Woerterbuch_Kunstsprech

Zugegeben, diesmal scheint es etwas kleinkarierter zu werden. Aber es geht in dieser sprachkritischen Kolumne zum kunstwissenschaftlichen Jargon ja auch nicht nur um Wildwuchs oder sogar einige No-gos in „unseren“ Texten. Es soll auch darum gehen, mit Formulierungen aufmerksamer umzugehen und danach zu fragen, welche unausgesprochenen Botschaften bisweilen mit übermittelt werden. Gerade vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Textproduktion neigen wir dazu, flüchtig und springend Wandtexte in Ausstellungen, auf Handzetteln oder Labels, in Zeitschriften oder auch Blogs zu lesen.

Natürlich wissen wir um die Vielschichtigkeit eines Textes und die Möglichkeit, über bestimmte Formulierungen etwas zu suggerieren, dem wir – offen ausgesprochen – gar nicht unbedingt folgen würden. Aber wollen wir jedem Satz erst einmal genau nachhorchen? In Zeiten von Twitter, SMS und Breaking News haben wir uns doch daran gewöhnt, schnell und direkt zu kommunizieren.

Etwas gemerkt? Dieser Einleitungsabsatz nimmt den Leser geradezu wörtlich mit. Über ein ganz selbstverständlich eingewobenes „wir“ fühlt man sich angesprochen und direkt in die Überlegungen miteinbezogen. Aber weiß wirklich jedeR um die erwähnte „Vielschichtigkeit eines Textes“. Was ist mit unerfahrenen LeserInnen? Mit Kindern? Hat sich tatsächlich jedeR an die schnelle Kommunikation gewöhnt? Und wenn nicht, wer sind diejenigen, die mit diesem „wir“ gemeint sind.

Es gibt nicht wenige Texte im Kunstkontext – zum Beispiel zur Einführung einer Ausstellung –, die mit dieser rhetorischen Figur eines „pädagogischen Wirs“, wie ich es mal salopp unwissenschaftlich nennen will, arbeiten. Sätze im Sinne von „Wir erleben unsere Gegenwart zunehmend als unübersichtlich und bedrohlich.“ werden gerne verwendet, um in die gesellschaftskritische Auseinandersetzung eines Werks oder einer thematischen Zusammenstellung einzuleiten. Aber wir teilen eben nicht unisono die gleiche Gegenwartserfahrung, auch wenn man als SchreiberIn gerne eine zeittypische Beobachtung oder eine gesellschaftliche Entwicklung umreißen möchte. Dennoch bleibt es eine verallgemeinernde These, die Menschen ungefragt mit vereinnahmt, welche sich in der Diagnose möglicherweise gar nicht wiederfinden.

Was also tun? Es mag im Rahmen des Genderns von Texten vielleicht nicht recht opportun sein, aber das „man“ – was für mich nach wie vor trotz Gleichklang etwas ganz anderes ist als der „Mann“ – vermag in der deutschen Sprache ebenfalls zu verallgemeinern und zielt doch mehr auf die/den einzelneN als auf ein vereinnahmendes Alle. Es bleibt ein Unterschied, ob ich schreibe „Wir haben uns daran gewöhnt“ oder „Man hat sich daran gewöhnt“ – bei Letzterem erhält jedeR noch die Freiheit der Entscheidung, sich einbezogen zu fühlen oder nicht. Aber auch, wer dieser kleinen sprachlichen Volte nicht ganz folgen mag, kann mit ein wenig Aufmerksamkeit eine Differenzierung in Texten vorsehen, die den LeserInnen eine Wahl lässt beziehungsweise schlicht dieses „wir“ präzisiert. Also, Rewind! Hier zum Abschluss den zweiten Absatz dieses Blogbeitrags noch einmal neu:

Natürlich wissen die meisten LeserInnen um die Vielschichtigkeit eines Textes und die Möglichkeit, über bestimmte Formulierungen etwas zu suggerieren, dem viele – offen ausgesprochen – gar nicht unbedingt folgen würden. Aber will man jedem Satz erst einmal genau nachhorchen? In Zeiten von Twitter, SMS und Breaking News ist es ja zur Gewohnheit geworden, schnell und direkt zu kommunizieren.

Und jetzt trinken wir erst mal einen Kaffee …  ;-)

 

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