Ein Garderobenständer, der aussieht wie die Zäune in Ausschwitz, eine Obstschale in Form eines Davidssterns. Die erste Reaktion: Schock. Sollen das wirklich die Auschwitzzäune sein? Soll da wirklich ein Davidstern als Obstschale genutzt werden? Wie kann sich ein Designer so etwas erlauben? Die zweite: Verunsicherung. Wie soll ich damit umgehen? Wie reagiert man angemessen auf diese Exponate? Wie kann ich mich damit auseinandersetzen? So geht es vielen Besuchern der aktuellen Marta-Ausstellung „Brutal schön“: Man fühlt sich angesichts der Kombination aus den dunkelsten und schrecklichsten Abschnitten der deutschen Geschichte und so banalen Alltagsgegenständen wie einer Obstschale und einem Kleiderständer schlichtweg überfordert und fragt sich, was das eigentlich soll. Kunst darf alles, gilt das also auch für Design? Im Gespräch mit Ronen Kadushin möchte ich herausfinden, was ihn zu seiner „Holocaust Collection“ bewegt hat und welche Idee von Gewalt und Design er hat.

Kadushin ist in erster Linie das, was man – wenn es so etwas überhaupt gibt – einen konventionellen Designer nennen könnte. Hauptsächlich entwirft er für Firmen Möbel, Lampen und Accessoires, ist als Kreativberater für verschiedene Firmen tätig und lehrt Design. Gleichzeitig ärgert es ihn, dass an Industrie- oder Produktdesign immer der Anspruch gestellt wird, möglichst sexy, hübsch, elegant, stark und vor allem problemfrei zu sein. Dabei wohne allem, was wir kaufen, jedem Produkt und jedem Design ein Konflikt inne. Ob es nun die globale Erderwärmung, die Rechte von Arbeitern, Kinderarbeit oder die CO2-Bilanz ist, es gibt immer einen Konflikt, den wir als Konsumenten eigentlich kennen (schließlich werden diese auch immer wieder medial aufbereitet), aber auch aus Bequemlichkeit (?) verdrängen. Um uns diese Verdrängungsleistung zu erleichtern, versuchen die Produkte diese Konflikte durch ihr Design zu verschleiern. Ähnlich wie Kadushin formuliert es auch der belgische Designkritiker Max Borka, für den Design eine schöne Hülle ist, mit deren Hilfe die zu ihrem Entstehungsprozess notwendige Gewalt verhüllt werden solle. Dabei würde Design niemals von etwas Negativem berichten, das ist es, was Kadushin an herkömmlichen Design vermisst.

Dennoch, trotz eines scheinbar ähnlichen Ansatzes unterscheidet sich Kadushins Interpretation von Gewalt von der Borkas: Kadushin, selbst aufgewachsen in Israel und erst seit zehn Jahren in Berlin lebend, betont, dass er nur unmittelbare Gewalt als solche definiere, Gewalt wie in Form der Anschläge in Brüssel im März 2016. Hier zeigt sich, wie sehr der Designer von seinem Heimatland Israel und der hier alltäglichen schrecklichen Gewalt geprägt ist, als dass er einen ähnlich weiten Gewaltbegriff wie Borka haben könnte. Trotzdem finden die beiden zusammen und Kadushin entwickelt eigens für die Ausstellung „Brutal schön“ im Marta seine „Holocaust Collection“. Schon der Name wirkt grotesk, verbindet er einen grausamen Völkermord mit dem Wort „Collection“, das an eine Sammlung in den allermeisten Fällen nicht grausamer Objekte oder sogar an eine Fashionkollektion denken lässt, aber keineswegs an derart furchtbare Ereignisse. Indem er die Thematik auf so banale Alltagsgegenstände wie einen Garderobenständer oder eine Obstschale projiziert, zeigt er explizit den Alltag als einen Ort auf, in den diese Themen Einzug finden sollten. So machen die Objekte ein Extrem der Gewalt sehr deutlich, verstecken sie nicht mehr, sondern kehren sie nach außen.

