„Brutal schön – Gewalt und Gegenwartsdesign“ lautet der Titel der Ausstellung, die am 07. Februar im Marta eröffnet wird. Das omnipräsente Thema der Gewalt hat in den letzten Monaten eine erschreckende Aktualität erhalten. Für diese Ausstellung konnte die verantwortliche Kuratorin Friedrike Fast einen ungewöhnlichen Kooperationspartner mit einem besonderen Bezug zum Thema gewinnen: Die JVA Herford . In Herford sitzen derzeit rund 250 jugendliche Gefangene zwischen 14 und 24 Jahren ihre Strafe ab. Um diese Zeit sinnvoll zu nutzen und den Jugendlichen einen vielversprechenden Wiedereinstieg in die Gesellschaft zu ermöglichen, werden hier unterschiedliche Lehrberufe ausgebildet. Teil der Kooperation zwischen der JVA und dem Marta war zunächst die Fertigung der Wandbeschriftungen durch die Malereiwerkstatt sowie die Fertigung eines Zauns von Designer und Ausstellungsszenografen Matthias Megyeri durch die Schlosserei. In einem zweiten Teil wird dann ein Workshop mit den Kooperationspartnern stattfinden. Zum Interview konnte Tabea Mernberger die beiden an dem Projekt beteiligten Ausbilder Frank Büscher und Hartmut Bonke treffen.

Wie kam es aus Ihrer Sicht zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit mit unserem Museum?

Frank Büscher: Die Kooperation entwickelte sich über unsere Diplompädagogin Frau Sonnenbaum. Die Kollegin hat gemeinsam mit Friedrike Fast darüber gesprochen, was die JVA zur Umsetzung des Ausstellungskonzeptes „Brutal schön“ beitragen kann. Der Plan wurde dann mit unserem Leiter der JVA, Herrn Waldmann, durchgearbeitet, woraufhin dann die einzelnen Aufgaben verteilt wurden. Es wurde besprochen, was wir leisten können, wie lange wir dafür brauchen und wie teuer diese Arbeiten werden würden. Eine 50 Meter lange Herzchenkette die hergestellt werden sollte, konnten wir beispielsweise nicht übernehmen, da es bei uns nicht machbar gewesen wäre, es sei denn Marta hätte eineinhalb Jahre Zeit gehabt. Durch das hohe Eigengewicht einer so langen Kette, das bei etwa 400 kg gelegen hätte, wären die Schweißungen nicht ohne weiteres möglich gewesen.

Hartmut Bonke: Es ging auch darum zu demonstrieren, was bei uns in der JVA alles möglich ist. So können wir zeigen, wie viel mehr wir können, als das, was wir sonst zeigen. Deshalb haben wir diese dankbar angenommen. In der Malereiwerkstatt besitzen wir einen Schriftenplotter den wir nur selten einsetzen, so dass wir uns freuen, das nun in einem größeren Rahmen machen zu können. Im Normalfall plotten wir nur für uns und andere Anstalten, selten nehmen wir kleinere Aufträge von außen an. Dass die Auszubildenden Applikationen und Klebearbeiten ausführen ist Teil der Malereiausbildung. Nicht jede JVA hat diese Möglichkeiten. Gerne präsentieren wir uns damit, um so zu zeigen, dass bei uns nicht nur die Straftäter ihre Strafe absitzen, sondern dass sie ausgebildet werden und sich kreativ einbringen können.

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Wie wurde das Projekt von den Inhaftierten aufgenommen?

Hartmut Bonke: Bei den Häftlingen wurde es angenommen, wie jeder andere Auftrag auch. Schön ist natürlich, dass eine inhaltliche Nähe zu dem Thema besteht.

Frank Büscher: Für unsere Inhaftierten war es eine angenehme Aufgabe, weil es kein Standardauftrag war, sondern etwas, das außer der Reihe entstand. Statt eines gewöhnlichen Gartenzauns mit 80 Zentimetern Höhe konnten sie hier einen Zaun mit 2 bis 2,60 Meter Höhe bauen. Die Anforderungen für diese Arbeit waren sehr hoch geschraubt. Die Häftlinge freuten sich darüber, dass sie nicht wie gewöhnlich Grills oder Fenstervergitterungen anfertigen und auch keine Standardmaterialien verwenden sollten, sondern einen außergewöhnlichen Auftrag bearbeiteten.

Haben die Häftlinge an einer kreativen Aufgabe mehr Spaß?

Frank Büscher: Das auf jeden Fall, vor allem auch, weil sie sehen und wissen, dass das Erzeugnis ihrer Arbeit im Anschluss ausgestellt wird. Einem Inhaftierten, der demnächst entlassen wird, habe ich vorgeschlagen, sich am Entlassungsdatum im Marta den Zaun anzuschauen – das wollte er sich zumindest mal überlegen.

