Andreas Gefeller, „Ohne Titel (Plattenbau 1)“, 2004, aus der Serie „Supervisions“.

„Die Serie „Blank“ umweht ein gleichsam spirituelles, fast sakrales Moment, dessen semireligiöse Verführungskraft die sinnliche Weißheit der Bilder mit geistiger Weisheit versorgt.“Der Satz ist gut. Der Satz ist so gut, dass er nicht von mir sein kann. Tatsächlich hat ihn Torsten Scheid geschrieben in seinem Essay „Weißblenden“ für das Printmagazin Eikon. Aber fangen wir mit dem Anfang der Ausstellung „Momente der Auflösung“ an.

Von alt, analog und dunkel zu neu, digital und hell – so kann man grob die Bildfolge meiner Arbeiten beschreiben. Betritt man die Ausstellungshalle (die mit 22 Metern Höhe auch gerne „Dom“ genannt wird), öffnet sich rechts ein Raum mit Arbeiten aus der Serie „Soma“ aus dem Jahr 2000. Dem gegenüber hängen Bilder aus „Supervisions“ (seit 2002); bewegt man sich weiter in den Raum, stößt man auf „The Japan Series“ (2010), die einen gleitenden Übergang bildet zu meiner aktuellen Serie „Blank“ (seit 2010). Zentralperspektivisch und sehr präsent schließlich die Arbeit „IP 18“, ein fast 5 Meter hohes, direkt auf die Wand gebrachtes Bild, das klar macht, was Torsten Scheid meint, wenn er vom „sakralen Moment“ spricht.

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Andreas Gefeller vor seinem Werk „IP 18“, 2014/ 2016 aus der Serie „Blank“.

Ich konnte die Wandarchitektur selbst bestimmen. Das ist schön, aber schwierig und hat einen Nachteil: Später kann ich mich nicht damit rechtfertigen, dass die Ausstellung nicht funktioniert, weil der vorhandene Raum schwierig zu bespielen sei. Ist die Präsentation schlecht, obwohl ich die Längen und Positionen der Wände selbst bestimmen konnte, bin ich selbst schuld.

Um eine starre, chronologische Abfolge der Serien – säuberlich in Blöcken voneinander getrennt – zu vermeiden, habe ich einzelne Arbeiten ihren Serien entnommen und anderen hinzugefügt. Die offene Architektur schafft Sichtachsen auch zwischen räumlich voneinander entfernten Arbeiten, was die – oft inhaltlichen, manchmal formalen – Gemeinsamkeiten der verschiedenen Serien verdeutlicht.

Analog fotografierte und abgezogene Bilder neben digitalen, mit Photoshop bearbeiteten Lightjetprints; Urlaubsorte neben Industrieanlagen; Natur und Technik – was auf den ersten Blick gegensätzlich scheint, wird in dieser Ausstellung zu einem verbindenden Element, das den Besucher die Arbeiten aus einer anderen Perspektive betrachten lässt. Erst im großen Zusammenhang entstehen neue Aspekte und Gesichtspunkte, unter denen die Bilder gesehen und bewertet werden können.

Auch für mich eine neue Erfahrung. Es ist meine zweite Ausstellung, in der ich meine Bilder aus allen relevanten Serien zeige, und meine erste, in der ich dies in einem einzigen Raum tun kann. Mir war schon immer klar, dass mich oft ähnliche Themen um- und antreiben, aber beim Anblick der Hängung wird es mehr als deutlich: Ich nähere mich bestimmten Aspekten fotografisch immer wieder von verschiedenen Seiten, umkreise sie, manchmal bewusst, manchmal unbewusst, manchmal mit Unterbrechungen dazwischen, die Jahre dauern.

Es ist wie in einer Sitzung bei einem Psychologen. Die einzelnen Stationen und Erlebnisse meines Lebens sind mir bekannt, doch fehlt mir der Überblick. Erst im vom Psychologen gelenkten Gespräch werden Zusammenhänge deutlich, die mir zeigen, warum ich bin, was ich bin. Die Ausstellung ist nun dieser Überblick, der Dinge sichtbar macht, die bei der Betrachtung eines einzelnen Werks nicht sichtbar wären.

Dinge sichtbar machen: der rote Faden in meinen Arbeiten. Für „Soma“ nutzte ich mit langen Belichtungszeiten das Licht der Straßenbeleuchtung (das natürlich vorhandene künstliche Licht sozusagen) und fotografierte an Modelle erinnernde, unwirkliche Szenerien mit einem lebensfeindlichen schwarzen Himmel. Obwohl analog entstanden und völlig unmanipuliert zu Papier gebracht, wirken die Fotografien verfremdet; dabei ist es das menschliche Auge, das uns bei Dunkelheit ein falsches (farbloses) Bild der Welt vermittelt, und nicht die Kamera, die auch bei Nacht in der Lage ist, Farben zu „sehen“.