Als ich Kadushin berichte, wie viele Besucher auf seine Objekte reagieren, unterstreicht er, dass es das ist, was er provozieren möchte: „Es geht darum, was mit den Besuchern geschieht, wenn sie die „Holocaust Collection“ sehen: „Lachen sie darüber, berührt es sie, macht es sie wütend, lässt es sie nachdenken, regt es sie zur intensiven Betrachtung oder zur Reflexion an … Was fällt ihnen ein und wie beurteilen sie dann das, was sie vor sich sehen. Es evoziert Erinnerungen, man fragt sich ob der Designer das ernst oder witzig meint, ob er jemanden damit verärgern möchte. Es werden so viele unterschiedliche Vorgänge gleichzeitig aktiviert. So wird das Objekt zur Interpretation geöffnet, ein Vorgang, der in der Kunst normal ist: Objekte stellen Fragen und öffnen Themen, sie beantworten sie nicht.“ Im Design ist diese Öffnung zur Interpretation (noch) nicht üblich, nachvollziehbar also, dass viele Besucher irritiert sind von Kadushins „Holocaust Collection“. Auch wenn in seinen Designobjekten durchaus künstlerische Tendenzen inne wohnen, bezeichnet Kadushin sich keineswegs als einen Grenzgänger. Er mag weder Regeln, noch Klassifikationen. Er möchte sich ausdrücken ohne dabei über Grenzen nachzudenken zu müssen.

Eine Frage, die sich mir seit der ersten Betrachtung der „Holocaust Collection“ aufdrängte, ist die danach, wie wohl jemand damit umgehen würde, der eine persönlich Beziehung zu den Verbrechen der NS-Diktatur hat, oder aber wie diese Objekte wohl in Israel aufgenommen werden. Kadushin betont sofort, wie sehr er sich freuen würde, wenn eine Ausstellung wie „Brutal schön“ in Tel Aviv oder einer anderen israelischen Stadt stattfände. Der Diskurs um den Holocaust sei hier weit mehr geöffnet und praktisch an der Tagesordnung, während er in Deutschland immer noch ein Stück weit tabuisiert sei. In Israel hingegen werde der Holocaust politisch genutzt, Hitlervergleiche mit politischen Gegnern wie dem Iran seien an der Tagesordnung, um sich und seine Ansichten durchzusetzen, dabei funktioniere der Holocaust als eine Art Joker. Viele Diskussionen gehen auch darüber, wie die Erinnerungen an den Holocaust gelehrt werden sollen und wo sein Platz in unserer Kultur ist. Gerade deshalb, so Kadushin, wäre es für ihn sehr reizvoll seine Obstschale und seinen Garderobenständer hier auszustellen, weil er sehr viel heftigere Reaktionen erwarte als in Deutschland. Er selbst fing an sich damit zu beschäftigen, als er einige Jahre in Berlin war und sich in seiner Identität als ein israelischer Jude, der in Berlin in einem deutschsprachigen Umfeld lebt und täglich von Naziarchitektur auf der einen Seite und dem Holocaustdenkmal auf der anderen Seite umgeben ist, zu reflektieren. Zu dieser Frage nach seiner Identität kam seine Rolle als Designer und Designdozent, die ihn in der Summe dazu antrieben ein Objekt zu erschaffen, das eben diesen inneren Konflikt zeigt. Die „Holocaust Collection“ scheint also vielmehr ein sehr persönliches Werk zu sein. Den musealen Raum, den die Ausstellung „Brutal schön“ Kadushin bot, benötigte er auch, weil seine Aussagen in den einzelnen Designobjekten so stark sind, dass sie Reaktionen verlangen. Er selbst sagt, dass er die Institution Museum und den Kurator brauchte, um die Menschen nicht nur wütend zu machen.

Kadushin kann aber auch anders: Das zeigt sein iPhone-Killer, der als ein Witz gemeint ist, eine Persiflage um den Hype, der bei Erscheinen eines neuen Smartphones immer wieder entsteht, dass dieses das Ende des iPhones bedeute. Da dies immer wieder behauptet wird, aber nie geschieht, setzt Kadushin dem ein für alle Mal ein Ende und entwickelt einen iPhone Killer. Das Objekt, ebenfalls ein Open Design-Projekt, erfuhr eine enorme virale Verbreitung.

Mit der Ausstellung „Brutal schön“ will er seinen Beitrag dazu leisten, eine veränderte Sicht auf Design zu ermöglichen. Dass die Besucher entdecken können, was Design ist und was es tut, ist ihm wichtiger als die Vermittlung der jüdischen Geschichte. Sein Design reflektiert zwar die Geschichte, zuallererst aber will er es als Design sehen. Und so scheint das auch am Ende als einer der Aussagen zu stehen, die man über Kadushin treffen kann: Er ist ein Designer, der nicht nur die Open Design Bewegung begründet hat, sondern der sich vor allem, so scheint es mir, einem veränderten, erweiterten Begriff von Design verschrieben hat. Und wie nebenher bringt er uns Besucher dazu, unser Verhältnis zur jüdischen Geschichte und zum Holocaust zu reflektieren und vielleicht auch mehr in unseren Alltag einzubinden.

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