Zwei Jäger treffen auf zwei Personen vom Naturschutzbund, einen Jäger und Naturschutzbündler in Personalunion sowie einen Tierrechtler – noch kurz vor Beginn des Treffens frage ich mich, wie gut diese Idee so unterschiedliche Parteien zusammenzubringen wirklich war. Wie kam es dazu? Im Zentrum der Arbeit des amerikanischen Installationskünstlers Mark Dion, die Marta Herford seit Oktober ausstellt, steht die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Natur, vor allem nach der Idee, die wir von Natur haben. Auch die Jagd fasziniert Mark Dion, so dass ihr gleich ein gesamter Raum gewidmet ist. Grund genug für uns Personen mit unterschiedlichen Haltungen und Verhältnissen zur Jagd einzuladen und mit ihnen über verschiedene Sichtweisen auf die Werke Dions zu sprechen.

Gesamteindruck des Marta-Doms während "Widerspenstige Wildnis"

Der Marta-Dom, in dem die Jagd den thematischen Schwerpunkt bildet, ist wohl der interessanteste Raum für unsere Gruppe. Die beiden Hochsitze, vor allem der niedrigere, in den sich auch von unten hineinschauen lässt, regen zum lebendigen Erfahrungsaustausch an. Die Jäger der Gruppe berichten, dass sich viele Jagdbräuche in den letzten Jahren durch den zunehmenden Vandalismus, aber auch aus Sicherheitsgründen stark verändert haben. Letzteres sei vor allem durch den Umgang mit Waffen bedingt, auf den an späterer Stelle noch eingegangen wird – Alkohol, früher ein fester Bestandteil der Jagd, sei heute gar nicht mehr denkbar. Auch sei es nicht mehr möglich, die Jagdsitze derartig wohnlich einzurichten, wie es Mark Dion getan hat. Trotzdem spiegelt es das wieder, was Jäger schätzen: Der Entspannungs- und Wohlfühlfaktor in den Hochständen, das sich im Einklang mit der Natur sein und oben in der Luft Zeit verbringen, auch um Tiere nur zu beobachten. Letzteres müsse auch immer mehr bedient werden – „ganze Busladungen voll Menschen“ kämen, um auf Hochsitzen Kraniche zu beobachten. Anscheinend nimmt das Interesse an Aktivitäten in der Natur weiter zu und Hochsitze sind inzwischen mehr als nur ein Symbol der Jagd.

Nachdem der Sohn eines Jägers auf den höheren und nicht einsehbaren Hochsitz klettert und berichtet, was er hier vorfindet (neben Alkohol auch erotische Literatur und Postermotive), wird klar, dass Dion mit den Hochsitzen zwei gegensätzliche Bilder von Jägern zeichnet: Zum einen den Trophäenjäger, der sich mit Attributen einer vermeintlichen Männlichkeit umgibt, und zum anderen einen hegenden und belesenen Wildhüter. Auf den zweiten, niedrigeren Hochsitz begibt sich auch unser Tierschützer; eine einmalige Begegnung, wie ich finde. Zu welcher Gelegenheit sonst würde ein selbsterklärter Tierrechtler im wahrsten Sinne des Wortes die Perspektive eines Jägers einnehmen und sich mit dieser so intensiv auseinandersetzen?

Abbildung von "Men and Game"

Mark Dion: „Men and Game“, 1998

Bei der Jagdgalerie „Men and Game“, die über 150 Fotografien von Jägern und ihrer Beute zeigt und die mit jeder Station ihrer Ausstellung weiter wächst, wie uns die verantwortliche Kuratorin Friederike Fast, die uns durch die Ausstellung führt, verrät, entbrennen Diskussionen. Schon alleine diese Situation ist beeindruckend: Wann vermag es Kunst Menschen, die nicht ausdrücklich kunstbegeistert sind, unmittelbar dazu zu bewegen über die Begegnung mit Kunst und die eigenen Erfahrungen zu sprechen?