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Andreas Gefeller, „Soma 005“, 2000, aus der Serie „Soma“.

Ebenso schwer klassifizierbar sind die Aufnahmen aus „Supervisions“. Während die Bilder aus „Soma“ vortäuschen, manipuliert worden zu sein, scheinen die Aufsichten aus der „Supervisions“-Serie rein dokumentarische Fotografien zu sein. Im gewissen Sinne sind sie das auch – nichts wurde den Bildern entnommen, nichts hinzugefügt, und auch die räumlichen Positionen der dargestellten Objekte entsprechen der Realität, doch ist die Perspektive eine Konstruktion: In einem zeitaufwändigen Verfahren scanne ich Böden und Flächen, indem ich Dutzende, manchmal Tausende einzelne Fotos mache und sie am Computer zu einem Bild zusammensetze, was den falschen Eindruck erzeugt, es sei aus großer Höhe entstanden und eine Momentaufnahme. „Supervisions“ bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Konstruktion, „Supervisions“ ist Langzeitbeobachtung (an dem Bild einer Kunstakademie-Etage fotografierte ich mehrere Monate) und Momentaufnahme (jedes Einzelfoto entstand während der Belichtungszeit von einer 125stel Sekunde) zugleich.

Es gibt verschiedene Sichtwinkel in der Ausstellung, die mir besonders gut gefallen. Steht man im Bereich der „Soma“-Bilder, kann man „Soma 004“, „Swimming Pool“ und „Holocaust Mahnmal“ mit einem Blick, im Raum gestaffelt, erfassen. Unterschiedliche Motive, in unterschiedlichen Zusammenhängen mit unterschiedlicher Technik innerhalb eines jahrelangen Zeitraums fotografiert, offenbaren ähnliche Ideen und Intentionen, die den Arbeiten zugrunde liegen.

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Ausstellungsansicht (Dom) „Momente der Auflösung“.

Torsten Scheid schreibt, dass bei der Serie „Blank“ das Licht selbst „als Material der Fotografie, als reine Stofflichkeit, (…) sich der fotografierten Dingen bemächtigt und diese dabei zur Auflösung bringt.“ Was mich zu einem anderen Gedanken führt. Löst das Licht nicht nur die Dinge, sondern auch die Fotografie selbst auf? Angesichts der neuen Printtechniken eine viel weniger abstrakte Frage als man vermuten könnte. Würde ich einen stark überbelichteten Teil eines Bildes (beispielsweise ein Stück weißer Himmel) aus einem herkömmlichen C-Print, also einem Fotopapier, schneiden, wäre dieses Teilstück weiterhin aufgrund seiner Materialität als „Foto“ erkennbar. Machte ich dasselbe mit einem Bild, das mit Pigmenttinte auf Baumwollpapier gedruckt wurde – wie die Bilder der Serie „Blank“–, hielte ich ein Stück blankes Naturpapier in der Hand, von dem niemand behaupten würde, es sei Teil eines Fotos.

Und noch ein Gedanke zum Thema Licht und eine Metapher, die die Idee hinter „Blank“ verbildlicht: Was bliebe von einem Text, bei dem man die Wörter löscht und die Leerzeichen durch ein sichtbares Zeichen ersetzt? Der Text würde seiner Funktion, eine Information zu transportieren, beraubt und zurück bliebe eine Art Negativ. Das ursprünglich Vorhandene verschwindet, während Verborgenes sichtbar wird, wie das Leerzeichen (engl. „blank“).

Bei der Gestaltung meines neuen Buchs „Blank“ stand ich vor der Wahl, wie ich mit dem weißen Hintergrund in den Bildern umgehe. Lege ich ihnen, wie allgemein üblich, einen leichten Fond unter, um den Papierträger zu simulieren und die Bildränder sichtbar zu machen? Oder lasse ich den Hintergrund reinweiß wie das Papier des Buchs? Ich entschied mich für Letzteres, was beim Betrachten des Buches zu Irritationen und einer weiteren Frage führt, die das Medium Fotografie und seine Eigenschaften berührt: Breitet sich das Bild auf dem Papier aus oder ist es das Papier des Buchs (ergo das Licht!), das sich in die Bilder hineinfrisst? Die Antwort liegt im Auge des Betrachters, und die Ränder der Fotografie werden sprichwörtlich aufgelöst.

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In „Blank“ belichte ich die Fotografien derart über, dass sie sprichwörtlich im Licht ertrinken. Zwar sind die Motive weiterhin erkennbar, doch tritt ihre Bedeutung zurück. Das Licht selbst wird zum Thema und das, was von den fotografierten Objekten übrig bleibt. Massive petrochemische Anlagen, Häuserfassaden, Berge von Schrott – alles wird zu fragilen, transparenten, kristallinen Gebilden, die im Begriff sind, komplett zu verschwinden.

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Andreas Gefeller, „IP 20“, 2014, aus der Serie „Blank“.

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