Alles begann im Herbst 2014 mit einer freundlichen Leihanfrage für eines der wertvollsten Stücke in der Sammlung Marta, den Teppich von Cai Guo-Qiang. Titel der geplanten Ausstellung: „Heaven and Hell“ und es sollte um fliegende Teppiche und Drohnen gehen. Das weckte unsere Neugier; wir liehen nicht nur gerne unser Sammlungsstück nach Brüssel, sondern verabredeten mit den dortigen KuratorInnen auch ein Treffen vor Ort.

Leider nicht auf einem fliegenden Teppich, sondern mit dem PKW ging es im März 2015 früh morgens los, denn wir mussten abends schon wieder zurück in Ostwestfalen sein. Dank Navigationsgerät standen wir pünktlich am frühen Mittag vor der Villa Empain, dem Sitz der Boghossian Foundation, mitten im repräsentativen Diplomatenviertel der belgischen Hauptstadt – und dieses zu einem Ausstellungsort umgebaute Wohnhaus verschlug uns erst einmal die Sprache: Während die Fassade rundum in poliertem blaugrauem Marmor glänzt, konturieren die vergoldeten Eckprofile die Fensterhöhlen und Gebäudekanten aufs Feinste.

Innen dann betritt man die große Empfangshalle durch eine zweite Flügeltür mit einem klassischen Art Deco-Muster auf den Glasscheiben, das seinesgleichen sucht.

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Der 21-jährige Baron Louis Empain, jüngster Spross einer wohlhabenden belgischen Unternehmerfamilie, ließ sich diese Jugendstil-Villa im Jahr 1930 von dem bedeutenden Brüsseler Art-Deco-Architekten Michel Polak erbauen. Allerdings empfand der junge, ledige Mann, der sich lebhaft für den neuen Bauhaus-Stil zu interessieren begann, das 2500 qm große Haus nach fünfjähriger Bauzeit als zu groß und zu dunkel: Er selbst zog nie richtig ein.
Nachdem der Lebemann in Kanada die tief religiöse Chemikerin Geneviève Hone kennen und lieben lernte, löste er sich von allen materiellen Dingen, widmete sein Leben der Gemeinschaft und überschreibt die Villa Empain 1937 dem belgischen Staat. Schon damals als Ort für zeitgenössische Kunst konzipiert wurde das Gebäude nach turbulenten Jahren (Besetzung durch die deutsche Armee, Nutzung als sowjetisches Botschaftsgebäude, Rückgabe an die Familie Empain, Verkauf an den luxemburgischen TV-Sender RTL, teilweise Zerstörung durch Umbau zum Bürogebäude) schließlich 2006 von der Stiftung des libanesischen Juweliers armenischen Ursprungs Paul Boghossian erworben. Nach einer aufwändigen Restaurierung engagiert sich die Boghossian Foundation hier seitdem mit zahlreichen kulturellen Projekten für einen lebendigen Dialog zwischen Orient und Okzident und nutzt die Villa als Ausstellungs- und Veranstaltungshaus.

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Die Stiftung fördert nicht nur die Bildung von Kindern und Jugendlichen in Armenien und dem Libanon, sondern bietet auch in Brüssel ein reichhaltiges Angebot an Workshops, Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen. Fernöstliche Erzähltraditionen, ungeahnte Bildwelten und komplexe kulturelle Gebräuche treffen auf westliche Perspektiven und vor allem immer wieder auch die harte Realität der kriegerischen Konflikte in vielen Ländern. Die Rolle von Ver- und Enthüllung der Frau in der arabischen Kultur, die Geschichte der Seidenstraße und der Farbe Blau in Ost und West, aber auch die Funktion von Musik in der Kunst standen hier bereits im Fokus von klugen Ausstellungskonzepten – und jetzt eben die erst einmal verblüffende Beziehung zwischen fliegenden Teppichen und Drohnen.

So ist ein Ausstellungkonzept wie „Heaven und Hell“ an diesem Ort inhaltlich äußerst gut platziert: Die Ausstellung schlägt die Brücke zwischen der Tradition des fliegenden Teppichs und der zeitgenössischen Bedrohung durch unbemannte Drohnen sowie zwischen Orient und Okzident. Viele arabischstämmige KünstlerInnen sind involviert, aber auch europäische und amerikanische Beiträge zum Thema machen die Ausstellung zu einem ebenso unerwarteten wie beeindruckenden Erlebnis. Zwischendurch wird der Blick immer wieder von unglaublichen architektonischen Details und Feinheiten gefangen genommen: Prachtvolle Goldeinfassungen, edle Holzeinfassungen, Marmorböden mit Intarsien, ein eigener Fechtsaal im ersten Stock, ein rundum mit Mosaiken ausgestattetes Badezimmer und im Garten ein Pool von atemberaubender Schönheit.

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Und so wirken die bewegten Roboter von Björn Schülke oder die phantasievollen Flugobjekte von Panamarenko bisweilen in diesem dekorreichen Ambiente der Villa auch seltsam fremd. Doch neben diesen skurrilen und eigenwillig sperrigen Entwürfen stehen auch zarte und poetische Beiträge wie beispielsweise ein Lenkdrachen-Ensemble von Rirkrit Tiravanija oder die wunderbaren Teppich-Fotografien von Jalal Sepehr.

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Fasziniert von diesen Begegnungen, den märchenhaften Erzählungen und harten Realitäten, schlicht von dem breiten Bogen, den die Ausstellung gekonnt spannt, sind wir uns rasch sicher, dass dieses Projekt nach Herford wandern muss. In den unglaublichen Höhen des Gehry-Baus werden viele Projekte noch ganz anders fliegen als in den Wohnräumen dieser kostbaren Villa. Unsere Brüsseler Kollegen sind gleich vom ersten Moment an sehr offen für unsere Überlegungen, und auch der Bitte, das Konzept in Herford noch einmal deutlich erweitern und auf unsere Räume umarbeiten zu dürfen, steht man hier höchst aufgeschlossen und unkompliziert gegenüber. Und so machen wir uns am späten Nachmittag beschwingt von den vielen Eindrücken und neuen Ideen auf den Weg zurück nach Herford, während die kleine Fahrerkabine des PKW kaum die hochfliegenden Pläne für ein neues und aufregendes Ausstellungsprojekt zu fassen vermag.

Autoren: Friederike Fast und Roland Nachtigäller

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