Die Büchse der Pandora, die heute technischer und etwas umgänglicher ’soziale Netzwerke‘ genannt wird, verändert gerade in ungekanntem Tempo und Ausmaß die Möglichkeiten, mit denen Künstler und Betrachter Bilder konsumieren.

Dabei wachsen vor allem auch die Ansprüche und Erwartungen, mit denen Leser und Betrachter heute Werken begegnen, die im Kunstkontext entstehen. Die DNA der Kunst, die heute aus einer komplexen Gemengelage von Selbst- und Fremdbeobachtungen, zwischen Instrumentalisierungen des Publikums und inszenierten Geheimnissen entsteht, ist heute zu einem Medium geworden, in dem scheinbar nach freiem Belieben immer neue Experimente durchgeführt werden können.

Werke, die so tun, als würden sie nach tieferer Bedeutung und existentieller Betroffenheit aussehen, scheinen gerade den Nerv der Gegenwart zu treffen; kürzlich hat Hanno Rauterberg am Beispiel von Werken Dan Vos diesen Sachverhalt ausführlicher durch die kritische Unterscheidung zwischen Kunst und Kunstigkeit ausgeführt (DIE ZEIT, 3. September 2015, S. 53; eine Zusammenfassung findet sich bei nachtkritik.de). Diese Unterscheidung betrifft ein grundsätzliches Problem moderner Kunst. Wenn diese immer häufiger so gemacht wird, als ob sie nach Kunst aussieht, wird die unterscheidende Funktion von Kunst immer entscheidender. Die Unterscheidung zwischen einer bedeutsam gesteigerten Inszenierung und einer (auch) als Banalisierung zu wertenden ästhetischen Geste ist heute eine relative Größe geworden, an der sich die Relevanz des jeweils eigenen Beobachtens abzeichnet.

Dan Vo, so Rauterberg, arrangiere eher wie ein Kurator passende oder ungewöhnliche Gegensätze. Mehr eigentlich nicht, das aber äußerst gekonnt: Er kombiniert alte Dinge mit Neuen, Wertloses mit interessanten Bildtiteln, Anspielungen aus Geschichte mit Phänomenen oder Dingen der Gegenwart. Man könnte Hanno Rauterbergs anregende Kritik auch so zusammenfassen: Der Künstler als Arrangeur von Möglichkeiten – keine wirklich neue aber offenbar gerade eine sehr aktuelle Idee, die etwas vom aktuellen Machen spielerisch zu offenbaren scheint. Dabei macht der Künstler „nur“ explizit, dass und wie er etwas bereits Bedeutungshaltiges anders arrangiert, das dann auch der Betrachter entdeckt und ihn so zum Komplizen des Künstlers macht.

Auf diese Weise entsteht eine sehr technische Form des Herstellens, die zwischen einem einfachen Machen und einem mehr oder weniger intelligenten Kombinieren hin und her schaltet. Sie stellt nicht die Funktion von Kunst in Frage, sondern übertreibt umgekehrt die Bedeutung, die mit Kunst seit alters her verbunden ist – und so den Umgang mit Kunst funktional werden lässt. Kunst erklärt sich nicht direkt, eher unterhalb oder jenseits ihrer selbst – genau darin besteht ein Geheimnis ihrer Kommunikation. Ein Geheimnis ist nur solange nicht banal, wie es kommuniziert wird. Künstler befinden sich so in einem Dilemma: Es reicht für sie heute nicht mehr aus Kunstwerke zu produzieren, die nur für sich selbst und ihr Geheimnis stehen, für ihre nicht beobachteten Aspekte, Fragen und Haltungen. Künstler zeigen vielmehr auch, wie neue Bedeutung im Vergleich mit Bestehendem und ein aktueller Mehrwert aus Formen der Selbststeigerung entstehen. Das heißt, sie verraten dabei immer auch ein Stück des Geheimnisses, das in der Kunst – selbst wenn diese scheinbar enttarnt worden ist – allzeit wirksam ist.

Kommentar hinterlassen

Ihre Mailadresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Sie können diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

löschenSenden