illustrierende Fotomontage

Ein Selfie ist ein Selfie ist ein Selfie: ein selbst erzeugter Anlass, um Kommunikation verkürzt, selektiv oder sonst wie verändert in Gang zu setzen – eine Bild gewordene Form von paradoxer Kommunikation. Jeder macht heute Selfies – sobald sie in der Welt sind, werden sie gleich durch weitere ersetzt. Im Grunde genommen ist ein Selfie ein kommunizierter Moment. Es entsteht, um sich und der Welt mitzuteilen, dass und wie es mit der laufenden Kommunikation weiter geht.

Wolfgang Ullrichs Aussage, dass Selfies als Weltsprache funktionieren, ist sicher nicht unrichtig. Es gibt nichts, was gegen diesen Vergleich sprechen könnte. Richtig ist aber auch, dass der Selfieboom einer aktuellen Zeitgeisterwartung entspricht: Ich sende dir einen Lebensmoment – jetzt ! In selfielosen Zeiten sprach man in solchen Momenten von Erhabenheit – heute spricht man wohl sachlicher und technischer von Coolness, die im Umgang mit Selfies entstand und sich immer noch vermittelt.

Interessant beim Produzieren von Selfies ist das zeitliche und sachliche Auseinanderfallen zwischen Anlass und Erwartung. Das Selfie spielt mit der Situation, in der es ohne Anlass entsteht und vor allem so funktioniert: Es enttäuscht seine Empfänger nie. Ein Selfie rechnet zu allererst mit Zustimmung nicht mit Ablehnung; man kann es tendenziell immer positiv decodieren. Es ist Ausdruck einer unmittelbaren Botschaft, nicht Teil eines Arguments, einer Irritation oder einer Täuschung. Man betrachtet Selfies nicht, sondern konsumiert deren Wirkungen. Die Wirklichkeit von Selfies vermittelt im Kern eine problemlos inszenierte Welt in Bildern – selbst Krieg und Terror wirken im Selfie-Kontext kommunikativ geschönt, nicht-authentisch und seltsam entwirklicht.

Doch wie verändert sich eigentlich der aktuelle Selfie-Diskurs? Ist etwa der gefakte Selfieversuch eines Adolf Hitlers nun irritierend, peinlich oder einfach nur effekthascherisch und banal? Wie auch immer: Dieses Bild stört die neue Selfie-Welt. Die „Störung“, die hier entsteht, parodiert das „Urbild“; sie unterläuft und entwertet jedes Pathos von Bedeutung.

Blogparade

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe veranstaltet gemeinsam mit Kulturkonsorten eine Selfierade. Dies ist unser Beitrag.

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