Humoristische Illustration eines Eyecatchers: Ein Pappmachéfrosch mit prägnanten Stilaugen

„Worum es geht – und worum es immer stärker gehen wird –, ist die Erzeugung von Evidenz. Mediale Kommunikation gelingt, wenn sie Momente der Evidenz zu schaffen versteht. Ein Mem kann evident sein, wenn es mit seinen stilistischen Mitteln einen Sachverhalt schlagend auf den Punkt bringt.“

Daniel Hornuff, Facebook, Youtube Instagram. Ist heute jeder Mensch ein Künstler?
SWR 2, vom 9. Mai 2016

Jede Ausstellung benötigt, gerade wenn sie noch nicht eröffnet ist, ein leitendes Motiv, das von dem Kommenden so erzählt, als würden die Betrachter etwas Einzigartiges erfahren. Als beispielsweise Joseph Beuys 1978 in der Galerie Poli-Art ausstellen und diskutieren wird, erscheint zu dessen Bewerbung ein Plakat, das den Künstler im Jahr 1965 in Nahaufnahme mit einer goldfarbenen Maske während seiner legendären Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ abbildet.

Joseph Beuys entrückt und im engsten Kontakt nur mit sich selbst, seinem Leben und seiner Kunst – so lautet die Botschaft, die schon damals ziemlich cool war. Heute wäre eine derart personalisierte Werbemaßnahme für einen Gegenwartskünstler kaum noch vorstellbar. Die Idee ein Künstlerportrait als Markenzeichen eines Künstlers zu verwenden war typisch für den Medienstrategen Beuys, der wie kein Zweiter um die Verwandlung von Geheimnissen und Legenden in Leitbilder wusste.

Wer heute zielgerichtet und funktional kommuniziert, muss Relevanz erzeugen, Evidenz schaffen, Kreativität zur Welt bringen. Das heißt: Er produziert Aufmerksamkeit durch die Herstellung von Leitmotiven. Wie funktioniert aber ein Leitmotiv unter den Bedingungen heutiger Bilderfluten und der gleichzeitigen Entwertung von alten Bildbedeutungen? Das Leitmotiv fasst eigentlich „nur“ unterschiedliche Botschaften zusammen und präsentiert sie dann in einem für sich selbst und die Sache sprechenden Bild. Aber es geht implizit auch um die Frage, ob und möglichst wie die Botschaft einer Ausstellung erfolgreich transportiert wird. Mit anderen Worten: Es geht um sinnliche Evidenz.

Sowohl eine gelungene Ausstellung als auch das dazu gehörige Leitmotiv erzeugt plötzlich eine Evidenz, wo bisher – ob real oder gefühlt – eher eine Leere war. Früher wollten Ausstellungsplakate unmittelbar und intensiv wie viele andere einfach nur eines: in der Masse der vielen anderen wirksam auffallen.

Heute haben sich die Ansprüche gewandelt: Leitmotive brennen sich nicht mehr wie noch früher ins Gedächtnis, sondern thematisieren während ihrer Wahrnehmung, wie sie selbst zu leitenden Motiven werden.

Heute geht es um eine noch schnellere Ununterscheidbarkeit. Eyecatcher sollen mehr als nur kurzfristig die Aufmerksamkeit von Betrachtern fesseln. Heute wirken Bilder, die auch als Anzeigen oder als Teaser im Netz funktionieren, nachhaltig , verblüffen durch Irritation und möchten den Betrachter so zum Weiterlesen und „Mehrsehenwollen“ animieren: Der Teaser (vgl. Stefan Heijnk: Texten fürs Web, Heidelberg 2011) ist eine Art visuelle Animation, eine Art Aufmerksamkeitsverstärker, durch den das Auge des Betrachters hängen bleibt, um sich überraschen oder erstaunen zu lassen – aus dem früheren blinden Fleck wird so ein buntes Fragment, das quasi automatisch frische Neugier produziert.

In der heutigen Social-Media-Welt verändern sich nahezu alle früheren Gewohnheiten, Erwartungen und Möglichkeiten. „Der Netzjargon hat unsere Sprache verändert. Und damit auch die Haltung, die durch sie ausgedrückt wird.“, schreibt die Bloggerin Annekatrin Kohout. Offenbar gilt das nicht nur für die Sprache, sondern natürlich umso mehr für „animierende Bilder“, die nicht mehr direkt als Eyecatcher funktionieren, sondern eher umgekehrt als Negation und Störung von Aufmerksamkeit. Es entsteht eine offene Frage an die Ausstellungsmacher: Funktioniert heute ein Eyecatcher, weil es ihn in seiner alten Funktion schon gar nicht mehr gibt? Und wenn ja, was ist dessen neue Funktion?

Wenn, wie Kohout schreibt, „Smileys und Emotjis zur Mimik werden, zum Unterton oder emotionalen Färbung dessen, was davor oder dahinter geschrieben steht.“ ─ was bedeutet das eigentlich für die Verwendung von Bildern, die ja immer auch als Signale das Unterbewusste des Betrachters erreichen sollen, und eben weniger vordergründige oder teilweise banale Botschaften mehr transportieren? Welche Bilder werden heute wie in die tägliche Bilderflut eingeschleust, die auf eine subtile, nicht-spektakuläre Weise auffallen oder irritieren sollen? Gerade in einer Zeit, in der vor allem Selfies (Ausstellungs-)Karriere machen, wächst offenbar das Bedürfnis, auch die Sprache, Stil(-Ansprüche) und Erwartungen von Eyecatchern, Teasern und Emotjis genauer zu studieren …

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