Foto von Marta-Direktor Roland Nachtigäller während der Rede

Am 7. Mai 2015 feierte Marta Herford im Rahmen eines Festaktes sein 10-jähriges Jubiläum. Moderiert von dem Kabarettisten Christian Ehring sprachen Bürgermeister Tim Kähler, NRW-Ministerin Ute Schäfer, Bundesminister a. D. Gerhard Baum, Prof. Dr. Wolfgang Kemp und Freundeskreisvorstand Heiner Wemhöner. Im Rahmen meines Abschlussbeitrags ging es auch noch einmal um eine grundsätzliche Positionsbestimmung von Marta Herford.

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke beschrieb diese Begegnung mit einem Torso von Apoll, dem Gott der Dichtkunst, in seinem Sonett 1908 in Paris. Es fasst den offensichtlich überwältigenden Eindruck vor einer antiken Skulptur in bestechend klar gebaute Verse. Und obwohl schon vielfach zitiert, ist es gut sie mal wieder aufmerksam zu lesen. Nicht nur mich hat der Schlusssatz dieser Dichtung im Studium nachhaltig fasziniert, weil er eben nicht wie ein religiöses Gebot daher kommt, sondern vielmehr im Angesicht der Kunst auf die noch nicht verwirklichten Potenziale des eigenen Lebens verweist.

Es ist für mich nach wie vor eines der großen Geheimnisse der Kunst, wie sie jenseits der sprachlichen Beschränkungen unmittelbar wirken und jähe Moment der Erkenntnis produzieren kann. Denn nicht die Vermittlung von Wissen über Zeit oder Werk stehen im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung, sondern die Echoräume in uns selbst, visuelle Erfahrungen, die zu einzigartigen, erfüllten Augenblicken der Begegnung werden.

Man mag das als romantische Überhöhung künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten sehen. Aber stellen Sie sich das einmal konkret vor: Da steht jemand, der sich primär nicht den bildenden Künsten widmet, vor einer alten, massiv beschädigten Nachbildung eines Körpers – ohne Kopf, ohne Arme, mit fehlenden Geschlechtsteilen und einem einzelnen Beinstumpf. Und doch wird diese Seherfahrung zu einem erschütternden Erlebnis.

Ist es nicht unglaublich, dass Kunst das vermag, den Gedanken zu erzeugen, ab sofort etwas im eigenen Lebensentwurf zu ändern? Es sind diese direkten, eigentlichen Momente, die Persönlichkeit entstehen lassen, die Menschen formen und prägen, – sie befähigen, im Leben Verantwortung und Einfühlungsvermögen, Perspektivenwechsel und den Mut für Neues zu entwickeln.

Das Museum als Speicher für kulturelles Wissen, als Teil eines ästhetischen, sozialen und anthropologischen Gedächtnisses ist genau der Ort für solche Erfahrungen und Konfrontationen. Eingebunden in den Kontext seiner eigenen Geschichte, umgeben von der Vielstimmigkeit der Welt, von den Tausend Gesichtern des Lebens sucht der Besucher nach Orientierung und Urteil, nach Wert und Momenten der Berührung.

In diesem Sinne ist das Museum auch ein Schutzraum und beschreibt die Möglichkeiten, sich gefahrlos auszuliefern – auszuliefern an ein Abenteuer des Sehens und des Denkens, auszuliefern an die Verwirrung der Sinne und die Unterwanderung der Sicherheiten. Denn die Fragen, die man sich selbst stellt, die Zweifel und Unwägbarkeiten, die man zulässt – sie sind es, die uns persönlich und als Gemeinschaft voranbringen.

Weil aber diese ästhetischen und kulturellen Begegnungen so ein zentrales Moment in der Bildungsgeschichte eines jeden Einzelnen sind, darf das Museum, das Kunstmuseum, ja das Museum für zeitgenössische Kunst kein alleiniges Phänomen der Metropolen sein. Der Fluch der Provinzialität bestand schon immer darin, im Alten zu verharren, die Augen zu verschließen und sich im unkritischen Fortschreiben vermeintlicher Traditionen zu gefallen. Die Stärken der Peripherie aber liegen darin, aus den großen Bewegungen auszuscheren, Individualität, Mut zur Zukunft und Initiativen für Ungewöhnliches zu zeigen – und damit weit sichtbare Zeichen zu setzen.

Auf diese Weise ist Marta Herford ein hoher qualitativer Zugewinn auch für jeden einzelnen in Stadt und Region. Es ist eine nun schon 10 Jahre prosperierende Chance für das Neue in der Welt, für das Öffnen der Augen und die Berührung der Seele an einem Ort, an dem man das nicht zwangsläufig erwarten muss. Jeder aber hat das Recht, in erreichbarer Nähe von Kunst und Museen aufzuwachsen.

Und während wir heute „Marta wird 10“ feiern, leben wir morgen schon „Marta wird 20“, denken Zukunft als gestaltbaren Prozess und als Tor zu einer humanen Welt, die sich radikal verändert. Museen und auch Marta Herford werden sich in den kommenden Jahren vielleicht noch einmal neu erfinden müssen, werden ihre Position und Aufgabe inmitten einer massiv sich umschichtenden Gesellschaft überdenken und anders ausrichten müssen. Das sind große, das sind großartige Aufgaben, denn wir gestalten gemeinsam etwas, dessen Form und Entwicklung noch niemand kennt.

Aber gerade deshalb, weil wir uns gerne in die Pflicht nehmen lassen, ist es so wichtig, dass die Gemeinschaft auch den entsprechenden Handlungsspielraum bereitstellt. Und das bedeutet vor allem auch eine finanzielle Grundsicherung, die nicht das Darben und Geduldet-Sein ins Zentrum stellt, sondern das In-Dienst-Nehmen, das Herausfordern und Aufbauen. Kunst und Museum sind Bildung und Identität einer Gesellschaft, sind Spiegel und Orakel, sind Verpflichtung und Verführung zugleich – hier formt sich nicht nur der Horizont und die Persönlichkeit kommender Generationen, hier ist auch das Labor der Gegenwart, in dem Geschichte und Ausblick zu unbekannten Amalgamen verschmolzen werden.

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