Was war Kunst? – so fragte ein 2005 erschienenes – und auch heute noch spannend zu lesendes – Buch, in dem Wolfgang Ullrich die historischen Veränderungen des Kunstbegriffs in zwölf Kapiteln untersuchte und auf seine unbekannte Gegenwart bezog.

In Auseinandersetzung mit „alten“ historischen Formeln wie „Der erweiterte Kunstbegriff“ oder „Das Ende der Kunst“ demonstrierte Ullrich wie das Phänomen Kunst bis heute von Kunst-Formeln geprägt wird, die zur Unterwanderung dessen führen, was wir heute als Kunst anerkennen – oder eben auch nicht (mehr). Wer heute im Kunstbetrieb mit wachen Augen unterwegs ist, der beobachtet, dass Kunst längst nicht mehr ist, sondern jeweils im Prozess entsteht. Werke werden heute bereits allein durch spezielle Erwartungen ihrer Betrachter nach Irritationen, nach einzigartigen Erkenntnissen oder durch besonderen Atmosphären in Ausstellungen verändert. Unser aktuelles Bild von ‚Kunst‘ wird immer häufiger durch etwas Unbekanntes, Zukünftiges, Veränderbares ersetzt, was erst in zweiter Linie etwas mit Kunst im überlieferten Sinne zu tun hat: etwa mit Fragen zur Veränderung unserer Selbstwahrnehmung, mit Vergleichen zwischen Kunst und Nichtkunst, mit Irritationen, die entstehen, wenn wir Kunst nicht mehr in ihren bisherigen Formaten begegnen.

Eine Folge dieser Entwicklung wird sein, dass der Betrachter zukünftig als mitentscheidende Größe immer mehr und eigene Rechte anmelden wird. Der Betrachter ist heute zu einer Figur geworden, die durch die Atmosphäre einer Ausstellung so adressiert wird, dass dieser zunehmend selbst in die Lage ist, für sich zu entscheiden, wie ihm hier und jetzt etwas als Werk oder wie Kunst erscheint. Oder auch: die Zukunft einer Gegenwart, für die Kunst durch das bestimmt ist, was sie nicht mehr ist.

Abbildung des Buchcovers von Wolfgang Kemps "Der explizite Betrachter"

Ein Buch, das sich dieser zukünftigen Entwicklung genauer widmen wird, wird diese Probleme des Betrachters sehr wahrscheinlich genauer ausführen. In den achtziger Jahren hatte Wolfgang Kemp erstmals den „impliziten Betrachter“ in die Kunstwelt eingeführt und damit seiner Zeit weit voraus gedacht. Im kommenden August erscheint nun „Der explizite Betrachter“ des renommierten Hamburger Kunsthistorikers. Die Zukunft der Kunst liegt offenbar in der Fähigkeit ihrer Betrachter dieser einen expliziten Raum zu geben, sie in jeder Hinsicht lebendig werden zu lassen. Man darf gespannt sein, in welche Sphären Kemp dabei seinen Betrachter entführen wird. Das Futur II heißt hier: Was Kunst einmal war, wird künftig eine andere Form angenommen haben. Aus einem schönen Schein einer Idee ist hier in einem Raum des Unbekannten eine Vorschau ihrer zukünftigen Anwendung geworden.

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