Woerterbuch_Kunstsprech

Etwas greift nach mir, tastet kaum spürbar durch den Raum, fast scheint es als atme ein kühler Hauch in meinen Nacken und ein Schauer läuft über die Haut, während die suchenden Ausläufer des Unfassbaren die Luft erfüllen … Stop, stop, stop! Wir befinden uns mitnichten in einem Horrorfilm, es geht auch nicht um die Jagd auf den billigen Suspense. Nein, wir stehen in einem Ausstellungsraum, diesmal nicht mit Bildern an den Wänden, sondern mit Skulpturen, Installationen. Aber das, was hier den Raum dominiert, ist nicht irgendein gewöhnliches dreidimensionales Kunstobjekt, nein, es ist – raumgreifend! Darunter tun wir es nicht…

Dabei ist unbestritten, dass die Interaktion einer Skulptur mit dem Raum sehr unterschiedlich ausfallen und damit auch beschrieben werden kann. Adjektive wie raumabweisend oder raumweisend, raumhaltig oder raumoffen verweisen auf sehr unterschiedliche Bezüge zwischen dem bildhauerischen Werk und dem umgebenden oder auch enthaltenen Raum. Umgekehrt stehen für nicht raumgreifende dreidimensionale Plastiken auch Begrifflichkeiten wie Halb- und Hochrelief, Nischenplastik, einansichtige Skulptur oder Kleinplastik zur Verfügung. Warum aber haben wir es gegenwärtig mit einer geradezu inflationären Verwendung des Begriffes raumgreifend zu tun?

Es könnte eng werden

Nun ist es ja nicht unbedingt falsch, dieses Adjektiv im Zusammenhang mit einer bildhauerischen Arbeit zu verwenden. Denn natürlich entwickelt sich die Skulptur, die Installation, gar das Environment in den Raum hinein, greift aus und verwickelt den Betrachter in ein im besten Fall komplexes Geflecht der dreidimensionalen Bezüge. Nur stellt sich natürlich auch die Frage, was denn in der zeitgenössischen Kunst zu der erst einmal unbestimmten Vorstellung einer Skulptur hinzutritt, wenn diese „raumgreifend“ ist.

Im besten Falle hat man es dann mit einer Installation, einem Objekt zu tun, dass sich raumoffen präsentiert, sich aus einem Zentrum (oder auch ohne ein solches) weit in die räumliche Struktur entwickelt. Gegebenenfalls macht das Werk dem Betrachter sogar seinen eigenen Raum streitig und leistet sich tatsächlich die große Geste des visuellen oder sensorischen Ausgreifens in alle drei Dimensionen.

Im kleinen Horrorladen?

Allerdings ist dem kunstwissenschaftlichen Schreiben – auch wenn man zeitgemäß und hip klingen möchte – wenig gedient, wenn nach dem Salzstreuerprinzip zwischen die ganzen Installationen, Skulpturen und Plastiken großzügig das „raumgreifend“ untergemischt wird. Denn nur allzu schnell verflacht eine solche Modevokabel zum unreflektierten „must have“, das eigentlich nur übermitteln will: „Wir machen eine unfassbar coole Ausstellung mit voll großen Werken, die ihr echt sehen müsst.“ Bevor aber eine eigentlich hilfreiche Beschreibungskategorie zum gedankenlosen Text-Accessoire mutiert, sollte man zuvor noch einmal kurz den Praxistest des genauen Hinschauens machen, damit die Pressemitteilung oder der Katalogbeitrag nicht zum „Little Shop of Horrors“ wird.

 

Register

Wörterbuch KunstSprech (6) → Ikone
Wörterbuch KunstSprech (5) → Arbeit
Wörterbuch KunstSprech (4) → spannend
Wörterbuch KunstSprech (3) → Position
Wörterbuch KunstSprech (2) → kuratieren
Wörterbuch KunstSprech (1) → Einführung: Fachsprache vs. Fachsprech

7 Kommentare
  1. ASK

    Hey Roland,

    da hat man doch mal wieder was dazu gelernt! Super Text! Nur weiter so!

    Viele Grüße
    Michael

    • Roland Nachtigäller

      Vielen Dank! Ich werde weiterhin kritisch auf unsere Textproduktion schauen. Und wenn man dann noch weiß, dass es dazu ein paar treue Leser dieser Kolumne gibt… 😊

  2. Elvira Bierbach

    Wunderbar! Ich liebe diese Kolumne – und wenn diese mal als Textsammlung erhältlich ist, kaufe ich ein Dutzend und verschenke sie mit Freude! Herrlich! Vielen Dank und bitte weiter so!
    :-)

    • Roland Nachtigäller

      Ich freue mich sehr, dass diese kleinen Einwürfe ihre freudige Leserschaft finden. Danke für Ihre Begeisterung! Ob das Ganze, was ja erst einmal ein augenzwinkerndes Reiben am eigenen Metier ist, einmal den Weg aufs Papier findet, ist zumindest noch nicht absehbar. In der Zwischenzeit gibt es ja zumindest die Möglichkeit, sich mit den Texten ein ganz persönliches Heftchen zu basteln. ;-) Weiterschenken jedenfalls finde ich immer gut. Und vielleicht führt es ja tatsächlich dazu, dass wir beim Schreiben wie auch beim Lesen etwas mehr darauf achten, wie schablonenhaft oder subtextbeladen manche Formulierungen sein können. Ein paar Einträge in dieses „Wörterbuch“ sind jedenfalls noch in Planung. Bis dahin an diesem Ort, R.N.

  3. Martin Liening

    Moin und danke aus Nordhorn! Meine Favoriten sind immer noch die Sätze, in denen dem „Werk“, der „Arbeit“, der „Position“ ein aktives subjektives Sein angeschwätzt wird:
    „Das Bild entzieht sich dem Betrachter.“
    „Die Arbeit sperrt sich förmlich.“
    „Die Positon teilt sich lauthals mit.“
    „Das Foto spricht geradezu aus sich selbst…….“
    usw. usw.
    Lieber Roland, bei mir hast Du jedenfalls ein Fass aufgemacht, randvoll und trotzdem immer noch Platz für Neues! Viele Grüße
    Martin

    • Roland Nachtigäller

      Danke, Martin! Das ist doch das Wichtigste, dass wir gerade auch in sprachlicher Hinsicht mit wachem Geist unterwegs sind. Mit herzlichen Grüßen ins kunstwegen-Land
      Roland

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