Zu den zentralen Funktionen eines Museums zählen klassischerweise das Sammeln, Bewahren, Forschen, Präsentieren und Vermitteln. Dieser Idee nach ist ein Museum ein Hort der Beständigkeit. Doch es gibt auch ein anderes Konzept: Als Ideenschmiede oder Kreativlab sollte es ganz vorne dabei sein, wenn es um neue Konzepte für das eigene Arbeiten geht. Natürlich gibt es auch eine Notwendigkeit, auf die Veränderungen der Zeit zu reagieren: Denn nicht nur die schrumpfenden Budgets, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen, Besuchergewohnheiten und -erwartungen machen es unabdingbar, die museale Arbeit immer wieder kritisch zu beleuchten und neue Wege zu gehen.

Die Besucher sollen möglichst dort abgeholt werden, wo sie gerade stehen. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn jeder Besucher bringt ganz eigene Interessen und Vorkenntnisse mit. Neben wissenschaftlichen Katalogen, Wandtexten oder Saalzetteln gibt es heute Guides, Workshops oder Kunstsprecher, die den Zugang zum Exponat erleichtern. Und nicht nur die Website, sondern auch Facebook und Instagram, Blogs und Apps können vor allem ein jüngeres Publikum für die Kunst begeistern. Neben der Forderung nach einfacher Sprache und Niederschwelligkeit sind es vor allem die zielgruppenoptimierten Angebote, die darüber hinaus ins Auge fallen: Spezialführungen für Gehörlose, Blinde, Demenzerkrankte und die vielseitig geforderte und geförderte Barrierefreiheit, aber auch Formate wie „Kunst to go“ zielen auf ein breites Besucherklientel ab, das von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter das museale Angebot genießen kann.

Tatsächlich haben sich die Arbeitsweisen der Museen in den vergangenen Jahren sehr verändert und es gelingt heute mit bestimmten Ausstellungsformaten – vorzugsweise Großevents und Präsentationen von Werken der klassischen Moderne – breitere Besucherkreise anzusprechen. Trotz aller Professionalisierung haben andere Angebote aber nach wie vor Schwierigkeiten, größere Aufmerksamkeit zu erlangen.
Besucherzahlen sind zwar kein verlässliches Maß für Qualität, werden aber auch von Museen gerne als Beleg für den eigenen Erfolg angeführt. Damit stellen sie sich selbst eine Art Falle, die den Politikern dann rasch Argumente für Budgetkürzungen an die Hand gibt und einem der Kultur förderlichen Experimentiergeist im Wege steht.

Während in England und Amerika Museen unkomplizierte Formate des Infotainments schon länger ganz selbstverständlich mit einbeziehen, führen diese Tendenzen in Deutschland zu kritischen Fragen: Müssen wir uns heute von den klassischen Aufgaben des Museums und dem Bild des Besuchers als Bildungsbürger verabschieden? Wo verlaufen die Grenzen zwischen altem Bildungsanspruch und neuen Entertainmenterwartungen? Oder auch zwischen Demokratisierung, Popularisierung und Populismus? Wie kann es gelingen, komplexe Inhalte in niederschwellig vereinfachter Sprache zu verfassen? Bedeutet Niederschwelligkeit nicht teils auch Unterforderung? Und wo fängt „Banalisierung“ an?

Verständlichkeit eines Texts ist grundsätzlich kein Defizit, sondern eine Qualität. Es wäre aber falsch anzunehmen, dass ein Werk mittels eines Texts sofort in all seinen Facetten verstanden werden muss. Auch die Hermeneutik lehrt, dass vielseitige Zugänge legitim sind. Und oftmals sind es gerade diese widersprüchlichen und unverhofften Entdeckungen, die ein Werk so faszinierend machen.
Ein Museum, das seinen gesellschaftlichen Auftrag ernst nimmt, muss sich verschiedenen Besuchergruppen zuwenden, ein Spektrum unterschiedlicher Kommunikationsformen anbieten und dabei auch aktuellen Entwicklungen Tribut zollen, ohne gleich die altbewährten Errungenschaften vollständig über Bord zu werfen oder sich gar von der Politik vor den Karren spannen zu lassen. Heute finden sich sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Besucher oder von Kunstvermittlung und gelegentlich prallen sie auch brutal aufeinander: Wie verändert sich die Arbeit im Museum, wenn der Aspekt der Vermittlung strukturell immer wichtiger wird? Und welchen Einfluss nimmt das auf die programmatische Planung?

