Woerterbuch_Kunstsprech

Fachsprache ist etwas Schönes. Sie drückt nicht nur eine besondere Sorgfalt in der Wortwahl aus, nein, sie signalisiert auch einen konkreten (wissenschaftlichen) Kontext: Sind wir auch nicht unbedingt unter uns, so sprechen wir doch auf jeden Fall vor dem Hintergrund gemeinsamen Wissens, gemeinsamer Erfahrungen, gemeinsamer Sachkenntnis. Fachsprache stellt bisweilen rätselhafte Termini zur Verfügung, Wörter mit geheimnisvoll klingenden Teilsilben, griechischen, lateinischen Wurzeln und vielfältigen Ausklängen. Oder auch ganz deutsche Begriffe, die dennoch ungewöhnlich gebildet wurden. Will man sich nicht nur am Klang dieser Schöpfungen erfreuen, schlägt man sie nach und tritt ein in die Welt der fachsprachlichen Kommunikation. Und in glücklichen Fällen folgen Einsicht und Erkenntnis, das Gefühl der Teilhabe und ein erhellender Blick auf forschendes Denken.

Fachwörter, Fremdwörter, komplexe Sätze, abstrakte Formulierungen – all dies wird heute gerne auch, zumal in populistischen Zusammenhängen, als elitäres Gehabe abgetan. Man fühlt sich aktiv ausgeschlossen. Gerade in geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen erscheint das oft verdächtig und führt leicht zu der Vermutung, man säße einer eitlen Bedeutungshuberei auf. Doch die Frage muss gestellt werden: Wo und wie soll Forschung, Entwicklung und Erkenntnisgewinn stattfinden, wenn der Fachkontext und seine entsprechende Sprache verpönt sind. Wo stünden wir mit der Raumforschung, wenn mathematische und physikalische Formeln und Theoreme ausschließlich allgemeinverständlich zu formulieren wären? Kann man verantwortliche Genforschung betreiben, ohne Fachbegriffe, ethische Kategorien und kompliziertes Wissen zu verwenden? Warum also sollte man nicht – auch in der Öffentlichkeit – komplexe Sachverhalte zur Kunst formulieren, darstellen und diskutieren? Im besten Falle ginge davon eine für den Zuhörer vielleicht noch nicht klar fassbare Anziehungskraft aus, die aber dann zu weiterführendem Interesse und tiefergehenden Einsichten führt …

Es gibt aber auch – und hier sind die Geisteswissenschaften und in den letzten Jahren vor allem auch die Kunst vielleicht sogar Vorreiter – den „Fachsprech“. Es ist eine Pseudo-Fachsprache, die zwar die verbale Attitüde des Dazugehörens umfasst, leider aber nicht die denkerische Leistung des Dazubeitragens. Vielmehr etablieren sich mit ungeahnter Geschwindigkeit Modewörter und Schein-Begrifflichkeiten, die unhinterfragt übernommen und dann so häufig wie möglich wiederverwendet werden. Dabei sind sie das genaue Gegenteil eines Fachwortes: Fachsprech dient nicht dazu, Zusammenhänge zu präzisieren und einen Gedanken differenziert darzustellen. Nein, diese Begrifflichkeiten sind Instrumente der Verschleierung, unspezifisches Wortgewölk, das den Anschein involvierten Sprechens (aber ohne erkennbare geistige Anstrengung) erzeugen soll.

Es tut mir – ehrlich gesagt – weh, dass gerade die Kunstwissenschaft ein so fruchtbares Feld für diese Art Diskurs geworden ist. Denken ist schön! Klares Denken ist wunderschön, und wenn es dann seinen Niederschlag in einer präzisen Sprache findet, dann entstehen erneut Bilder im Kopf, die die Bilder vor Augen in veränderte Zusammenhänge bringen können. So entsteht Erkenntnis, die sich

tradieren und Grundlage für neues Wissen werden kann. Darauf sollten wir gerade in der Kunst viel Wert legen. Und vor allem in einer Zeit, in der diese mehr und mehr Gefahr läuft, von ihrem Marktwert (auch dem nicht vorhandenen) fast vollständig gefressen zu werden. (Lesenswert dazu, wenn auch in Teilen höchst diskutabel, das Pamphlet „Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld“ von Markus Metz und Georg Seeßlen – vielleicht dazu demnächst auch mal mehr an dieser Stelle …)

Das hier entstehende, ganz gegen die Lexikon-Tradition unsortierte, unsystematische „Wörterbuch KunstSprech“ ist ein kleiner, nicht immer ganz ernst gemeinter Wortwind gegen den schleichenden Verfall fachsprachlicher Genauigkeit – und eben nicht gegen die Allgemeinverständlichkeit. Ganz im Gegenteil: Indem man mehr Aufmerksamkeit auf präzises Sprechen von unpräzisen Gegenständen legt, erhöht sich auch die Verständlichkeit bei eher Außenstehenden. Denn dann sind Gedankengänge – vielleicht mit kleinen Hilfen – nachvollziehbar und ermöglichen so eine Teilhabe jenseits protoreligiösen Glaubens. Auf dass wir uns trefflich streiten!

Fortsetzung folgt!

7 Kommentare
  1. Till Steinbrenner

    Lieber Roland Nachtigäller,
    Danke !
    Denn Sprache kann glücklich machen. Wenn man sie lässt.
    Till Steinbrenner

    • Roland Nachtigäller

      Lieber Till Steinbrenner,
      da stimme ich 100%ig zu, beim Lesen und beim Schreiben! Deshalb sollten wir ihr viel abverlangen, aber sie auch in einem progressiven Sinne pflegen, für sie und mit ihr kämpfen – im Essay, im Blog, im Fb-Kommentar, als SMS …
      Mit herzlichen Grüßen
      Roland Nachtigäller

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