Woerterbuch_Kunstsprech

Es gibt ja so Sprüche, die man als KunsthistorikerIn immer wieder zu hören bekommt und die man dann versucht, – vielleicht etwas verkrampft – lächelnd zur Kenntnis zu nehmen. Einerseits, weil sie zu meinem großen Erstaunen von nach wie vor Vielen für originell gehalten werden, andererseits, weil wir uns „ja mal locker machen“ wollen/ sollen. Dieses „… oder kann das weg“ gehört ebenso dazu wie jenes „… macht aber viel Arbeit.“ Gerade letzteres aber, ein ewiger Wiedergänger von einem Karl Valentin-Satz, hat sich tiefer in das kuratorische Selbstverständnis eingegraben als mancher glaubt. Kunst macht, nein besser, ist „Arbeit“!

Das war lange Zeit auch ohne Zweifel, jeder Maler musste sein „Handwerk“ lernen, jede Bildhauerin mit schwerem Material hantieren. Erst als die Avantgarde zum großen Befreiungsschlag von der Diktatur der „Meisterschaft“ ausholte, also sich Ideen von Materie befreiten, als man im Museum bisweilen den Satz zu hören bekam „Das kann mein Kind doch auch!“, wurde es wichtiger, den künstlerischen Arbeitsprozess deutlich in den Vordergrund zu rücken. KünstlerInnen müssen – auch wenn es bisweilen auf den ersten Blick nach viel weniger aussieht – intensiv an ihrem Werk arbeiten, Ideen auf Konsequenz und Tragfähigkeit prüfen, malerische Gesten präzise setzen und im Bildganzen verankern. Für Performances müssen sie viel riskieren und einsetzen, eine Fotografie auf spezifische Weise aus dem unüberschaubaren Bilderfluss des Alltags herausreißen, Installationen präzise im Raum verankern usw.

Arbeit macht Kunst

Während der Bäcker nach wie vor Brot und die Fleischerin Wurst macht, die Elektrikerin Licht und der Steuerberater meine Jahressteuererklärung, machten KünstlerInnen plötzlich „Arbeiten“. Hörte sich anfänglich auch gut an, betonte es doch die Nähe der Hand zum Werk, das wenig Entfremdete im Schaffensprozess und vor allem die unspezifische, aber allgegenwärtige Anstrengung, die das gute Kunstwerk nach wie vor einfordert. Bald aber wurde „Arbeit“ zum willfährigen Stellvertreter für jegliche Beschreibung. Selbst die kunsthistorisch solide bewanderte Museumsführerin leitete durch eine Botticelli-Ausstellung nun von einer „Arbeit“ zur nächsten. Es klänge ja doch auch etwas zu banal, hier schlicht von einem Gemälde zu sprechen, oder?

Damit aber ist der Sprung von der bewussten Bedeutungssetzung zur Bedeutungshuberei gemacht. Kaum ein Katalog- oder Pressetext verwendet noch die mittlerweile geradezu als verstaubt empfundenen Begrifflichkeiten wie Skulptur, Collage, Plastik, Malerei, Installation, Wandbild, Video(film), Fotomontage, Assemblage, wenn man schnell das Wort „Arbeit“ zur Hand hat.

Und wenn’s dann doch noch etwas spezifischer beschrieben sein soll, was genau man gerade vor sich hat, dann wird die „Arbeit“ mindestens noch hinten angehängt: hier die Videoarbeit, dort die Wandarbeit, drüben die Installationsarbeit. So wird der Schweiß zum Kunstwerk immerfort als Behauptung gleich mitgeliefert, ohne zu bemerken, dass im Subtext lediglich die Unterstellung weitergetragen wird, dass all das ja nicht wirklich ernst zu nehmen sei, weil KünstlerInnen doch sowieso nicht wirklich arbeiten. Dafür sollte uns gerade auch die Gegenwartskunst zu schade sein!

 

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Wörterbuch KunstSprech (4) → spannend
Wörterbuch KunstSprech (3) → Position
Wörterbuch KunstSprech (2) → kuratieren
Wörterbuch KunstSprech (1) Einführung: Fachsprache vs. Fachsprech

5 Kommentare
  1. Nadja Lamm-Steinert

    Mal wieder..auf den Punkt!
    Wunderbar

    • Roland Nachtigäller

      Vielen Dank, das freut mich sehr!
      Herzliche Grüße
      R.N.

  2. Sehr geehrter Herr Nachtigäller, mit höchstem Vergnügen und beifälligem Kopfnicken lese ich Ihr KunstSprech-Lexikon und möchte Sie anregen, diese geistreichen und entlarvenden Kommentare einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vielleicht könnten Sie daraus irgendwann ein Büchlein machen – mit oder ohne Karikaturen – welches sicherlich nicht nur in Ihrem Marta-Shop interessierte Käufer findet. Natürlich sähe ich Ihre Texte gerne im Feuilleton einer der Zeitungen, die zur Verbreitung dieser Wort-Flatulenzen beitragen. Ich bin überzeugt, viele Leser hätten Freude daran.
    Auf jeden Fall freue ich mich schon auf Ihren nächsten Text dieser Reihe, immer über den Marta-Blog und über die wunderbare Marta sowieso – Ihnen und Ihrem Team wünsche ich viel Erfolg und „Frohes Schaffen“!
    Elvira Bierbach

    • Roland Nachtigäller

      Sehr geehrte Frau Bierbach,
      herzlichen Dank für Ihre netten Worte. Für ein Büchlein reichen die wenigen Einwürfe bisher noch nicht, aber mal sehen ob über die Zeit dann genug Material dabei herauskommt. Aber wir spüren immer wieder: Auch das Blog erreicht eine faszinierende Öffentlichkeit, und mit jedem Beitrag wächst die Leserschaft, die sich vor allem auch über Empfehlungen verbreitert.
      Auch Ihnen noch die besten Wünsche für ein kreatives und beflügelndes 2017,
      mit herzlichen Grüßen
      Roland Nachtigäller

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