Wo genau die Grenze zwischen scheinbarer Banalität und experimentellem Anspruch verläuft, kann nur im Einzelfall entschieden werden – das macht die gegenwärtige Situation unsicher aber auch kreativ. In dieser permanent offenen Lücke zwischen Kreativität und Unsicherheit bewegt sich auch Marta Herford – und diese Unsicherheit gilt es auszuhalten und kreativ zu nutzen! Neuere Kommunikationsformen wie ein Blog können durchaus erfrischend auf die Schreibe der Kuratoren wirken und müssen dennoch keinesfalls eine Banalisierung zur Folge haben. Sie geben einem essayistischeren Schreibstil Vorschub, der individualisierter und lustvoller sein kann, als ein herkömmlicher Ausstellungstext. Dennoch ist ein Kurator als Vertreter der Künstler auch dafür verantwortlich, dass ein Kunstwerk nicht überdidaktisiert wird. Es ist die Herausforderung unserer Zeit, diesen Spagat zu meistern.

Ein Projekt wie „Das imaginäre Museum“ in Frankfurt klingt vor diesem Hintergrund vielversprechend zeigt aber auch das Dilemma heutiger Museen deutlich auf: Ausgehend von einer Zukunftsvision, in der 2052 die Museen abgeschafft worden sind (hier klingt eine deutliche Kritik an den schrumpfenden Budgets für Sammlungsankäufe mit), rufen die Kollegen ein „transnationales Museum auf Zeit“ aus. Es werden „80 Hauptwerke der zeitgenössischen Kunst“ aus den Sammlungen dreier großer internationaler Institutionen – dem Centre Pompidou, der Tate Liverpool und dem MMK in Frankfurt – zusammengebracht. Kurioserweise verbinden sich in diesem Konzept die publikumswirksame Präsentation von Sammlungsausstellungen namhafter Institutionen, mit partizipativen Formaten, die das nachhaltige persönliche Kunsterlebnis in den Fokus rücken und sich zugleich nicht so ganz von dem Bild des klassischen Bildungsbürgers verabschieden wollen: Nicht nur der Titel der Ausstellung (der ein Konzept von André Malraux zitiert), sondern auch die einzelnen Stationen der Ausstellung sind nach Werken der Weltliteratur benannt, die wohl kaum jeder Besucher gelesen haben wird. Dafür können sie sich „die Werkbeschriftungen mitnehmen und ihre persönlichen Erinnerungen in Form von Skizzen, Notizen oder Zeichnungen ergänzen“, um sich „die gezeigten Werke einzuprägen“. Es geht also darum, nicht nur ein besonderes Erlebnis, sondern auch die Erinnerung an den Ausstellungsbesuch zu fördern. Am Ende der Ausstellung werden die Kunstwerke schließlich „fast alle entfernt und durch Personen ersetzt, die durch ihre persönlichen Erinnerungen und Interpretationen die Ausstellungsstücke wiedergeben und sie auf diese Weise zurück ins Bewusstsein rufen. Die Besucher“ – so das erhoffte Ziel – „werden zu Botschaftern der Kunst, zu „Bildermenschen“, welche die Ausstellung in ein lebendiges Museum verwandeln.“

Einen anderen Weg gehen die Kollegen in Eindhoven, indem sie einen Roboter als intelligenten Begleiter in der Ausstellung einsetzen, mit dessen Hilfe sich der Besucher nun von zu Hause aus durch die Ausstellung bewegen kann. Was für Jugendliche attraktiv erscheint, kann für alte Menschen ebenfalls Vorteile bieten. Kunst darf auch Spaß machen. Doch wie ist es um das sinnliche Kunsterlebnis bestellt, wenn eine Ausstellung über den Bildschirm besucht wird? Und gewinnen wir wirklich neue Museumsbesucher, wenn die Menschen selbst gar nicht mehr unbedingt körperlich vor Ort sind?

