaus ja auch begrüßenswerte Personalwechsel die gut geschmierte Maschine ins Stottern bringt? Schließlich engagieren sich zwei Volontärinnen in dieser Abteilung, die wir mit Stolz und Begeisterung, aber jedes Mal auch mit einer dicken Träne im Auge aus ihrer Ausbildung zur nächsten Station an einem neuen Arbeitsplatz entlassen.
Es wird sicherlich noch viele Male holpern und rumpeln. Aber sucht man wirklich nach perfekten Oberflächen? Nutzungspuren und kleine Kratzer sind doch viel interessanter als eine polierte Fassade. Letztlich sollen Online-Aktivitäten für uns wieder mehr zum Experimentierfeld werden, auf dem neue Ideen entstehen und erprobt werden. Es geht dabei immer auch um die Frage nach dem Mehrwert, also wie der klassische Ausstellungsbesuch zu einer „erweiterten Museumserfahrung“ gemacht werden kann.

Aktionismus vs. steter Interaktion

Eine große Herausforderung bleibt dabei auch die Dynamik von besonderen Aktionen, auf die in der Vorbereitung alles Hauptinteresse gelenkt wird, die dann aber auch zwangsläufig ein spürbares Abflauen der Aktivität nach sich ziehen. Doch der fünfte Instawalk im Jahr ist eben auch nicht mehr wirklich interessant! Wie also erreicht man eine solide, dauerhafte Aufmerksamkeitsspannung? Vielleicht ja mit einer klaren Fokussierung auf die Interaktion, die zwar arbeitsintensiv ist, aber auch nachhaltig wirkt. Wenn es uns gelingt, über die Marta-Kanäle noch stärke den Kontakt mit den Menschen in und hinter dem Museum zu etablieren (ich bin wirklich gespannt, was bei „Frag den Direktor“ geschehen wird!), wenn wir noch mehr (vor allem auch nicht-professionelle) Autoren für die Beteiligung an unserem Blog gewinnen können, ist das möglicherweise eine tragfähige Richtung …
Wir werden auch weiterhin offen darüber kommunizieren, wo die Chancen, aber eben auch die Grenzen unserer ambitionierten Ideen und Pläne in der Praxis sichtbar werden. Und ich würde mich riesig freuen, wenn Ihr und Sie uns auf diesem Weg mit Kommentaren, Ratschlägen, Reaktionen, Beiträgen, kritischen und begeisterten Augen begleiten – ganz in dem Sinne, dass alles ein Fehler ist, was Abgeschlossenheit behauptet. Genießen wir stattdessen lieber Bewegung, Veränderung und Vielfalt! Es wird unser Nachteil nicht sein …

6 Kommentare
  1. „Kann man das machen?“ Ja! Herzlichen Dank für Ihre Offenheit, Herr Nachtigäller. Ich finde es bemerkenswert, wie Sie sich hinterfragen und daß Sie und Ihr Team sich Zeit fürs Innehalten nehmen. Eigensinn sorgt vielleicht mancherorts für Irritation, aber letztlich kann es nicht darum gehen, allen gefallen zu wollen oder eine einmal beschlossene Liste abarbeiten zu müssen. Für mich klingt das nach einem Vorhaben, an dem ich gern teilhaben werde.

    Ich bin neugierig auf die Menschen des Marta. Schön, wenn sie sichtbarer werden. Manchmal entstehen im Team die besten Ideen – zumindest erlebe ich das so bei „meinen“ Bibliotheken, die ich coache und deren Teams auch in sich sehr unterschiedlich sind. Mitunter offenbaren sich ungeahnte Talente. Und haben Sie Mut zu kurzweiligen und kurzen Formaten. Irgendwann müssen wir ja auch alle miteinander nachdenken, lachen oder uns die Köpfe heißreden – und auch dafür braucht es Zeit.
    Ich freue mich darauf!

    Herzliche Grüße aus Köln und auf bald in Herford,
    Wibke Ladwig

    • Roland Nachtigäller

      Vielen Dank, Frau Ladwig, für die engagierte Neugier! Ich hoffe, wir werden ihr immer genug Futter geben. Und richtig: Die Länge meines Beitrags soll eher die Ausnahme bleiben, auch uns drängt es mehr zur kurzen Form. Aber die ist ja bisweilen sogar noch schwieriger als das Ausufernde … Wir werden sehen und zwischendurch auch berichten.
      Mit besten Grüßen
      Roland Nachtigäller

  2. Lieber Herr Nachtigäller,

    ich bin froh, dass wir hier die Gespräche wieder aufnehmen können. Es war sicher mal einen Überlegung wert, mal in Richtung Magazin zu denken. Aber die bewusste Entscheidung für die Gesprächsbereitschaft und das Persönliche kann ich nur beglückwünschen. Das in der Museumsszene auch mal als gutes Beispiel zu etablieren, finde ich extrem wichtig. Denn mit dieser inneren Haltung, die Sie und Ihre Mitarbeiter da an den Tag legen ist der richtige Schritt getan. In Richtung offenes Museum. Für mich ist das Sprechen über Kunst ein zentraler Punkt der Vermittlung und ich freue mich sehr, wenn wir das an dieser Stelle weiter kultivieren. Und natürlich auch im persönlichen Kontakt!

    Liebe Grüße
    Anke von Heyl

    • Roland Nachtigäller

      Liebe Frau von Heyl,
      ja, wir freuen uns auch, hier wieder schreiben und diskutieren zu können. Auch wenn die „Auszeit“ in mancher Hinsicht mal den Druck genommen hat (dafür war er an anderer Stelle umso größer), so hat uns das Bloggen doch auch gefehlt. Und dass aus den virtuellen zunehmend auch persönliche Kontakte werden, verbindet das physische Museum auf faszinierende Weise mit dem digitalen. Ich bin nach wie vor sehr gespannt, wohin uns die Reise führt, nicht nur im Marta, sondern auch insgesamt in der Museums- und Kunstwelt.
      Aber reden, kommentieren und produktiv streiten ist sicher nicht das Schlechteste …
      Mit bestem Gruß
      Roland Nachtigäller

  3. Lieber Herr Nachtigäller,

    ich fasse mich kurz: Dies alles ist mir sehr sympatisch! Toll, alle Achting für alle, die sich beteiligt haben und sich beteiligen werden: nur Mut!

    Herzliche Grüsse aus Den Haag / NL,
    Peter Soemers

    • Roland Nachtigäller

      Lieber Herr Soemers,
      da danke ich doch sehr für Lob und mutmachenden Zuspruch. Die KollegInnen werden das zu schätzen wissen, denn für die eine und den anderen fühlt sich das noch sehr ungewohnt an, was wir uns an kommunikativen Formaten so vorstellen.
      Mit ostwestfälischen Grüßen ins schöne Den Haag
      Roland Nachtigäller

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