Abbildung von Vlatka Horvats Arbeit Always Greener in der Ausstellung Grün stört im Marta Herford

Vlatka Horvat: Always Greener, 2016

Kaum lernt ein Kind die ersten Worte, beginnt die Systematisierung der Welt und damit auch die der Farben. Die Wiese ist grün, der Baum ist grün, das Auto ist grün. Ein paar Jahre später in der Grundschule wird dieses Schema weiter gefestigt. Bei der Einführung des Farbkastens bekommt jeder Napf seinen Namen: Hier besteht die Welt nach DIN 5023 aus einem Blaugrün und einem Gelbgrün. Das klingt zunächst unspektakulär.
 
Die Reichweite dieser ersten Kontakte mit Farben ist uns oft nicht bewusst. Aber: Es ist das Handwerkszeug, mit dem wir – in den meisten Fällen – den Rest unseres Lebens arbeiten.
Grün ist also Grün. Aber eine komplette Ausstellung zum Thema Grün? Wo ist da der Spannungsbogen und der grüne Faden? Und wie vermittelt man Grün? Ist das nicht langweilig?
Fragen, die bei der Einarbeitung in die Ausstellung „Grün stört“ aufkommen. Als Kunstvermittler nähere ich mich der Kunst erst einmal über Daten, Verweise, Namen und Fakten, sammle Informationen und setze sie zu einem Bild zusammen. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht – bei dieser Ausstellung ganz besonders – anders aus. Zu Beginn jeder Führung stehe ich mit den Gruppen im Eingangsbereich der Ausstellung. Noch bevor ich ein paar einleitende Worte sagen kann, vollzieht sich jedes Mal das gleiche Ritual: Ein Besucher fragt: „Warum stört Grün?“ Die Regelmäßigkeit, mit der diese Frage gestellt wird, zeigt zum einen die gute Marketingwirkung des Ausstellungstitels und zum anderen die bereits anfangs erwähnte tiefgreifende Prägung der Farbzuordnungen. Danach ist Grün eben einfach nur Grün und hat nicht zu stören.

Martin Waldes Mud-Print Ponds

Martin Walde: „Ponds“, 2015

Um diese sozialisierte Wahrnehmung etwas aufzubrechen und Lust auf die Kunst zu machen, stelle ich offene Fragen in die Runde: „Warum steht Grün auf der einen Seite für Natur und Leben und gleichzeitig für Gift? Warum bedeutet Grün freie Fahrt und bei Rot bleiben wir stehen?“ Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Fragen und Denkanstöße helfen, um die Kunstwerke mit den Besuchern zu betrachten, neue Blickwinkel zu finden und Diskussionen anzuregen. Das zeigt sich beispielsweise bei Martin Waldes ganz offensichtlich grünem Druck „Ponds“. Doch welches Grün haben wir vor uns? Ein Naturgrün oder ein Giftgrün? Die Meinungen liegen weit auseinander. Die Fraktion der Naturgrünen beruft sich auf frisches Gras, Algen oder nasses Moos. Die Giftgrünen denken an Schleim, atomare Strahlung und Aliens. Hier stellt sich heraus, dass die Einordnung nicht nach der DIN-Norm des Farbkastens erfolgt, sondern von Assoziationen und Erfahrungen jedes Einzelnen geprägt ist.

Bei Vlatka Horvats Installation „Always Greener“ wird die Beziehung zwischen Farbe und Assoziation wieder aufgegriffen. Die Künstlerin zeigt uns eine Sammlung Kunstrasenmuster verschiedener Hersteller. Welches Stück Plastik kommt meiner Vorstellung von Grasgrün am nächsten? Woher kommt diese Vorstellung? Auch hier: Unterschiedliche Meinungen und Diskussionen. Saftiges, ungezähmtes Wiesengrün oder fein gestutztes „Betreten verboten“ Grün Modell „Berliner Tiergarten“? Vlatka Horvat würde sicher ihre Freude daran haben, wenn der Besucher dabei den eigenen Rasen mit dem seines Nachbarn vergleicht und über Gesundheitszustand und Grünfärbung philosophiert. Interessant: Die Künstlerin ergänzt die Auslegeware um eine Zeichnung mit den offiziellen Produktnamen der Hersteller. Namen wie „California memory“, „Parkland“ oder „The Hamptons“ geben uns die Assoziationen schon vor und machen uns (falsche?) Versprechungen.

Die Beziehung zwischen Farbe und Begriff greift Bärbel Messmann in ihrer Serie aus vier farbig gefassten Holztafeln auf. Jede Tafel zeigt uns drei Farben: Hintergrund, Schriftfarbe und Farbname. Doch ist unter den Farben ein „Nilgrün“? Gibt es überhaupt ein „Original Green“ – also das Urgrün, die Mutter aller Grüntöne? Stellen wir uns vor, jeder Besucher würde gebeten, sein persönliches „Nilgrün“ zu mischen. Gewiss würde keine Farbe der anderen gleichen. Das System der Farben aus der Grundschule beginnt zu bröckeln und wir merken, dass „die Begrifflichkeiten nur Annäherungen an die Realität sein können.“ (Bärbel Messmann)

Abbildung von Günter Umbergs Arbeit Territorium 2 in der Marta-Ausstellung Grün stört

Günter Umberg: „Territorium 2“, 2008

Bei Günter Umbergs Arbeit „Territorium 2“ bewegt man sich zum Abschluss des Ausstellungsrundgangs weiter auf unsicherem Terrain. Die Besucher reagieren zunächst irritiert; im vermeintlichen Schwarz erscheinen plötzlich grüne Untertöne. Ist hier nicht wenigstens ein Hauch Rot wahrnehmbar – oder ist es doch eine Täuschung? Und überhaupt, diese eigenartige Komposition. Welchen Sinn macht es für den Künstler die wie intime Erscheinungen wirkenden Bilder so offen zu hängen? Aus der anfänglichen Frage nach der „richtigen“ Bezeichnung von Farben entstehen plötzlich ganz neue. Etwa die Frage was überhaupt ein Bild ist ? Und die Besucher werden auf einmal ganz still, wenn ich ihnen eine persönliche, vom Künstler formulierte Sehhilfe vermittle: „Das Bild ist für mich ein Gegenüber.“

Wie einfach wäre die Welt doch, wenn es nur „Blaugrün“ und „Gelbgrün“ streng nach DIN 5023 gäbe. Vielleicht aber auch sehr langweilig, denn Grün ist eben doch nicht einfach Grün, sondern, um an den vermarktungstechnisch klugen Titel der Ausstellung anzuknüpfen: Grün ist, was Du daraus machst.

Poträt von Autor Bastian von den Eichen
Bastian von den Eichen hat Freie Kunst an der Kunstakademie Münster sowie Kunstgeschichte und Kultur- & Sozialanthropolgie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert. Er arbeitet als freischaffender Künstler und ist seit 2015 als freier Mitarbeiter im Marta Herford tätig.

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