Das Problem kennt jeder: Aus welcher Perspektive und Anteilnahme schreibe ich eigentlich, wenn ich beschreibe, wie ich einem Kunstwerkwerk begegne? Wie smart muss meine Schreibe sein (oder werden), damit sie auf dem offenen Meer der Medien wahrgenommen wird? Eigenartigerweise verfallen selbst viele Kunstprofis nur allzu gerne in einen Bewunderungs- und Übertreibungsmodus. Man beschreibt beispielsweise, wie einzigartig einem gerade dieser Aspekt, diese Idee, diese These eines Werkes erscheint und steigert sich dann selbst in eine selbstgefällige Rhetorik der Übertreibung, der marktgängigen Überbewertung und semantischen Überzüchtung. Besonders Wolfgang Ullrich hat in den letzten Jahren immer wieder auf diese Berufskrankheit von Autoren, die im Kunstkontext arbeiten, hingewiesen und sich völlig zu Recht für ein heilsames Misstrauen ausgesprochen.

Die umgekehrte Perspektive, aus einer gewissen vorsichtigen Distanz sich einem Kunstphänomen und auch sich selbst zu nähern, fällt uns ins Kunstsystem Involvierten nicht selten ausgesprochen schwer. Warum soll man beim Schreiben eine Kunst der Distanzierung entwickeln? Besteht nicht jeder Anfangskontakt eines Kunstbetrachters zu dem Werk seiner Wahl aus einem Gefühl der Nähe – so fremd und irritierend, unterschwellig oder provokant es dann erscheinen mag? Autoren, die mit und aus einer gewissen Distanz mit Kunst kommunizieren, haben dabei einen großen Vorteil: Sie können sich als Pioniere im System Kunst betätigen.

Niemals zuvor in der Geschichte bestand eine so enge Beziehung zwischen der medialen Spektakularisierung und rhetorischen Aufrüstung von (Kunst-)Beschreibungen und dem gleichzeitigen Bedürfnis nach Ernüchterung und smarter Analyse. So wie der Blogger heute gezwungen ist, einen kurzen persönlichen Fokus zu setzen, indem er notiert, was ihm unter den Nägeln brennt, so muss es der Kunstbetrachter im Laufe seiner Geschichte lernen, seine Passion für die Kunst in ein doppeltes Verhältnis zu sich selbst und zum jeweiligen Thema zu setzen: sein Engagement für die Sache und sein Gefühl für den passenden Schreib- und Denkstil zu synchronisieren. So wie sich der Betrachter in seltenen Momenten beim Schreiben über die Schulter schauen kann, so kann der Schreibende Erfahrungen machen, die erst aus einer „geistigen Entfernung“ heraus möglich werden.

Distanz ist machbar, macht aber viel Arbeit.

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