Der erste Anstoß zur Debatte kommt von dem Bild einer Jägergruppe um einen erlegten Elefanten. Die Jäger unterstreichen, dass sie selbst die Trophäenjagd (Peta wählte das Wort kürzlich zum Unwort des Jahres) ablehnen und die Jagd als Mittel zur Wildreduktion oder Nahrungsmittelbeschaffung ansehen. Trotzdem werden uns interessanterweise auch Aspekte nähergebracht, die selbst mir als eigentlich überzeugter Jagdgegnerin ein moralisches Dilemma aufzeigen. So werde die Jagd auf Elefanten nicht nur ermöglicht, weil diese das Leben der Menschen in afrikanischen Dörfern bedrohen, sondern auch, weil der Preis, den Jäger für die Jagd auf einen Elefanten zahlen, es ermögliche die Infrastruktur beispielsweise durch den Schul- oder Brunnenbau zu stärken. Zudem bekämpfe der Jagdtourismus das Problem der Wilderer vor Ort. Ein kontrollierter Naturschutz werde durch die Infrastruktur der touristischen Jagd ermöglicht, der Wilderer aus diesen Gebieten fernhalte. Auch das Fleisch des erlegten Elefanten werde gegessen und ermögliche einer gesamten Schule Nahrung für eine Woche. Hier fällt mir auf, wie schwer es vor diesem Hintergrund sein muss, sich gegen die Freigabe eines Elefanten zur Jagd im Tausch gegen die großen Summen, die Jäger oft zu zahlen bereit sind, zu entscheiden.

Auch kommen wir auf das zu sprechen, was Mark Dion selbst an der Jagd reizt: Die gesellschaftliche Codierung. Während in Amerika das Jagen oft als Verdienen eines Zubrots verstanden wird, sei es in Europa eher als ein Privileg zu verstehen. Sofort wird in diesen Erklärungsversuch interveniert und die historischen Entwicklungen der Öffnung und Limitierung der Jagd in Deutschland nach 1848 nachgezeichnet. Das stellt heraus, dass Jagd viel mehr ist als das bloße Erlegen von Tieren oder Nahrungsmittelbeschaffung ist – es scheint als eine wichtige Tradition aufgefasst zu werden. Dies bestätigt sich auch, als ich die Jäger nach ihren Empfindungen bei der Betrachtung der Jagdgalerie befrage, die aus zahlreichen Fotografien von freudig posierenden Menschengruppen mit einem getöteten Tier besteht. Während ich diese bisher als Anklage verstand, empfinden die Jäger das Strecke-Legen, das auf vielen der hier vorhandenen Fotografien abgebildet ist, als eine Form der Respektzollung gegenüber den Tieren. Gleichzeitig – so geben sie zu – sei es auch eine Form des stolzen Erfolgsbeweises. Verglichen wird es mit dem weitverbreiteten Posieren mit Doktorhüten bei Universitätsabschlüssen. Auch wenn ich dies nicht nachvollziehen kann, fange ich an, das Denken der Jäger zu verstehen.

Einig sind sie sich auch darüber, dass die Emotionen immer eine wichtige Rolle spielen, obwohl die rationalen Gründe stets überwiegen und im Vordergrund stehen sollten. Nichtsdestotrotz betonen sie, dass sie die Jagd als Form der Naturverbundenheit verstehen und eben keineswegs als Sport. Gleichzeitig wird aber der als natürlich angenommene Jagdinstink betont. Immer mehr kann ich nachvollziehen, was Dion meint, wenn er sagt: „Der Umgang des Jägers mit der Natur basiert auf einem grundlegenden Widerspruch: Durch das Töten bringt er seine große Sensibilität und sein Wissen um die Bedürfnisse der Natur zum Ausdruck.“

Als es um die Notwendigkeit der Jagd zur Wildreduktion geht, ergreift auch der Tierrechtler das Wort. Ob durch den Verzicht auf die Winterfütterung nicht automatisch eine Wildreduktion eintrete, fragt er. Der Förster klärt uns darüber auf, dass es unter Jägern verpönt sei, Tiere zu diesem Zwecke mittels Futter am Leben zu halten. Die umstrittenen Winterfütterungen würden durchgeführt, um Tiere von Dörfern fernzuhalten oder an einem bestimmten Punkt zur Beobachtung zu versammeln. Die Aussage, mit dem Ziel der Wildreduktion zu jagen, erscheint mir trotzdem nicht in allen Fällen glaubhaft: Beispielsweise wird als Grund für die Fuchsjagd sein Wesen als Räuber angegeben. Zugleich berichtet die Naturschutzbündlerin – die übrigens selbst einen Jagdschein besitzt und eine Form der „notwendigen Jagd“ toleriert, dass sich vermehrt Feldmäuse zur Plage entwickeln. Deren natürlicher Feind ist der gejagte Fuchs. Ich stelle für mich fest, dass Jagd immer einen massiven Eingriff in die Natur darstellt.

