Director's cut

So häufig wie noch nie hat uns im vergangenen Jahr die Frage bewegt: Was ist das Museum der Zukunft? Wie müssen und wie können wir darauf reagieren, dass sich die Gesellschaft und der Kulturbegriff, Freizeitverhalten und Zukunftsperspektiven permanent – und gegenwärtig (zumindest gefühlt) besonders schnell – verändern? Denn einerseits fühlen wir uns den klassischen Aufgaben des Museums tief verpflichtet: also künstlerische Werke auszuwählen, zu sammeln und als kulturelles Erbe zu bewahren, Geschichte und Gegenwart der Kunst zu erforschen und zu präsentieren, vor allem aber ein Bewusstsein zu vermitteln für die kulturellen Wertigkeiten und Zusammenhänge, für Gemeinsamkeiten und Unterschiede, für eine künstlerische Sprache, die Ideen, Erfahrungen und Perspektiven in Bilder übersetzt und den Alltag auf ein anderes Niveau hebt.

Andererseits aber kann man nicht die Augen davor verschließen, dass sich gesellschaftliche Zusammenhänge verändert haben. Vielleicht kann oder will eine jüngere Generation nicht mehr die Zeit, die Lust oder die Aufmerksamkeitsspanne dafür aufbringen, im Museum ästhetische Erfahrungen für die persönliche Orientierung jenseits von Großevents zu suchen. Allerdings war es vor dem großen Museumsboom der 1980er Jahre eigentlich auch schon so, dass es eher Individualisten, zumindest aber nicht die großen Massen waren, die die Museen aktiv nutzten. Die Kunst- und Ausstellungswelt fristete vielfach ein ruhiges, heute würden wir sagen „verschlafenes“ Dasein im Schatten eines kaum infrage gestellten gesellschaftlichen Konsenses über die Notwendigkeit dieser Institutionen.

Warum überhaupt Museum?

Das aber hat sich grundlegend geändert. Nicht nur trifft man bisweilen auf jüngere Menschen, die ganz offen danach fragen, warum man eigentlich solche Einrichtungen braucht, und die uns Engagierte vor allem dann einen großen Schrecken einjagen, wenn sie aus dem politischen Raum heraus argumentieren. Zugleich aber haben sich auch die Organisations- und Finanzierungsstrukturen von Museen in den letzten rund 30 Jahren oft grundlegend verändert und der Erfolg bei Publikum, der Erfolg „an der Kasse“ ist zu einer tragenden Säule für die Rechtfertigung unserer Existenz geworden. Vokabeln wie „kulturelles Gedächtnis“, „Kulturleistungen“, „Avantgarde“, „kunsthistorische Forschung“ oder „Sammlung als Identität“ stellen heute nicht von vornherein einen Wert dar, sondern werden leicht als Zeichen eines elitären, nicht volksnahen Denkens hingestellt. Andererseits: Hätten wir heute Smartphones, Sonnenenergie oder Satelliten, wenn wissenschaftliche Forschung nicht hoch komplex, sondern für alle verständlich arbeiten müsste?

Und nicht zuletzt: Auch die soziale Struktur unserer Gesellschaft hat sich nachhaltig verändert. Wir leben heute internationaler, global, vielsprachig, mobil über tausende Kilometer mit Warenflüssen rund um den Globus und damit auch mit Menschen, die sich aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern zusammenfinden – und dann sprechen wir noch nicht einmal von den ebenfalls gravierenden politischen und sozialen Fluchtbewegungen. Wie geht man als Museum damit um? Wie sprechen wir die Besucher*innen an, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne? Mit welchen Erwartungen – wenn sie denn überhaupt noch gestellt werden – sind wir konfrontiert?

