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Ein Gästebuchschreiber?
Ja klar! Dieser Besucher ist das Lieblingskind von Museumsmitarbeitern: Ein sympathischer Menschentyp, der gerne nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit anderen kommuniziert. Der Gästebuchschreiber ist die heimliche Testperson des Museums. Wenn im Gästebuch kluge Dinge notiert werden, muss sich der Schreiber nicht wundern, wenn diese später einmal Berücksichtigung finden.

Eine Person mit Erwartungen?
Menschen sind fast immer voller Erwartungen – gerade heute und gerade im Museum. Besucher sind von Natur aus neugierig – auch, und gerade wenn ihre Erwartungen so unterschiedlich sind. Gespräche über eigene und fremde Erwartungen an die Kunst, die man gerne sehen möchte, sind im Museum nicht selten …

Eine Störung?
Vielleicht sind Besucher ja wirklich eine Art von Störern, die die Museumsmitarbeiter regelmäßig wieder neu mit Wünschen und Anregungen aufschrecken lassen.

Ein Zeitgenosse?
In jedem Fall – ein Museumsbesucher ist jemand, der seine eigene Gegenwart immer auch als historischen Zeitraum ansieht. Doch auch Vergangenheiten können – gerade im Museum – als Gegenwarten inszeniert sein. Mit dieser Erkenntnis wird jeder Besuch im Museum zu einer neuen Reise in eine noch unbekannte Gegenwart.

Eine Illusion?
Falsch, dann wären ja alle Besucher einer Ausstellung nur Illusionen. Interessant ist aber die Tatsache, dass Museumsmenschen ihre Besucher eigentlich nie kennen – und trotzdem Ausstellungen für Besucher machen. Für wen denn sonst?

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Oliver Grajewski: Abend im Abendland. Teil 198 (Abend im Abendland, Breitkopf-Editionen/Verbrecher Verlag, 2015)

Ein Spieler?
Wir kommen der Sache schon viel näher – ein Spieler ist jemand, der weiß, dass Vieles mögliches ist, und dabei hofft, dass auch das Unerwartete eintreten wird. Jeder Besucher spielt – wortwörtlich – mit seinen eigenen Interessen, Vorlieben, Fragen und Erwartungen und freut sich, wenn er auf Werke trifft, die in diesem Spiel mit von der Partie sind. Das Ernüchternde beim Spiel dieser Spieler ist: Sie sind enttäuscht, wenn Ihre Erwartungen nicht eintreffen.

Eine Witzfigur?
Aber sicher! Besucher, die in Museen andere Besucher betrachten, machen sich nicht selten einen Spaß daraus zu beobachten, wie andere Kunst beobachten. Karikaturen, in denen sich Cartoonisten über die Naivität (oder Dummheit) von Besuchern amüsieren, gibt es, seitdem Museen im frühen 19. Jahrhundert öffentlich zugänglich wurden. Neues lernen macht Spaß – Lachen ist befreiend! Nicht nur im Museum.

Eine Institution?
Wie wahr – dass der Betrachter keine reale Person ist, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion, eine abstrakte Größe, klingt jetzt sehr wissenschaftlich, erleichtert aber den Umgang mit allem, was das Thema „Besucher im Museum“ betrifft (siehe dazu diesen Text).

2 Kommentare
  1. Claudia Rahaju

    Eine Person, deren Bedürfnisse im Ausstellungssaal immer noch zu wenig berücksichtigt werden. Sitzen, liegen, blättern, weiter informieren, verlgeichen, sich einfach aufhalten dürfen – das müsste doch möglich sein! Ausstellungen wie letztes Uecker in K20/ Düsseldorf und Kentridge/Dürer in Berlin zeigen ja, dass es geht.

  2. Michael Kröger

    Liebe Claudia Rahaju,

    herzlichen Dank für Ihren Hinweis. Die Berücksichtigung der Besucherbedürfnisse ist für uns in jeder Ausstellung immer wieder eine neue Herausforderung. Grundsätzlich versuchen wir immer eine Besucherperspektive einzunehmen – aber wie explizit diese im Einzelfall ausfällt, wird sich immer wieder neu erweisen müssen … .

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