Vor einiger Zeit sorgte Mauricio Cattelans vergoldete, aber zu nutzende Toilette im Guggenheim Museum für Aufmerksamkeit in den Medien. Man stellt sich die Frage, die seit ca. hundert Jahren die Gegenwartskunst antreibt: Was hat ein ausstellbares Objekt, wie etwa ein Kunstwerk, mit Banalität und/oder Exklusivität eines alltäglichen Gegenstandes zu tun? Man kann heute nahezu alles mit allem vergleichen – beispielsweise ein Kunstwerk mit einem beliebigen Gegenstand. Aber was geschieht dabei mit den beiden Realitäten, die sich beide verändern, wenn sie jetzt miteinander verglichen werden? Was soll ein Betrachter mit einer Toilette anfangen, die er benutzen könnte, wenn er sich aber viel lieber Gedanken über ihr Verhältnis zu anderen Sachverhalten machen möchte?

Heute stehen im Netz viele Dinge, Bilder und Begriffe in visuellen Zusammenhängen, in denen sie bisher noch nicht standen und die wie leere, noch ungenutzte Assoziationsangebote funktionieren. Alles kann so miteinander verglichen werden. Ein relativ voraussetzungsvolles Ereignis: Jeder Vergleich, ob sinnvoll oder nicht, verändert jetzt das miteinander Verglichene und damit auch alles, was darauf folgt: Die Geschichte eines Vergleichs und die Geschehnisse der Veränderung, die Vergleiche hervorrufen.

Besonders die überraschenden und häufig originellen Vergleiche zwischen Kunstwerken und Industrieprodukten bieten sich in ihrer Gegensätzlichkeit an, in einem Kontext miteinander betrachtet zu werden. Vergleiche erzeugen laufend neue Erkenntnisprozesse – vor allem aber auch unbestimmbare Zonen von Relevanz, die zwischen Einzigartigkeit und Banalität, Wiederholungen und (paradoxen) Erkenntnissen oszillieren. Mauricio Cattelans goldene Toilette ist beides: ein Hybrid aus Kunstidee und Nutzobjekt sowie eine Lehrstunde zum Thema „Die Entwertung von Kunst durch deren mögliche Vergleichbarkeit“.

Vergleiche produzieren Unterschiedliches gleichzeitig – vor allem eine Nachfrage nach einem Mehr, ein Wunsch neben formalen Ähnlichkeiten auch neue Erkenntnisse darzustellen. Kunst wäre demnach eine Form von Bildung, die auch mit banalen, scheinbar selbstverständlichen Sätzen operiert. Je einfacher man deren Zusammenhänge darstellt, desto mehr wächst die Deutungsmacht derjenigen, die diese verstehen können.

5 Kommentare
  1. Lieber Herr Kröger,

    eine feine Idee: Kunst denken. Ja, darum geht es doch. Denken. Dafür Anstösse zu liefern, ist großartig. Und mit der goldenen Toilette von Cattelan greifen Sie ein aktuelles Thema auf. Ich kann Ihren Ausführungen folgen. Beim Anblick der goldenen Toilette kam mir allerdings sofort ein anderer Gedanke in den Kopf. Der hat auch mit Vergleichbarkeit zu tun. Und zwar mit der Frage, wie ich Cattelans Klo im Vergleich mit Duchamps Pissoir vergleichen soll? Ist es das Gold, das hier den entscheidenden Unterschied macht (denn ob Klo oder Pissoir – das ist egal, finde ich).

    Mich hat es ein bisschen genervt, dass mir gefühlte tausend Mal auf verschiedenen Medien diese Toilette als Sensation verkauft werden sollte. Ich finde, den entscheidenden künstlerischen Impuls hat eben 100 Jahre früher schon jemand gehabt. Natürlich kann man Ideen noch einmal aufgreifen, verstärken, verändern, neu denken. Aber in diesem Falle hat sich mir das nicht erschlossen. Vielleicht helfen Sie mir da auf die Sprünge. Manchmal ist es ja nur eine kleine Perspektivänderung und man erkennt die Dinge.

