Dominic Wilcox: Love and Protest, 2011. ©Der Künstler, Foto: David Sykes

Ausstellungen sind keine Illustrationen kuratorischer Konzepte, sondern sie sind vor allem eine Zusammenstellung sinnlich erfahrbarer Objekte, die den Besucher involvieren und Anstoß geben, anders auf die Welt zu blicken. Eine Kuratorin freut sich daher besonders, wenn ihre Ausstellungen nicht nur gut besucht sind, sondern auch nachwirken und weitere Kreise ziehen. Immer wieder passiert es beispielsweise, dass sich spontan außergewöhnliche Gäste anmelden, die das Thema auf besondere Weise betrifft. Ich gehe mit ihnen durch die Ausstellung und gewinne selbst wieder eine neue Perspektive auf die Zusammenhänge. Es kommt aber auch vor, dass ich im Kontext einer Ausstellung zu einer Diskussion oder einem Vortrag eingeladen werde und eine Ausstellung somit nicht mehr nur im Marta stattfindet, sondern auch andernorts zum Gesprächsstoff wird.

Für „Brutal schön – Gewalt und Gegenwartsdesign“ erhielt ich gleich zwei Anfragen. So führte mich am vergangenen Freitag das Thema in die benachbarte Justizvollzugsanstalt Herford. Anhand einer Beamerprojektion stelle ich den Teilnehmern eines Workshops die Ausstellung vor. „Gewalt und Museum – wie passt das zusammen?“, frage ich. Sieben Männer Anfang zwanzig blicken mich erwartungsvoll an, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich führe weiter aus: „Wenn man sich mit unserer Vergangenheit beschäftigt, stellt man schnell fest, dass es zu keiner Zeit jemals gewalt¬frei zuging. Und auch heute in den Nachrichten ist tagtäglich von Terror und Gewalt die Rede. Das Thema Gewalt ist nicht nur in den Krisenregionen dieser Welt präsent. Ob bei politischen Auseinandersetzungen, im schulischen, beruflichen, institutionellen und häuslichen Umfeld – Gewalt erscheint überall als Teil des Lebens und sie betrifft auf die eine oder andere Weise jeden.“

Ich zeige Bilder von den Terroranschlägen auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001, vom Arabischen Frühling, von den London Riots, Straßenkämpfen in den Pariser Banlieus, Occupy und den Flüchtlingen, die vor Armut, Bürger¬kriegen, Verfol¬gung und Terror fliehen – schnell wird klar, dass Konflikte an anderen Orten dieser Welt einen unmittelbaren Einfluss auf den Lebensalltag hierzulande nehmen. Die Frage liegt nahe: „Welche Handlungsmöglichkeiten eröffnen sich in diesem hoch dynamischen Prozess gesellschaftlicher Entwicklungen und welche Rolle können Designer dabei spielen?“ Während ich eine Auswahl von Exponaten vorstelle, hören die jungen Männer aufmerksam zu und bringen sich immer wieder auch persönlich ein. Von dem einen oder anderen Projekt haben sie erstaunlicher Weise bereits gehört. Sie lachen über die schrägen Farben der Ausstellungsszenografie und staunen über die riesigen Müllberge am Rande der Hauptstadt von Ghana.

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Dave Hakken: Story Hopper – A Free Trip, 2015, Still. ©Der Künstler

Dave Hakkens berichtet in seinem Film „Storyhopper – A Free Trip“ von seiner Reise zur weltweit größten Müllhalde für Elektroschrott. Obwohl in den westlichen Ländern jährlich rund 50 Millionen Tonnen dieses Abfalls produziert werden, werden nur 25 % vor Ort recycelt; der Rest geht vor allem in Entwicklungsländer. Der Überlebenskampf bewegt die Menschen dazu, diesen gesundheitsgefährdenden Müll nach brauchbaren Materialien zu durchforsten.

