#BesucherMacht


Der bewusst provokativ gehaltene Hashtag #BesucherMacht soll den Einfluss von Besuchern in Bezug zur Ausstellung und damit ihren aktiven Part herausstellen: Die These, dass BesucherInnen die Ausstellung macht, wird durch die Wortwahl mit transportiert. Auf der anderen Seite schwingt auch die Frage nach der Grenze der Macht mit: Wie sehr ist die Institution Museum bereit, auch in ihren Inhalten den Wünschen der Besucher entgegen zu kommen und wo hat der Besucher keinen Einfluss mehr darauf und sollte es vielleicht auch nicht haben?

Die Ausstellung: Kommunikation zwischen Kurator, Besucher, Künstler und Institution
Kurator Doe hängt ein Bildpaar in einen weißen, fensterlosen Raum. Besucherin Jane steigt die Treppen hinauf zur Kunst, nachdem sie ihr Ticket gekauft und sich anhand des Programms auf der Website über die Ausstellung #Paarweise informiert hat: Sie erblickt nicht nur farbige Formen und Flächen, auch nicht nur Figuren und Gestalten, sondern Kunst! Denn sie befindet sich in dem Kommunikationsraum einer Institution für „Gegenwartskunst, Architektur und Design“. Ein Fachmensch hat extra für sie (als Besucherin) mit einer bestimmten Absicht die Werke so gehängt. Die Besucherin weiß, dass dieses Werk eine Bedeutung hat, die vom Künstler verschlüsselt – oder zumindest irgendwie verwoben mit dem Urheber – ist und sie nimmt sogar einen Mehr-Sinn an, der über die Art der Präsentation erfolgt, anders als wenn diese Bilder alleine hingen. Wer ist also der Urheber dieser Ausstellung #Paarweise? Wer hat die Deutungshoheit und damit die Kommunikationsmacht?
Ist es der Kurator oder letztendlich die Institution Museum, die mit ihrem Begleit- und Vermittlungsprogramm jeden abholen will? Oder aber ist es vielleicht doch der Besucher, denn von seiner De-Codierung hängt die Bedeutung der Ausstellung doch auch im Wesentlichen ab? Liest er die Wandtexte? Sagt ihm die Wahl und Präsentation der Kunstwerke irgendetwas?

Die Macher einer Ausstellung
Jeder einzelne Besucher hat die Macht, eine Ausstellung scheitern zu lassen („Da gehe ich echt nicht hin!“), oder auch zu vernichten („Ist das Kunst, oder…?“). Der Besucher kann sich aber auch entscheiden, sie zuzulassen und die Ausstellung im Grunde genommen kommunikativ zu gebären. Dazu sind weder Saal- noch Wandtexte oder Objektbeschriftungen zwingend notwendig, die Bespielung dieses besonderen Raums ist das wichtigste Mittel, das den Kuratoren zur Verfügung steht. Der Rest ist sozusagen kommunikatives Dekor. Was passiert aber, wenn eben die Ausstellung selbst von den Besuchern mitbestimmt wird, wie bei #Paarweise?

Die Web-App
Kehren wir zu Jane zurück: Ihr Interesse ging im Vorfeld der Ausstellung so weit, die dafür angebotene Web-App zu benutzen und ihre eigenen Paare zu bilden und sogar eine richtig tolle Begründung in Versform zu schreiben. Janes Erwartungen an die Präsentation sind somit sehr hoch. Direkt an einer Marta-Ausstellung mitgewirkt zu haben, lässt ihren Puls in die Höhe schnellen: Jetzt folgt die Wahrheit, ob ihr Paar das richtige für die Ausstellung ist. Doch, was bedeutet dies tatsächlich? Es bedeutet vor allem eng gefasst, dass das Kunsturteil der Besucher konform mit dem der Kuratoren ist und grob gefasst, dass das Urteilsvermögen museal ist und zur Ausrichtung des Hauses passt.

