Woerterbuch_Kunstsprech

„Die Ausstellung zeigt einen echt geilen Künstler mit total coolen Bildern.“ – Gut, so beginnt auch heute noch kein Pressetext, vielleicht eher der Bericht eines Jugendlichen vom letzten Museumsbesuch. Aber so? „Die Ausstellung präsentiert eine spannende junge Position [das hatten wir schon] mit beeindruckenden neuen Arbeiten [dazu demnächst].“ Diesen Satz in der offiziellen Verlautbarung zu einer Ausstellung zu finden, ist schon deutlich wahrscheinlicher bzw. nachweisbar. Doch was sagt er genau? Vor allem viel darüber, was alles noch nicht zu erfahren ist: Künstler oder Künstlerin? Maler, Bildhauer, Fotograf oder etwas anderes? Jung wie 20 oder jung geblieben wie 45? War eine Freundin beeindruckt, der Künstler von sich selbst oder gleich die ganze Kunstwelt? Aber – spannend wird’s! Wenn also alles gut läuft, darf man die Ausstellungseröffnung erwarten wie den sonntäglichen Tatort.

Doch nochmal einen Schritt zurück: Zwei schwarze Balken, fünf rote, mehrfach sich kreuzend und von einigen Recht- und Dreiecken in Gelb und Violett begleitet – viel mehr würde die schlichte Bestandsaufnahme zum Beispiel eines Malewitsch-Gemäldes gar nicht zusammentragen können. Und doch sind die Bilder dieses russischen Suprematisten und Konstruktivisten voller dramatischer Momente, labile Balancen, tänzerischem Tasten, flüchtiger Klänge aus Berührungen und Begegnungen von Farben und Formen.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich während meines Studiums gebannt in einer Vorlesung saß, in der mein damaliger Professor, heute Direktor eines der wichtigsten Museen Deutschlands, diese Bilder allein mit sprachlichen Mitteln aus der Banalität der Dia-Projektion in eine fast physisch spürbare Anwesenheit mitten in den Hörsaal holen konnte. Seine Sprache vermochte das innere Auge bis tief in die verborgene Konstruktion dieser Bilder zu führen und sie als räumliche Dynamik geradezu greifbar werden zu lassen.

Spätestens seit diesen unvergesslichen Momenten halte ich die Bildbeschreibung für eine der größten Fähigkeiten des Kunsthistorikers, der Ausstellungsmacherin, der Kunstvermittlung. Wenn es gelingt, mit Fachwissen und einer leidenschaftlichen Sprache, mit Sachkenntnis und einem sich aus dem direkten persönlichen Erleben speisenden Wortschatz Skulpturen und Bilder, ja auch Installationen oder Videos aus ihrem eigentlichen Medium in etwas Neues zu übersetzen – dann liegen darin höchste Momente des Glücks und der Begegnung mit Kunst. Dann auch verstellt Sprache nicht das Werk, sondern schließt es auf einer neuen Ebene auf, ermöglicht Teilhabe an einer Wahrnehmung, die zumindest auf den zweiten Blick auch durch Ausbildung, Kenntnis und Übung geschult wurde.

Spannung liegt zweifellos in den Bildern von Kasimir Malewitsch, die Erwartung unmittelbar bevorstehender Konstellationsverschiebungen, das Gefühl von Zug- und Druckkräften zwischen den unterschiedlichen Elementen. Sie ziehen in den Bann, und bei besonders sensiblen oder gerade sehr empfänglichen Betrachtern können sie sicherlich auch die innere Anspannung erhöhen, gar den Blutdruck ansteigen lassen. Aber sind sie deshalb schon spannend wie ein Krimi? Und wie haben wir uns dann den spannenden Künstler dazu vorzustellen?

Je öder der Kunstbetrieb zu werden droht, desto aufregender haben die Künstler und ihre Produktionen zu sein. Und da kommt „spannend“ goldrichtig. Es suggeriert eine latente Erregung, beschreibt etwas Erotisierendes und eine unruhige Erwartung – der erlösenden Einzigartigkeit vielleicht. Weil man dieses frische positive Gefühl aber nicht durch unnötige Wertung gleich wieder gefährden will, sondern erst einmal die Verbündeten um sich schart und einen diffusen Konsens darüber sucht, dass hier etwas höchst Beachtenswertes zu verhandeln ist, kommt die Referenz auf den Suspense genau richtig. Spannend! Wir sagen noch nicht, was wie und warum wirkt, fasziniert oder wichtig erscheint, sondern behaupten erst einmal „dass“ es so ist. Qualifizierte Werturteile sind etwas für die Nachwelt.

„Spannend“ ist das „geil“ des Kunstbetriebs, ebenso nichtssagend wie unaufhaltsam. Allein die nächste Modewortsau, die dann durchs Dorf gejagt wird, kann das vielleicht wieder ändern. Und da ist auch schon ein Hoffnungsschimmer am Horizont erkennbar: „unfassbar“! Derzeit auf einer fantastischen Erfolgswelle vor allem bei den „Jugendsendern“ treibend, kann das Wort erste Terraingewinne auch in der Kunstwelt vermelden, und es wird wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es Einzug in den offiziellen KunstSprech der Messe-, Presse-, Ausstellungskommunikation findet – als dann endlich auch explizite Kapitulation vor jeglicher Art von Beschreibung oder gar Wertung.

 

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