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Wir fragen uns: „Könnte man den Dreiseitigen Fußball tatsächlich spielen?“ Es handelt sich dabei um eine Variante des wohl beliebtesten Sports, bei der drei Mannschaften auf einem sechseckigen Spielfeld gegeneinander antreten. Nach dem Konzept des dänischen Künstlers Asger Jorn werden – anders als beim herkömmlichen Fußball – die Gegentore gezählt und Sieger ist, wer die wenigsten Tore zulässt. „Sicher gäbe es viele Verletzte dabei!“, vermuten wir …

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Ernesto Oroza: Lighter (redesign), 2011 aus der Serie Architecture of Necessity. ©Der Künstler

Ernesto Orozas Konzept einer „Architecture of Necessity“ kommt ihnen vertraut vor. Der Designer zeigt Objekte, die Menschen aus der Notwendigkeit alltäglicher Bedürfnisse heraus entwickeln. Improvisiert und aus einfachen, oftmals gefundenen Materialien entstehen maßgeschneiderte Objekte, die effizient und ideenreich das Leben in Kuba erleichterten.

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Marta Herford Außenansicht, Paolo Chiasera: Tupacproject, 2005; Foto:©Helmut Claus, Courtesy Marta Herford

Auch Tupac Amaru Shakur wird sofort von der Gruppe erkannt. Auf einer 6 m hohen Betonsäule steht eine Betonfigur des amerikanischen Hip-Hoppers vor dem Museum. Er wurde in Harlem, New York, geboren und wuchs in einem kriminellen Umfeld auf. Am 7. September 1996 wurde er angeschossen und starb kurz darauf. Der italienische Künstler Paolo Chiasera setzte mit dieser Skulptur dem berühmten Rapper und Aktivisten ein Denkmal und lädt Graffitikünstler ein, sich auf der Oberfläche zu verewigen und den Musiker zu ehren.

Nach gut einer Stunde verabschieden wir uns voneinander, gespannt, was bei dem gemeinsam geplanten Workshop (auf dem Marta-Blog werden wir darüber berichten) wohl entstehen wird.

Die zweite Einladung kam vom Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück. Die Tagung am 28. und 29. April widmet sich dem Thema „Gewalt ausstellen?! – Erfahrungen, Umsetzungen, Visionen“. Historiker und Ausstellungsmacher tauschen sich untereinander über die Frage aus, wie man dem Thema Gewalt in einer Ausstellung gerecht werden kann. Neben dem Warum ist ganz schnell auch die Frage zentral, wie man Gewalt adäquat präsentiert. Obwohl es sich um eine Veranstaltung mit Fachleuten handelt, vermute ich, dass die Reaktionen sich vielleicht gar nicht so sehr unterscheiden werden. Ich hoffe zumindest, dass es mir gelingt auch die Kollegen ein wenig in Staunen zu versetzen über die ungewöhnliche Szenografie und die Exponate, die eine überraschend optimistische Perspektive auf eine Zeit eröffnen, die sonst vor allem geprägt ist von Angst und Sprachlosigkeit …

2 Kommentare
  1. das ist spannend und lässt Raum für weiter Spinnendes ! Ich kämpfe derzeit dafür, dass das MARTa als sich weiter bewegendes Vorhaben ind unserem Haus Energie Sponsoren bekommen kann. Es geht ja nichts weiter ohne konkrete MIttel. Mit Gruß und Freude hier und anerswo, wo ich dem MARTa begegne, Christiane Felber Koppenbrink

    • Friederike Fast

      Liebe Frau Felber Koppenbrink,

      dieses Museum lebt von den Freunden und Begeisterten – im näheren Umkreis wie in weiter Ferne – und wir freuen uns über jeden, der diesen Gedanken weiter trägt. Es wäre der größte Erfolg für so ein junges Museum, wenn die Kreise, die unsere Projekte ziehen, immer weiter und vor allem auch vielfältiger werden – allerdings auch ohne dass wir unser zentrales Anliegen aus den Augen verlieren: Unsere Besucher immer wieder zu überraschen mit den Blick weitenden, internationalen und diskussionswürdigen Ausstellungen und Projekten. In diesem Sinne auch Ihnen viel Erfolg für die eigene Arbeit!

      Ihre
      Friederike Fast

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