Eines ist klar – trotz einer zunehmenden Zahl an Museen weltweit und einem breiteren Interesse in der Bevölkerung, müssen sich die Museen auch heute immer wieder neu erfinden! Auf dem Berliner Forum der F.A.Z. zur Zukunft der Museen fasste es Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, so zusammen: „Das Universum hat dreizehn Milliarden Jahre gebraucht, um nicht nur Raum, Zeit und Materie zu entwickeln, sondern in einem entlegenen Winkel auch Homo sapiens, Kunst und Museen. Es ist unwahrscheinlich, dass es dabei stehenbleibt.“

Doch wie sieht das Museum der Zukunft aus? Am Ende ist dies die zentrale Frage, die uns hier im Marta tagtäglich bewegt: Sind wir nur smarte Vermittler oder entwickeln wir tatsächlich auch neue Visionen für die Kunst und tragen diese nach Außen? Aber eine Frage ist immer nur so gut, wie die Antworten, die sie auslöst. Ein Museum der Zukunft sollte weder als Schneewittchensarg für überbehütete Kunstschätze erstarren noch aus leeren Räumen mit „Bildermenschen“ oder Robotern bestehen, sondern lebendig und kreativ mit unterschiedlichen Mitteln die Themen unserer Zeit nachhaltiger in die Gesellschaft hineintragen. Dabei kann es überhaupt nicht darum gehen, es allen recht zu machen und es ist nicht damit getan, ein interdisziplinäres Vielspartenhaus zu etablieren oder spektakuläre Erlebnisräume zu inszenieren. Vielmehr bedarf ein Museum, das sich einer breiten Öffentlichkeit verpflichtet fühlt und dafür verschiedene Kommunikationsmittel ausprobiert, umso mehr einer Profilschärfung und einer programmatischen Haltung, die Stellung bezieht und trotz einer Öffnung gegenüber neuen Besuchergruppen auch unbequeme Themen nicht ausspart.

Autoren: Friederike Fast und Michael Kröger

2 Kommentare
  1. Liebe Friederike Fast, lieber Michael Kröger,

    ich finde es wichtig, die Rolle des Museums in unserer Gesellschaft immer wieder zu überdenken. Und Zielgruppenorientierung ist ein ganz wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang. Aus meiner Sicht kann man das gar nicht oft genug betonen. Aber natürlich muss das nicht immer von allen gleichermaßen beachtet werden. Es gibt auch die kuratorische Aufgabe, sich um die Kunst zu kümmern. Und von deren Bedürfnissen her zu denken. Wobei ich glaube, dass Visionen für die Kunst eher in den Akademien entwickelt werden.

    Bei der Verbindung von jungem Publikum und Facebook und Co. muss ich allerdings einwenden, dass die darüber nicht unbedingt zu erreichen sind. Eher so „reifes“ Publikum aus meiner Generation :-) Die sind ja aber auch noch in Zukunft interessant, nicht wahr?

    Auf jeden Fall bin ich froh, wenn über den Tellerrand geschaut wird und das Museum sich fragt: wo wollen wir eigentlich hinsteuern.

    Herzliche Wochenendgrüße
    Anke von Heyl

    • Friederike Fast

      Liebe Anke von Heyl,

      vielen Dank für IhrenKommentar, der den Spagat sehr gut noch einmal auf den Punkt bringt, den wir heute zu meistern haben. Es gilt tagtäglich zwischen den Besucherbedürfnissen, den politischen Forderungen, theoretischen Konzepten und Künstleranspruch zu vermitteln und gleichzeitig ein eigenes Konzept von Museum zu artikulieren.

      Die jungen Künstler an den Akademien sind dabei tatsächlich sehr wichtig! Dennoch werden die Visionen für die Kunst aber hoffentlich nicht nur in den Akademien entwickelt, sondern auch in den Kulturinstitutionen, der Politik und der Gesellschaft als Ganzes. In der Rubrik „Museum anders denken“ möchten wir diese unterschiedlichen Aspekte zusammendenken. Vielen Dank für Ihren anregenden Beitrag. Wir freuen uns auf die weitere Diskussion!

      Herzliche Grüße
      Friederike Fast und Michael Kröger

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