Abbildung der Installation "Shooting Gallery"

Mark Dion: „The Shooting Gallery“, 2012

Auch die Entfremdung des Menschen von den Tieren wird diskutiert – gut dargestellt in der Installation „The Shooting Gallery“, die zeigt, dass der Mensch das Tier nur selten als solches sieht und viel häufiger als Objekt oder stark verniedlicht. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang, dass medial präsente, bedrohte Tierarten viel mehr Aufmerksamkeit erhalten als beispielsweise Insekten, die für die Erhaltung von intakten Ökosystemen immens wichtig sind. Daran wird deutlich, wie stark unser Bild und unser Bewusstsein von Natur medial geprägt sind. Das schien Dion mit er Aussage „Meine Werke sind nicht über Natur, sondern über die Idee von Natur“ zu meinen: Die Distanz unserer Vorstellung zur Realität.
Die Debatte geht zu der These über, dass es noch nie eine unberührte Natur gegeben habe und der Mensch es sich gar nicht wage wirklich abzuwarten, was passiere, wenn sich die Natur selbst überlassen bleibt – die Vorstellung von Natur und der wünschenswerte Umgang mit ihr differieren selbst bei den allesamt naturverbundenen Personen stark. Eine hitzige Diskussion entsteht, die bis hin zu der Verantwortung gegenüber Entwicklungsländern reicht.

Detail aus der Installation "Tar museum" und der Tür, die aus der Ausstellung führt

Mark Dion: „Concrete Jungle, Birds“, 1992 (Hintergrund); „Fox“, 2006 (Vordergrund); Tür, die aus der Ausstellung führt (Bild rechts)

Obwohl der Künstler ohne das Schwingen der Moralkeule das durch Menschenhand gemachte Elend der Natur- und Tierwelt aufzeigt, gehe ich nicht nur auf Grund der niedrigen Türhöhe wieder einmal geneigt aus der Ausstellung. Diesmal habe ich jedoch auch zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen: Die Vorstellung von Jagd, die in unseren Köpfen existiert, stimmt nicht zwangsläufig mit der realen Jagd überein. Und auch, wenn ich weiter kein Freund der Jagd sein werde, ist mir einmal mehr deutlich geworden, dass es bei jedem noch so schwierigem Thema zwei Seiten der Medaille gibt. Zu einer ähnlichen Einsicht ist auch der Tierrechtler gekommen, der am Ende des Treffens feststellt: „Es ist alles nicht so einfach.“

Alles in allem bleibt mir nach dem Nachmittag eine wichtige Erkenntnis: Die Kunst von Mark Dion hat uns nicht nur dazu gebracht, in einer sehr gemischten Runde wichtige gesellschaftliche Fragen und Phänomene zu diskutieren, sondern vor allem auch verschiedene Sichtweisen und Perspektiven einzunehmen, neue Erfahrungen zu machen und vor allem Gedanken und Ideen zu entwickeln, die ohne das gemeinsame Gespräch nie entstanden wären. Eine Gruppe wurde hier zusammengeführt, die sich unter anderen Bedingungen vermutlich niemals aufeinander eingelassen, geschweige denn versucht hätte einander zu verstehen.

Gruppenfoto der TeilnehmerInnen

Ein großer Dank für die fruchtbaren Diskussionen und erlangten Einsichten gilt Freyja Damm und Friedhelm Diebrok vom Naturschutzbund, Karsten Otte von der Bezirkskonferenz Naturschutz in OWL, Bastian Plohr, Herwart Siebert und seiner Ehefrau vom Herforder Forst sowie Hermann Graf von Schulenburg und seinem Sohn Casper.

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