Der nächste Moment
Früher erzählte man Geschichten von bestimmten glücklichen oder traurigen, erfüllten oder unerfüllten Augenblicken. Heute zählt allein das blanke Jetzt, der nächste Moment, die nächste Idee, das nächste Bild. An die Stelle der früheren Erzählung ist heute ein scheinbar unfassbares, veränderbares „uferloses Jetzt“ (Vgl. Karl Clausberg, Statt Ferngefühl Nahsicht – das dramatische Präsenz der Bilder. In: Ulrike Feist und Markus Rath. Et in imagine ego. Facetten von Bildakt und Verkörperung. Berlin 2012, S. 73.) getreten – eine unbekannte Insel im breiter werdenden Fluss der Zeit oder etwas weniger poetisch formuliert: Der Zwang, den Anschluss an eine nächste Gegenwart zu gewinnen. Leben beinhaltet die Erkenntnis, dass im nächsten Moment alles schon ganz verändert sein kann.

Ideen verändern
Wie erzählt man von einer Idee, die gerade erst noch unbestimmt entsteht? Wie verändern sich unsere Erwartungen gegenüber der Gegenwart, indem ein Projekt öffentlich ausgestellt wird? Stellen Sie sich doch einmal vor, wenn die Zeit, die uns begleitende Gegenwart, plötzlich wie ein Kunstwerk funktionieren würde und sie hätten die Aufgabe dieses zu beschreiben. Zugegeben, die gegenwärtige Zeit ist kein Kunstwerk (und wenn doch, dann wohl eher ein Readymade) aber die Idee, sie könnte einmal ein Werk werden, ist schon reizvoll.

Jetzt oder nie
Wer sich heute den Luxus leistet, über genügend freie Zeit zu verfügen, der lernt es, selbst so ein paradoxes Phänomen wie die Zeit, in der wir leben, genauer zu bestimmen. Auch wenn wir selten im Hier und Jetzt leben, so wirken die Paradoxien, mit denen wir heute Zeit erfahren als eine ständige Herausforderung. Im Unterschied zu früher, als eine Geschichte mit dem bekannten „Es war einmal …“ begann, heißt es dagegen heute: Jetzt oder nie! Nie war es einfacher, aber auch herausfordernder, der Zeit, in der man jetzt lebt, ein Gesicht zu geben, von der Zeit zu erzählen, oder in der Zeit einen neuen Sinn für die Gegenwart zu offenbaren.

jetztodernie

Wie sich im Museum Zeit verändert
Wie erzählt sich Zeit im Museum? Erzählt nicht vielmehr das Museum den Besuchern Darstellungen, aus denen die Menschen sich ihre eigenen Geschichten ihrer jeweiligen Gegenwart erzählen? In keiner anderen öffentlichen Institution ist die Zeitbindung eines „Kunden“ so spürbar wie im Museum. Nur hier befinden sich alle drei Zeithorizonte – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in einer einzigartigen Weise miteinander im Dauerdialog (know-time.de/idee/). In seinen 2015 veröffentlichten “Eight conditions for the museum of the future” notiert Thomas Hirschhorn: “ 1. The aim is the deployment or redeployment of public space or that within the institution. Therefore, a clear mission is needed: to be a space to get in contact with art, philosophy and poetry, not for commercial activities, glamour, fashion, or any exclusivity. 2. The goal is to create the conditions for an event – and to encourage the transformation of this event. …. ” (www.tate.org.uk/context-comment/articles/what-museum-future) Jedes gelingende Werk ist fähig, die Gegenwart seiner Betrachter so zu verändern, dass dieser den Eindruck erhält, also ob er selbst es sei, der den dargestellten Moment einer Zeit zu seiner eigenen Zeit der Darstellung zu transformieren.

Was wäre die Zeit?
Wer ein Faible dafür hat, einfach einmal überraschende, unorthodoxe Vergleiche in die Welt zu setzen und dabei zu beobachten, welche Effekte sie haben, der könnte jetzt aufmerksam werden. Was wäre, so könnte man fragen, wenn die Zeit wirklich ein großes Kunstwerk wäre, genauer, wenn die Gegenwart, die ja in jedem Moment ihrer Existenz zu einer Vergangenheit wird, bereits wieder zu einer anderen, neuen veränderten Gegenwart wird? Und vor allem, was wäre eigentlich die heutige Aufgabe des Publikums, die ja in dieser Gegenwart leben (müssen)? Ist heute Zeit nicht so etwas wie die Muse ihrer Veränderbarkeit? Ausstellungen formulieren nicht, was funktioniert, sondern wie es auch anders funktionieren könnte. Anders als die Gesellschaft, die kommuniziert, wie sie kommuniziert, ist also die Ausstellung wahrscheinlich eher in der Lage Alternativen zum Bestehenden anzudeuten.

Relevanz – und ihre Folgen
Keiner weiß mehr über alles Bescheid – aber alle reden von Relevanz. Ohne das Relevante von seinem Gegenteil zu unterscheiden, ist eine fokussierte Wahrnehmung heute immer schwieriger möglich. Diese Formulierung bezeichnet, rein zeitlich betrachtet, den Ort der Gegenwart, an dem jetzt ausgewählte Daten einen Rahmen herstellen, in dem ein Problem gelöst, eine Geschichte erzählt oder eine neue Bedeutung von anderen unterschieden wird. Alles könnte jeweils ganz werden; das Leben bietet mehr Chancen als man diese realisieren könnte. Die Gegenwart zwingt uns ständig die Möglichkeiten des nächsten Moments zu ergreifen, unter diesen das Relevante auszuwählen. Wer entscheidet, was Relevanz beinhaltet und was nicht, besitzt die Macht der Definition – und in gewisser Weise auch die Macht über die Zeit. Was gestern noch relevant war, kann heute schon ganz anders sein. Immer noch einmal neu veränderbar – so heißt die Formel, in und mit der heute von Moment zu Moment gehandelt wird.

1 Kommentar
  1. Lieber Michael Kröger,

    gerne habe ich Ihre Gedanken gelesen und bin froh, dass ich mir dafür Zeit genommen habe. Spannend, die Zeit mal aus dieser Perspektive zu betrachten. Ja, die fokussierte Wahrnehmung ist heute schwierig – dennoch fischt man immer aus dem Strom der Möglichkeiten etwas heraus, das einen beschäftigt. Alles geht schneller und irgendwie ist es auch fluider. Mir sagt das zu. Ich nehme dann einen Gedanken auch mal mit zum Laufen oder denke beim Einkaufen weiter darauf herum. Vielleicht begegnet mir unterwegs ein Motiv zum Gedanken, das ich mit meinem Smartphone festhalten kann.

    Relevanz – dieses Stichwort hört man tatsächlich häufig. Angeblich ist es ja ein Geheimnis, mit dem man Sichtbarkeit erzeugt. Aber die wenigsten haben den Wortsinn näher beleuchtet. Jetzt habe ich auch hier ein paar Anregungen für weitere Gedanken.

    Herzliche Grüße
    Anke von Heyl

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