Gefühl und Härte

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird es zunehmend komplexer über ein in die Zeit passendes, relevantes und inspirierendes Ausstellungsprogramm nachzudenken. Mit der Scham haben wir Anfang 2017 ein Gefühl zum Thema gemacht, dass kulturübergreifend eine Grunddisposition des Menschen beschreibt. Zugleich aber ist das Schamgefühl höchst individuell und gesellschaftlich geprägt. „Die innere Haut – Kunst und Scham“ machte auf äußerst sinnliche Weise erfahrbar, dass die Kunst über ganz eigene und faszinierende Mittel verfügt, Scham zu thematisieren ohne beschämend zu sein. Dann entdeckt man, dass es gar nicht die vorgestellten Schockbilder sind, die einem plötzlich die eigenen Wertsetzungen bewusst machen, sondern viel eher die subtilen Andeutungen oder Fragen nach dem Warum des Selbstverständlichen. Selten hatten wir in einer Ausstellung so berührende, persönliche und die Welt mit so vielen kulturellen Unterschieden thematisierende Diskussionen.

Was eine Museumssammlung bedeuten und welche belebenden Funken sie schlagen kann, machten dann die „Risse in der Wirklichkeit“ deutlich. Zwei Künstler mit unterschiedlichen Arbeitsweisen aus unterschiedlichen Ländern, die sich zuvor nicht kannten, aber beide in unserer Sammlung vertreten sind, wurden hier zusammengebracht. Sie entfachten mit ihren Werken einen großartigen Dialog. Der Maler Jens Wolf (D) und der Bildhauer Gavin Turk (GB) haben sich beispielsweise beide schon früh mit dem Werk von Joseph Albers auseinandersetzt und suchen mit ihren sehr verschiedenen Ausdrucksformen nach einer bildlichen Leidenschaft jenseits der gestischen „Handschrift“. Was hier mit den Augen an Parallelen und gegenseitiger Befragung zu entdecken war, war für mich wirklich großes Kino.

Zwischen Zonen“ stellte dann neun Künstlerinnen aus dem arabisch-persischen Raum mit zum Teil umfangreichen Werkgruppen vor. Hier wurde unter anderem sehr deutlich, dass das Museum der Zukunft und die wachsende kulturelle Diversität der Gesellschaft ein sehr komplexes Themenfeld ist. Wie zum Beispiel möchten Künstler*innen überhaupt wahrgenommen werden und in welchem Rahmen fühlen sie sich angemessen repräsentiert? Will man sich und sein Werk über den „arabisch-persischen Raum“ rezipiert wissen? Warum soll man in einer Ausstellung nur mit Frauen präsentiert werden? Was kann einem ein Museum außerhalb der großen Kunst-Hotspots an Möglichkeiten bieten? All dies waren Fragen, mit denen wir als kuratorisches Team plötzlich konfrontiert waren und die dieses Ausstellungsprojekt vom ersten Moment an als etwas sehr Besonderes markierten. Aber auch Landsfrauen und -männer als Begleiter durch die Ausstellung, das Erzählerische als tragende Struktur, Rundgänge in arabischer Sprache und vieles mehr waren Aspekte, die immer wieder die Institution, vor allem aber die Gruppe(n) möglicher Besucher*innen infrage stellten und nach Positionierungen unseres Hauses riefen. Diese Auseinandersetzung ist noch längst nicht abgeschlossen, im Gegenteil, sie hat gerade erst begonnen.

Von Schwarzräumen zur Farbenpracht

Es ist Juli, es ist Sommer, draußen scheint die Sonne und das Freibad ruft. Verständlicherweise wollen zu diesen Zeiten weniger Menschen ins Museum gehen als beispielsweise rund um den Jahreswechsel, wo es traditionell bei uns immer sehr voll ist. Aber will man mitten im Sommer Filme schauen, in dunklen, vielleicht von der Projektionstechnik auch noch aufgeheizten Kabinetten? Eine berechtigte Frage, die wir nicht nur klären wollten, sondern sogar mutig beantworteten wollten mit: „Ja, vielleicht gerade dann ist das Abtauchen in den schwarzen Filmraum eine Erholung vom grellen Sommerlicht.“

