„Erwartung ist Antizipation; Überraschung ist Rückwirkung.“

Paul Valery, Cahiers

Nicht wenige Kunstwerke und ästhetische Situationen operieren mit Erwartungen, mit Hilfe derer die Betrachter – ob bewusst oder unbewusst – ihre eigene aktuelle Wahrnehmung von Kunst steuern. Eine entsprechende Geschichte aktueller Erwartungen an unsere Kunstwahrnehmung ist bis heute noch nicht geschrieben worden. Erwartungen sind blinde Flecke eines sozialen Systems – speziell jedoch des Kunstsystems. Marina Abramovics letzte bedeutende Performance „The Artist is Present“ (MoMA 2010) spielte beispielsweise genau mit unbekannten Erwartungen und der Erwartung von Unbekanntem, die mit ausgewählten Ausstellungsbesuchern zur Sprache gebracht wurden.

Manchmal, so der Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke vor einigen Jahren, mache uns erst die Begegnung mit einem Kunstwerk bewusst, mit welchen Erwartungen wir dieses betrachten. Erst ein Vergleich zwischen der Wahrnehmung von Kunstwerken und dem aktuellen Abgleich mit den eigenen zeitgenössischen Erwartungen diene der Feststellung dessen, was uns aktuell als Kunsterfahrung bewusst wird. (Martin Warnke, Bildwirklichkeiten, Göttingen 2005, S. 59). Das Gesehene reflektiert, was unseren Erwartungen entspricht – vor allem aber auch wie sie unsere Wahrnehmung stört, wie sie überrascht oder zu Neuem anstachelt.

In einer noch ungeschriebenen Geschichte der im Medium Kunst betrachteten Erwartungen wird dieser stark selbstbezügliche Aussagesatz von Paul Valery wohl eine Erkenntnisfunktion besitzen: „Wir sehen, was das Gesehene uns erwarten lässt.“ (zit. n. Paul Valery, Ich grase meine Gehirnwiese ab. Paul Valery und seine verborgenen Cahiers, Ffm 2016, S. 196.). Die starke Erwartung, dass das Sehen von Kunst diese selbst verändern wird, rückt die Position und die Fähigkeiten des Lesers/Betrachters in den Fokus der Gegenwart. Kann es dabei womöglich zu einem Austausch zwischen einem Sehen von aktuellen Erwartungen und zu einer Erwartung gegenüber den eigenen Sehleistungen kommen?

Gesetzt den Fall, eine Erwartung wäre nicht zuerst eine komplexe reflektierte Intuition, sondern ein durch ein künftiges Programm induzierte Folge von Situationen, bei welcher der Erwartende nicht mehr zwischen einer Erwartung und der Situation unterscheiden könnte, in der also eine Erwartung eine eigene Wirklichkeit erschafft – welche Konsequenzen hätte dieses setting für die menschliche Identität? Aktiv zu spekulieren, also Erwartungen wechselseitig auf Kunstwerke und ihre Beobachter zu projizieren, hieße hier und jetzt: Der Leser erwartet heute – eher und anders als früher – mitbeteiligt zu werden, ohne dass der Autor sich in die Rolle des allwissenden Erzählers begibt. Je unerwarteter die Brüche zwischen Darstellung und Präsentation, zwischen Information und Intuition thematisiert werden, desto unschärfer und kreativer wird die Logik, mit der hier Veränderungen in der Wahrnehmung bewirkt werden.

Wahrheiten sind hoch gerechnete Zwischenergebnisse: Sie entstehen nicht nur wie gerade heute in kurzen Statements mit 140 Zeichen, sondern vor allem auch als Formeln des Relativierens und schlaglichtartig verdichteter Fantasie. Es gibt heute fast nichts, was sich gleichzeitig aufeinander beziehen ließe und sich ebenso doch ausschließt: Erwartung und Information; Liebe und Geld; Gewinn und Langweile; Leben und Investieren; Arbeiten und Sterben, Verdichten und Beschleunigen. Im Zentrum dieser Gegensätze stehen jeweils Erwartungen, die sich paradoxerweise gegenseitig ausschließen und Leser, die vielleicht nicht genau wissen, wie sie diese Gegensätze überbrücken können. Zwischen dem, was einer betrachtet/ liest und dem, was ein anderer zu verstehen erwartet, entstehen immer Lücken, die neu genutzt werden. Die Unterscheidung zwischen Erwartungen – die Betrachter an eine Form des Ausdrucks Kunst richten– und den kreativen Spekulationen, die damit einhergehen, wird so immer relevanter.

Erwartungen verändern Situationen, die Leser und Betrachter ihrerseits zu Veränderungen inspirieren. Besonders hoch sind heute Erwartungen an die Entfaltung der eigenen Kreativität. Die Anwendung von Kreativität verändert die Einschätzung – die der eigenen Arbeit sowie fremder Leistungen und Funktionen. Vor allem verändern sich die (hohen) Erwartungen an uns selbst, deren Zwängen wir heute unterliegen und die früher noch als Ausdruck der Unverfügbarkeit und Freiheit der Kunst betrachtet wurden. Der moderne Kreative kann und will immer mehr; insofern er alles immer neu und anders als Andere können, also beherrschen, wollen muss. Er spekuliert mit Funktionen des jeweils Möglichen indem er den Glauben an die Verwendbarkeit und Instrumentalisierung des Unmöglichen grundsätzlich nicht ausschließt.

Formulieren wir am Ende ein Resümee: Eine Erwartung im Kunstkontext reflektiert eine Form, in der ein Bild meiner spekulierenden Wahrnehmung von Kunst gesehen und gelesen wird – und buchstäblich jetzt explizit gemacht wird. Insofern ähnelt die Erwartung gegenüber der Kunst einer Erfahrung, die am Ende mit einem Erlösungsglauben in einem religiösen Kontext vergleichbar ist.

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