Niederschwelligkeit ist eines der wichtigsten und meist diskutiertesten Themen in den unterschiedlichen Bildungseinrichtungen – schließlich wollen wir als AusstellungsmacherInnen jedem den Zugang ermöglichen und so unseren Bildungsauftrag erfüllen. Auch im Marta steht dieses Thema zur Debatte, weshalb ich es gemeinsam mit Museumspädagogin Angela Kahre und Ausstellungsmacher Michael Kröger diskutiert und festgehalten habe.
 
Michael Kröger (MK): Alles ist heute irgendwie scheinbar so einfach geworden – besonders komplexe Sachverhalte. Man kauft sich einfach für 99 Cent eine App und wendet sie an. Tatsächlich hat deren Entwicklung jedoch Monate, wenn nicht Jahre gedauert.

Friederike Fast (FF): Ein ähnliches Phänomen kennen wir auch aus dem Museumsalltag. Zu Recht wird allseits eine Barrierefreiheit gefordert, damit alle Menschen gleichermaßen die Angebote eines Museums nutzen können. Dies wird zwar auch staatlich gefördert, doch um diese Barrierefreiheit umzusetzen, erfordert es eine sehr genaue Planung, viel Zeit und auch Geld.

MK: Auch an anderer Stelle kann man diese Tendenz auf das Museum übertragen: Als Besucher liest man einen Erläuterungstext und versteht, worum es geht (oder eben nicht). Wenn wir Texte schreiben, sollten diese dem Problem zwar angemessen und dennoch nicht zu kompliziert sein. Es muss kurz, schnell und informativ gehen. Texte sollten dabei wie Einladungen, nicht aber wie Erläuterung wirken. Niederschwelliges kann übrigens auch beinhalten, dass es unterhaltsam sein kann, etwas Neues zu lernen.

Angela Kahre (AK): Aber was bedeutet niederschwellig überhaupt? Mit „Schwelle“ ist umgangssprachlich die Türschwelle gemeint. Jene Erhöhung im Boden, im Eingangsbereich eines Hauses oder eines Raumes, die sehr deutlich das Innen vom Außen trennt. Historisch gesehen ist es eine Schutzmaßnahme vor Schmutz, Wasser oder – wie im Chinesischen – vor bösen Geistern. Der Innenraum, das Private wird so vom Außenraum isoliert und geschützt. Wenn ich diese Symbolik oder historische Ableitung auf museale Räume übertrage, bin ich nicht für Niederschwelligkeit, sondern für die Abschaffung von Schwellen: um Positives und Neues von Innen und Außen in einen Dialog zu bringen. Dafür muss ich die Schwellen allerdings erst einmal erkennen – auf beiden Seiten – und ich muss mich darauf einlassen, das „Innere“ des Museums zu öffnen und dadurch viel Neues, Ungewohntes, Kritisches hereinzulassen.

FF: Ich denke, dass man dies auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen beobachten kann: Überall werden Widerstände abgebaut, um es so leicht wie möglich zu machen. So sind viele Gegenstände und Geräte, die wir heute tagtäglich benutzten, wohlig weich oder auch glänzend glatt. Statt Knöpfen oder Tasten, findet man immer mehr Touchscreens. Und auf den neuesten Nanobeschichtungen perlt der Schmutz einfach ab. Widerstände oder Spuren des Gebrauchs sind da nicht vorgesehen. Folgt man dem koreanischen Philosophen Byung-Chul Han stellt man fest: „Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart.“ Biomorphe Formen und texturlose Oberflächen wirken als Gleitmittel in einer Welt, die ansonsten vor allem von Zerstörung und struktureller Auflösung geprägt ist. Viele Künstler reagieren darauf, indem sie Oberflächen besudeln, zerstören und Narben reißen oder auch auf anderen Wegen eine neue Körperlichkeit erzeugen.

MK: Gerade im Netz und seinen sozialen Medien gilt: Man macht das, was man gerade macht, möglichst leicht und hofft darauf, dass der Andere schon versteht, was man meint. Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits stellt sich dann aber auch die Frage: Wohin treibt die Gesellschaft, die alles scheinbar möglichst einfach konsumierbar machen will? Das Schwierige lässt man entweder ganz weg oder vereinfacht es so stark, dass es Spaß macht, sich damit zu beschäftigen. Wo ist also das Problem? Sind die Probleme, die sich einer macht, nicht viel einfacher zu lösen als man denkt? Oder ist ein Text, der nicht niederschwellig formuliert ist, heute nicht auch einfach unangemessen? Zwischen komplexen Sachverhalten wie etwa Kunst und vereinfachenden Darstellungen existieren offenbar viele Graustufen.

FF: Komplex bedeutet nicht immer kompliziert! Manchmal frage auch ich mich, für wen der Autor seinen Text eigentlich geschrieben hat. Ich bin überzeugt, dass die Kunst eine andere Form der Komplexität erzeugt als ein wissenschaftlicher Aufsatz. Gerade die körperlich-sinnliche Erfahrung der Kunst ist es, die ich heute für unerlässlich erachte. Vielleicht müssen wir einfach auch noch intensiver nach anderen Formen der Vermittlung suchen, mit denen die sehr unterschiedlichen Besuchergruppen erreicht werden können?