Partizipation in der Kunst ist spätestens seit den 1960er Jahren eine gängige Praxis, Begleitprogramme von Museen, deren pädagogische Vermittlungspraxis sowie eine ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit sind auch keine jungen Entwicklungen mehr. Den Besucher aber aktiv in die Ausstellungsgestaltung miteinzubeziehen ist (noch) keine gängige Ausstellungsstrategie: Vielleicht schadet sie sogar der Kunst, indem Kunst und Leben unterschiedslos miteinander verbunden werden könnten und die Kunst durch ihr „Ver-Hashtagen“ in den sozialen Netzwerken ihre einmalige Präsenz (=Aura) verliert?

Was bleibt?
Das Entwickeln von Ausstellungen ist auf viele Schultern verteilt, im Fall von #Paarweise geht es aber nicht nur um die Kommunikation von Inhalten, sondern um ein aktives Eingreifen in die Präsentation an sich: Anhand der Web-App kann die interessierte Öffentlichkeit Einfluss auf die Auswahl und Hängung der Werke nehmen (noch bis zum 15. November paarweise.marta-herford.de). Der Besucher wird in seiner bedeutungsschaffenden Rolle bestärkt und bekommt neben den Kuratoren auch die Rolle des „Ausstellungsmachers“ zugewiesen, ein Wechsel also vom Rezipienten zum Produzenten. Partizipation in der Ausstellungsgestaltung ist auf einer anderen Ebene zu verorten als Kunst zum Mitmachen, für die letztendlich der Künstler verantwortlich ist.
In den im Vorfeld geführten Diskussionen mit den Marta-Kuratoren wurde mir klar, wie radikal dieser Einschnitt tatsächlich von deren Perspektive wahrgenommen wird, selbst wenn „nur“ ein bestimmter räumlicher Abschnitt von den Besuchern mitbestimmt wird. Die Raumgestaltung wird nun mit dem Besucher geteilt: Er erhält Zutritt zur Bühne des Museums und bleibt nicht bloß im Zuschauerraum verhaftet. Zweifel dürften auch an den Kuratoren nagen. Die Zweifel reichen aber in beide Richtungen: Was ist, wenn der Amateur es sogar besser macht als der Profi? Wie verhalte ich mich, wenn bei #Paarweise die Besucherzahlen immens steigen? Werde ich die Inhalte nun noch stärker zielgruppenorientiert ausrichten? Und was ist eigentlich mit den Sponsoren und Leihgebern: Hätten die nicht auch noch ein „Bildchen mitzureden“? Dass es neben der (Bedeutungs-)Macht auch um (viel) Geld geht, sei da nur am Rande erwähnt.

 
 
Fußnoten
Wie auf Twitter schon kritisch eingestreut wurde, macht Marta nun auch (eine erste) Blogparade, obwohl diese ja längst überholt seien (genauer seit 2011) und obwohl weitere Museen, u.a. die Kunsthalle Karlsruhe, gerade diese Möglichkeit des digitalen Austauschs auch frönen.
Grundsätzlich hat Marta Herford zum Thema Besucherpartizipation etwas zu sagen, noch mehr zu fragen – kann aber genauso gut auch einmal schweigen, denn beim Dialog geht es ja genau auch darum seinen Standpunkt zu vertreten, wie auch dem anderen Gesprächsraum und -zeit einzuräumen und ihn/ sie so ernst zu nehmen. Eine #Blogparade verstehe ich eben deshalb nicht als ein überholtes Format: Über eine niedrige Hemmschwelle kann Kontakt zum Museum aufgenommen werden. Besucher können ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen und stehen mit den Museumsleuten im Gespräch. Institutionen können sich aber auch fachsprachlich und -inhaltlich zu bestimmten Phänomenen äußern. Die Museen holen die Besucher im Netz ab und eine Blogparade ist freiwillig, scheint aber entgegen der Kritik nicht völlig überholt zu sein, wenn man die Anzahl der Beiträge und Twitter-Nachrichten als Kriterium verwendet. Last not least: Eine #Blogparade sollte inhaltlich und praktisch in keiner Museumsblase stattfinden, sondern deren Erkenntnisse und Ideen sollten bestenfalls in die Ausstellungen, das Begleit- und Vermittlungs- und auch das Kommunikationskonzept des Museums einfließen.