    Herzliche Grüße
    Anke von Heyl

    • Michael Kröger

      Liebe Frau von Heyl,

      danke für Ihren Kommentar. Auch mich hat die ungeheure mediale Flut bezüglich Cattelans Toilette so aufmerksam gemacht, dass ich es zum Anlass genommen habe, das alte Thema des Vergleichens aufzugreifen. Natürlich gibt es viele Parallelen zwischen Cattelan und Duchamp: Ja, es geht um Offenheit, die entsteht, wenn man Ähnlichkeiten und Unterschiede herstellt. Etwas zu vergleichen impliziert als geistige Operation die Fähigkeit, Beziehungen zwischen den Elementen transparenter zu denken. Man wählt Gemeinsamkeiten oder eben auch Unterschiede aus, dreht Perspektiven einfach um und gestaltet so seine eigene Wahrnehmung flexibler, beziehungsreicher und schneller. Interessant wäre beispielsweise die Frage, inwieweit sich Cattelan überhaupt von Duchamp als Vorbild hat lösen können und hier kommt ins Spiel, was Sie ansprechen, wenn Sie Duchamp den entscheidenden künstlerischen Impuls zusprechen: Entscheidend für Cattelans Arbeit ist ja, dass er hier etwas explizit erlaubt, was bisher in der Regel ausgeschlossen war: die Nutzung. Und versteht man diese großzügige Geste wortwörtlich, hat es ja auch etwas Befreiendes: Es gibt nichts, was man ausschließen kann. Alles wird möglich und kann angewendet (benutzt) werden – aber man muss sich dann auch mit den Folgen des eigenen Handelns auseinandersetzen… .

      Herzliche Grüße
      Michael Kröger

      • Lieber Herr Kröger,

        richtig, die Nutzung! Das hatte ich irgendwie verdrängt.
        Ich stelle an mir selber fest, dass ich mir medial vervielfachte Bilder irgendwann den Blick vernebeln. Vor allem, wenn sie als Sensation durchgenudelt werden.
        Da hat Cattelan natürlich wieder einmal bewusst ein Tabu berührt. Das Benutzen von Kunst in Verbindung mit einer der banalsten menschlichen Verrichtungen. Gut, da muss ich dann jetzt mal weiter drauf rumdenken.

        Viele Grüße
        Anke von Heyl

        • Michael Kröger

          Liebe Frau von Heyl,
          auch wenn kürzlich das Museum Tinguely eine Ausstellung zu taktilen Erfahrungen in Kunst realisierte (PRIÈRE DE TOUCHER – Der Tastsinn der Kunst http://www.tinguely.ch/de/ausstellungen_events/ausstellungen/2016/Priere-de-toucher.html): die real unmögliche Nutzbarkeit von Kunst im Museum wird gerne und immer verdrängt – es wirkt bis heute als indirekter „Hinweis“ auf den Kunstcharakter von Werken und führt beim Publikum immer wieder sofort zum Reflex: Achtung, ein Kunstwerk, Vorsicht! Das fördert nicht gerade einen entspannten Umgang mit dem Werk. Im übertragenen Sinne kann Nutzen (und Berühren) ja aber auch umgekehrt ein inneres Berührtwerden, ein Mit- und Miteinanderdenken und im besten Falle eine gegenseitiges Inspiriertwerden zur Folge haben. „Die Geschichte der Nutzbarkeit im Museum“ wäre so ein lohnendes Thema für weitere Gedankensprünge …
          In dem Sinne mit besten Grüßen
          Michael Kröger

          • Lieber Herr Kröger,

            ich habe es in meiner Praxis als Kunstvermittlerin sehr oft erlebt, dass die Besucher in einer tiefen Unsicherheit befinden. Bezüglich der Frage, was man nutzen darf. Denn meist wird ihnen ja ein Heidenrespekt eingejagt. Bloß nichts anfassen. Und dann ist da plötzlich etwas, das man benutzen, besitzen, begehen soll … da kommen die meisten nicht mehr mit.

            Ich finde die Idee mit der „Nutzbarkeit“ sehr spannend. Es gibt ja auch immer wieder große Vorbehalte gegenüber einer sogenannten „Instrumentalisierung“ von Kunst. Ich finde, Kunst kann mehr, als nur für die kontemplative Betrachtung da zu sein. Sehr schön ist ihre Idee der inneren Berührtheit.

            Herzliche Grüße (und ich hoffe, ich schaffe es bald wieder nach Herford!!)
            Anke von Heyl

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