Der moderne Könner kann, wie Peter Sloterdijk einmal sinngemäß formulierte, immer weniger, weiß aber immer besser, wie es auch anders gehen könnte.[1] Könner gibt es viele. Ein geübter Könner ist der Künstler. Der moderne Künstler weiß, dass er nicht (mehr) alles können muss, sondern schafft aus dieser Situation heraus noch Neues und womöglich Einzigartiges schaffen.

Der Glaube an die Permanenz eigener Kreativität ist durch nichts zu ersetzen – so lautet bekanntlich das Mantra und der Imperativ unserer Gesellschaft.[2] Der Umgang mit der eigenen Kreativität zwinge den Einzelnen, so Wolfgang Ullrich, möglichst effizient an einer Sache selbstoptimierend zu arbeiten.[3] Der ideale Kreative ist eher ein Geber als ein Selbstdarsteller und paradoxerweise der zukünftig zum Geschehen jetzt Hinzutretende. Das Kreative gilt heute – gerade weil es so undefinierbar ist und bleibt – als Markenzeichen für eine sozial exklusive Aktivität, die eine Bewertung der Gegenwart aus dem Geist der Zukunft vornimmt. Was in einer unbekannten Zukunft einmal die Gegenwart verändert hat, ist unsterblich geworden – so kreativ war die Kraft eines Könners, der nicht mehr genau zwischen Kunst und Können unterschied.

Das Können des Künstlers ist häufig subtil, aber auch darin – wie jedes langfristig erworbene Können – zeitlich begrenzt und nur insoweit kreativ, als es jeweils auch das Gegenteil dessen, was gerade formuliert wird, in seine Überlegungen mit einbezieht. Doch die Freiheit, die Kreativität dem Einzelnen verspricht, kann nicht von allen eingelöst werden. Das Themenfeld „Der kreative Mensch“[4] bedeutet immer auch, dass jedes Mal, wenn eigene und fremde Begabungen im Wettstreit miteinander stehen, kreative Austauschverhältnisse entstehen. Auch wenn es idealerweise um die Idee geht „andere so zu inspirieren, dass sie das als Geschenk empfinden, das sie ihrerseits weitergeben oder erwidern wollen“[5] – implizit handelt jeder Diskurs des Kreativen von der Entstehung und Differenzierung realer Ungleichheit.

Kreativ sein heißt den unaufhörlichen Widerspruch zwischen gegenwärtigem Machen und künftig erweitertem (technischen) Können nicht zu verschweigen, sondern ihn von Moment zu Moment neu anzuwenden.

Am Ende bleibt die Frage offen: Wann genau beginnt eigentlich das Kreative? Ist in Wahrheit nicht jemand bereits kreativ, wenn er nur ungefähr weiß, was demnächst einmal möglich geworden sein könnte? Kann es ein System geben, das autonom genug ist, selbst zu entscheiden, wann Kreativität beginnt? Und: Ist Kreativität nicht doch ein zu subjektorientierter Begriff für Ideen des Neuen? Peter Sloterdijk spricht dagegen von einer heute ständig realisierten Exteritorialisierung von neuen Ideen, die ebenso ständig internalisiert werden.[6] Kreativ sein hieße dann möglicherweise nicht mehr unter dem gegenwärtigen Zwang von Originalität handeln zu wollen oder zu müssen, sondern die Evidenz des eigenen Handelns ebenso gut an eine spätere – womöglich auch technische – Instanz zu delegieren. Was später einmal als kreative Leistung gilt, muss heute gar nicht als solche auffallen. Erfolgreich ist der Kreative, indem er sich dem Moment einer Überraschung überlässt – ohne an das Neue zu denken. Das Wenige, das der Kreative in Wahrheit braucht, ist eher das (Vor-)Bild eines ihm günstigen Moments – und weniger eine Begriffsmarke, die man kostengünstig wieder verwenden kann.
 

Anmerkungen
 
[1] Vgl. Peter Sloterdijk, Der ästhetische Imperativ, Hamburg 2007, S. 143.

[2] Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität. Frankfurt am Main 2012.

[3] Wolfgang Ullrich: der kreative Mensch. Salzburg/ Wien 2016, S. 36 ff.

[4] Siehe ebd.

[5] Wolfgang Ullrich, Lässt sich Kunst lehren?, Die Zeit, v. 7. 4. 2016, S. 54.

[6] Vgl. zu diesem Konzept eines „künftigen Realismus“ im globalen Ausmaß: Peter Slotedijk, Was geschah im 20. Jahrhundert? Frankfurt a. M. 2016, S. 70 ff.

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