AK: „Benutzen“ ist ein deutlicher Unterschied zum „Besuchen“. Mir erscheint es auch wichtig, dass wir das Publikum vielfältig denken. Den Museumsbesucher gibt es nicht. Das wissen wir alle. Aber sehen unsere Vermittlungsangebote auch immer so aus? Unser Angebot an das Publikum muss ebenso vielfältig sein: Kurze Führungen, lange Führungen, Fremdsprachenangebote, Abendrundgänge, Kunstsprecher, dialogische Führungen, Begegnungen mit den Künstlern, den Kuratoren, Diskussionsforen, partizipative Kunstangebote, Filme, Treffpunkte, Netzwerke mit anderen Kultureinrichtungen, Raum für spontane Aktivitäten und Ausdrucksformen, Plattformen, die speziell Jugendliche ansprechen, Informationen in einer Medienvielfalt – und das alles mit einem langen Atem.

Eine Mischung signalisiert aus meiner Sicht einen Abbau von Schwellen und nimmt vielleicht auch bei den Besuchern bestehende Schwellenängste. Wichtig dabei ist: Der Eventcharakter, den wir mit unseren Angeboten häufig thematisieren, muss von einer „Benutzbarkeit des Museums“ abgelöst werden. Dabei geht es nicht darum, künstlerische, philosophische, intellektuelle Standards im Sinne einer scheinbaren Niederschwelligkeit zu vernachlässigen. Das Ziel ist nicht, Niederschwelligkeit zu propagieren und wichtige Aussagen der Kunst zu vereinfacht darzustellen, um damit Kunst konsumierbarer zu machen. Die historische Idee eines Forums als Ort der Diskussion und des Austausches finde ich persönlich zeitgemäßer als den Museumsbegriff.

MK: Oft denkt man, dass Niederschwelligkeit in jedem Fall sozial und daher gut sein muss. Wer von Niederschwelligkeit redet, der hat die Mehrheit schnell auf seiner Seite und scheint dabei jeweils aus einer Position des Überlegenen zu sprechen. Dabei ist das Niederschwellige so ähnlich wie das Relevante ein Begriff, der zunächst noch nichts aussagt. Was für den einen niederschwellig daherkommt, mag für den anderen banal erscheinen. Die Bewertung dessen, was als niederschwellig empfunden oder wahrgenommen wird, ist also eine Fiktion – und Fiktionen lassen sich häufig nicht restlos durchschauen. Gibt es auch Niederschwelliges, was nicht verschweigt, dass es außerdem noch Komplexes gibt?

FF: Texte in einfacher Sprache zu schreiben, ist nur ein Ansatz unter vielen, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Die zentrale Frage ist aber doch vor allem: Welche soziale Rolle kommt einem Museum heute überhaupt zu? Wie können wir wichtige gesellschaftliche Fragen ins Gespräch bringen, die Besucher herausfordern und uns gleichzeitig noch mehr an ihren Bedürfnissen orientieren?

MK: Dies hat sicher auch etwas mit landesspezifischen Gewohnheiten zu tun: In England beispielsweise trifft man sich im Museum, weil man neugierig ist und vielleicht mit eigenen Fragen kommt – in Deutschland entdeckt man offenbar gerade erst durch die sozialen Medien und/ oder freien Eintritt, dass Bildung auch Spaß machen kann. Eigentlich kann ja gerade ein Museum nicht niederschwellig genug sein, wenn es darum geht, dass die Besucher (und MuseumsmitarbeiterInnen) in diesem Ambiente plötzlich auf Ideen kommen, von denen sie vorher nie zu träumen gewagt hätten. Und damit wären wir beim Thema „Das Museum als Ort der eigenen Neugier“.

AK: Ich stimme zu, dass es z.B. in Großbritannien eine ganz andere Museumsmentalität gibt. Im Verständnis der Bürger ist es ihr Museum, sie zahlen dafür die Steuern, der Eintritt in die Dauerausstellungen ist frei. Das „Innere“ wird als öffentlich empfunden. Die Besucher benutzen das Museum zur Wissensbildung, Kommunikation, zum Zeitvertreib, als Treffpunkt und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. So habe ich es in verschiedenen Museen in England und Schottland erleben können.

Niederschwelligkeit können wir im Museum erreichen, wenn wir immer wieder fragen, wer unsere Besucher sind. Wenn wir ihnen Zugänge zur Kunst ermöglichen, die sie sprechen lassen, wenn wir Kunst zeigen, die uns staunen lässt, die für viele in ihrem Ausdruck und Werdegang nachvollziehbar ist.

Knüpfe ich noch einmal an das Bild vom Innen und Außen an, dann muss ein deutliches Handeln vom Innen heraus passieren, um neugierig zu machen, herauszufordern, zu provozieren, zu bestätigen – aber vor allem auch, um Raum zu geben und Hochkultur mit anderen kulturellen Ausdrucksformen zu ergänzen. Und das alles – hier kommt wieder ein deutlicher Abbau von Schwellen – idealerweise ohne Eintritt.

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