Wie funktioniert eine Ausbildung in der JVA grundsätzlich?

Hartmut Bonke: Die Ausbildung ist freiwillig, auch wenn wir versuchen die Gefangenen davon zu überzeugen, die Zeit im Gefängnis sinnvoll zu nutzen. Jeder macht einen Test, bei dem die Eignung für eine Ausbildung geprüft wird, denn das trifft nicht auf jeden zu. Schulische und psychologische Tests sollen das überprüfen, im Anschluss wird selektiert, wer eine Ausbildung machen möchte. Die Jungs können dann natürlich einen Wunsch äußern, dem wir in der Regel – wenn Fähigkeiten und Verhalten passen und Plätze frei sind – nachkommen. Wer die Zeit effektiv nutzen will, hat alle Möglichkeiten bei uns. Die Ausbildung übernehmen verbeamtete Meister mit Ausbildungsschein, innerhalb der Anstalt sind die gleichen Prüfungen abzulegen wie außerhalb, es gibt keinen „Knastbonus“. Durch die vollzuglichen Gegebenheiten variieren kleinere Aspekte, im Ganzen ist es aber die gleiche Ausbildung wie außerhalb der JVA.

Wie unterscheidet sich das Projekt von anderen Projekten?

Hartmut Bonke: Der Großteil unserer Arbeit wird hinter den Mauern gemacht, wir sind ein reiner Ausbildungsbetrieb, der Großteil unserer Gefangenen ist nicht gelockert, also im geschlossenen Vollzug. Alle Malerarbeiten innerhalb der Mauern werden von uns ausgeübt, sowohl in den Übungskabinen, als auch Zellenrenovierungen etc. Rauszugehen können wir uns nur selten leisten, denn wenn einer der Ausbilder fehlt nicht anwesend ist, müssen einige Gefangene auf ihrem Haftraum bleiben. Deshalb muss das eine Ausnahme bleiben. Hier war es uns möglich, weil es einen inhaltlichen Bezug gab und wir Kooperationspartner sind.

Frank Büscher: In der Schlosserei mussten die Häftlinge stärker als bei anderen Projekten unterstützen. Hier konnten wir nicht, wie beispielsweise bei der Vergitterung von Fenstern neues Material verwenden, wenn ein Auszubildender keine gute Arbeit geleistet hat. Das hat uns vor zusätzliche Herausforderungen gestellt. Am Anfang fragten die Jugendlichen oft, warum ich so großen zeitlichen Druck ausübe, aber viel Zeit kosteten uns die Feinheiten. Ein Zaunelement musste der Auszubildende zum Beispiel viermal auseinanderflexen und neu verschweißen. Aber er hat dadurch viel gelernt. Zum Beispiel darauf zu achten, was in der Zeichnung abgebildet ist und das auch genauso umzusetzen, ohne vorne und hinten oder links und rechts zu verwechseln. Normalerweise erreiche ich den Auszubildenden mit so etwas nicht, diesmal hat es eigenartiger Weise gefruchtet. Nach drei Stunden rief er mich, damit ich das überarbeitete Element nochmals kontrolliere – diesmal war es top umgesetzt, warum also nicht gleich so?

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Denken Sie, dass auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema stattfinden wird, oder vielleicht auch stattgefunden hat?

Frank Büscher: Der Gefangene, der am Meisten an dem Zaun gearbeitet hat, fragte häufiger danach, warum beispielsweise die Häschen an dem Zaun befestigt werden. Nachdem ich ihm das Konzept erläuterte, tat er es mit dem Kommentar „Verstehe ich nicht, ist Kunst“ ab. Es wird in jedem Fall mehr nachgefragt als bei anderen Projekten, es sind aber vor allem Fragen technischer Natur. Auch wenn ich den Inhaftierten das Konzept und was dahinter steckt gerne erkläre, steht für mich trotz allem das Technische im Vordergrund, das muss ich im Auge behalten, nicht den künstlerischen Aspekt. Der Zaun muss halten und er muss die Anforderungen erfüllen.

martatalkmitderjav05 Hartmut Bonke: Der Maler- und Lackierermeister ist seit über 15 Jahren im Vollzug beschäftigt, aktuell als Betriebsleiter der Malereiwerkstatt.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
martatalkmitderjva01Frank Büscher: Der gelernte Werkzeugmechaniker und Industriemeister ist seit einigen Jahren in der JVA Herford als Ausbildungsmeister in der Schlosserei tätig.

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