Mix it – Popmusik und Videokunst“ hieß die dazugehörige Ausstellung, die tatsächlich ausschließlich filmische Werke in dunklen Räumen präsentierte – allerdings thematisch, musikalisch und inszenatorisch so abwechslungsreich, dass sie schnell zu einem kleinen Sommerhit für das Museum wurde. Und es war eben auch nicht nur das eher jüngere Publikum, das sich von Bildern und Tönen faszinieren ließ (allerdings dominierten sie dann eindeutig die Mix-it-Bandnacht), sondern auch sehr viele ältere Menschen folgten gebannt den verschiedenen Projektionen. Bemerkenswert auch, dass es gelang, mit einer einfachen, aber gut und informativ strukturierten Web-App die nötigen Infos zu den einzelnen Werken anzubieten. Hier hatten die leuchtenden Smartphones oder ausleihbaren iPods unschlagbare Vorteile gegenüber jedem Handzettel oder Wandtext im Dunkeln. Ist die Verschränkung der Medien, die Einbeziehung des eigenen Mobilgeräts in die Ausstellungserfahrung ein Baustein für das zukunftsfähige Museum?

Als wir im Jahr zuvor bereits auf die Idee kamen, den Charakter der De-Stijl-Bewegung mit dem griffigen Slogan „Revolution in Rotgelbblau“ zusammenzufassen, war ein wichtiger Grundstein gelegt für einen farbenfrohen Marta-Winter. Diese Ausstellung über „Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst“ war nicht nur ein über mehrere Jahre hinweg mit dem Centraal Museum Utrecht vorbereitetes Herzensprojekt, sondern für uns auch so etwas wie der Idealfall einer geschichtsbefragenden Ausstellung: Warum schauen wir uns Bilder, Entwürfe und Gestaltungen von vor 100 Jahren heute noch an? Was können sie uns für unsere Gegenwart mitteilen und wie setzten sich zeitgenössiche Künstler*innen mit diesem Erbe auseinander? Gelingt es unsere Zeit in dieser Historie gewinnbringend zu spiegeln?

Es war für meine Mitarbeiter*innen und mich von besonderem Wert, dass nicht nur wir dieser Frage mit Begeisterung (auch in Bezug auf die optische Präsentation dieser Werke) zustimmen konnten, sondern dass auch ein breites Publikum dies so empfand – vielleicht auch deshalb, weil wir erstaunlicherweise das einzige Museum in Deutschland geblieben sind, das dieses in den Niederlanden allgegenwärtig gefeierte Jubiläum aktiv begleitet hat. Eigentlich schade, vor allem wenn man sieht, wie bereits jetzt das Bauhaus-Jubiläum 2019 überall in Deutschland thematisiert wird. Wie grenzüberschreitend denken und arbeiten wir wirklich und in Zukunft?

Künstlerrollen, Schutzräume und die große Öffnung

Es ist nicht der schlechteste Abschluss eines Jahresprogramms, wenn es seine Besucher*innen am Ende in ein inspirierendes Geheimnis entführt. Mart Stam ist vielleicht nicht als Name allgegenwärtig, aber auf jeden Fall mit dem von ihm erfundenen hinterbeinlosen Kragstuhl, der dann spätestens in der Nachkriegszeit seinen internationalen Siegeszug als „Freischwinger“ nahm. Auch als Architekt hat der „Radikale Modernist“ wegweisende Bauten und architektonische Ideen hinterlassen. Allerdings verlor sich sein Lebensweg Anfang der 1980er Jahren fast vollständig im Unbekannten. Warum wollte er nicht mehr gefunden werden? Und hat ein international hoch geschätzter, ja in seinen Kreisen berühmter Architekt auch das Recht, nach eigenem Gutdünken zu verschwinden?

Die Besucher*innen auf diesen von Ideen, Idealismen und Gesellschaftsutopien geprägten Lebensweg mitzunehmen, der zunehmend vom Blick für das große Ganze hin zur Selbstisolation mit wachsendem Verfolgungswahn führte – das war das Anliegen einer Ausstellung, die auch danach fragte, welche Rolle Künstler*innen oder allgemeiner gesagt Kulturschaffende in der Gesellschaft eigentlich einnehmen (sollen). Das Museum von morgen hat auch gerade diese Fragen zu stellen: Wofür brauchen wir Künstler*innen, was erwarten wir von ihnen und welche Rolle nehmen sie in unserem hoch ökonomisierten Zusammenleben zukünftig ein?

Nun also beginnt das Jahr 2018 und wir werden uns auch weiterhin intensiv damit beschäftigen, was dieses Marta Herford eigentlich sein soll, was es ist und wie es werden muss. Der schweizerische Künstler Thomas Hirschhorn hat 2015 einige auch ganz praktische Forderungen dazu formuliert: „Das Museum der Zukunft wird immer geöffnet sein, die ganze Zeit (24/7), ohne Schlusszeiten, denn Kunst, Philosophie, Poesie können jederzeit und immer eine Notwendigkeit sein. … Der Zugang zum Museum der Zukunft muss für jeden jederzeit frei sein. … Die Richtlinie für das Museum der Zukunft heißt: Präsenz und Produktion. … Kein Programm oder kein Plan wird mehr benötigt. … Das Museum der Zukunft wird keine ‚Wächter‘ und kein ‚Sicherheitspersonal‘ haben … Das Museum der Zukunft hat den Ehrgeiz, einen öffentlichen Raum zu bieten, ein Zuhause oder sogar ein Schutzraum zu sein.“ (nachzulesen in KUNSTFORUM international, Bd. 251)

Ein Schutzraum ist das Museum in meinem Verständnis schon heute. Aber denken und arbeiten wir tatsächlich noch viel zu programmorientiert? Und wann möchte man warum das Museum zur Verfügung, also als öffentlichen Raum geöffnet haben? Wer kommt dann, wer zahlt das, wer spricht darüber? Und kann es sein, dass das Museum der Zukunft in Zukunft dann gar kein Museum mehr ist? Dafür ein Ort der Kommunikation, des Austausches von Ideen und der künstlerischen Impulssetzungen? Sind wir als Gesellschaft bereit, darin zu investieren, weil wir daran glauben, dass diese Orte unsere kulturelle Identität fördern und der Welt – sprich uns – die notwendigen Perspektiven für die Weiterentwicklung bieten?

All das sind ungemein aufregende und herausfordernde Fragen, die immer auch knapp an der Selbstabschaffung vorbeizielen. Schwierig macht deren Bearbeitung und gegebenenfalls Beantwortung nur die Tatsache, dass bisher (noch?) kein Politiker, keine Stadtgesellschaft und keine Stiftung bereit ist, dies alles im laufenden Betrieb auszuprobieren. Denn was geschieht, wenn es doch ein Denkfehler ist, wenn die Gesellschaft für diesen grundsätzlichen Wechsel der „Kulturversorgung“ noch nicht bereit ist oder aber die Erwartungen an die Nutzer*innen einer solchen Einrichtung zu hoch oder ganz falsch sind?

So werden wir auch 2018 mit kleinen Schritten, aufregenden Experimenten und mutigen Änderungen des Gewohnten an diesen Fragen arbeiten. Manches ist auch gar nicht so dramatisch in den Konsequenzen, sondern will nur gut durchdacht und verantwortungsvoll umgesetzt werden – wie beispielsweise andere, besser zum geänderten Freizeitverhalten passende Öffnungszeiten und Vermittlungsangebote oder ein grundsätzlich freier Eintritt zumindest für Menschen bis 18 oder sogar 20 Jahre. Auch daran werden wir neben einem interessanten Ausstellungs… ja, immer noch …programm arbeiten. Und es wäre mir und uns eine große Bereicherung, wenn Sie sich als Marta-Nutzer*innen aktiv an diesen Denk- und Veränderungsprozessen beteiligten!

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