Nun zu der angekündigten Hermes-Nachricht an Tanja Praske #Selfierade:
Zu Ihrer Bemerkung, dass sich Museen von ihrer „normalen“ Vermittlungspraxis lösen und „Neues“ ausprobieren sollen: Interessant ist doch auch die Frage zu diskutieren, wo ein Museumsbesuch anfängt und wo er endet, wenn die Vermittlungsarbeit auch über Facebook, den Blog etc. abläuft. Verschiebt sich dann eventuell sogar der Wert der analogen Ausstellung als wichtigstes Medium? Einen Einwand habe ich zu Ihrer These, dass Chancen entstehen, wo sich Museen an den Wünschen der BesucherInnen orientieren: Im Grunde ist die Orientierung an den Wünschen zu wenig, es sollte vielmehr gemeinsam zwischen Museum und Besucher etwas entstehen. Aber auch hier die Frage: Wie viele konventionelle Strukturen lassen es zu, dass sich etwa Kuratoren und Besucher auf Augenhöhe begegnen. Und wieviel Macht will und darf der Ausstellungskurator an den Besucher abgeben? Wenn sich Bürger etwa eine Blockbuster-Ausstellung zu #FridaKahlo wünschen, inwieweit ist das Museum dazu bereit oder in der Lage und welchen Erkenntniswert könnte sie haben? Auch hier die Frage, wieviel Mainstream ist vertretbar und ist es nicht auch Aufgabe des Kurators sich einem Trend und dem Gefallen entgegen zu stellen?
Der Künstler und sein Einfluss auf die Ausstellungsgestaltung ist sicherlich auch ein interessanter Punkt, steht aber bei dem gewähltem Thema #BesucherMacht nicht im Fokus, außer aber, wenn der Künstler beim Gang durch die Ausstellung auch wieder zum Besucher wird …

7 Kommentare
  1. Liebe Sarah Niesel, liebes Marta-Team,

    solche Hermes-Botschaften liebe ich! Und ja, ich bin ganz bei dir, Sarah, wenn du sagst, Blogparaden sind kein überholtes Medium. Tatsächlich standen mir die Haare zu Berge, als ich bei Anika Meier lesen musste, dass das doch überholt sei. Etwa nur weil Instagram so sexy ist? Klar, ist das auch eine spannende Plattform, mit der sich einiges erreichen lässt. Aber auch das ist nur ein Mosaiksteinchen im Ganzen, neben Twitter, Facebook, Youtube und Co!

    Blogparaden können gute Impulse vermitteln. Das erlebte ich aus eigener Erfahrung , sowohl in der Konzeption von Blogparaden für Museen (s. das Blog des Residenzmuseums als Starter dieser Aktionen im musealen Bereich) als auch bei mir im Blog (74 Beiträge zur Blogparade #KultDef). Wenn ich mir dazu die Blogparaden des Städelmuseums, der Schirn und ganz aktuell die #Selfierade der Kunsthalle Karlsruhe und auch eure hier ansehe, dann sage ich – klasse!

    Warum? Weil sie Auseinandersetzungen anstoßen mit der Kunst, mit dem Museum und mit dem Selbst, der Eigenerfahrung von Kunst. Hier sind viele spannende Gedanken im Post und tatsächlich gibt es keinen Widerspruch zwischen unseren Positionen, denn für mich und einige andere spielt der digitale Besucher eine große Rolle. Darauf ist eine Vielzahl der deutschen Museen noch nicht so richtig vorbereitet. Mir geht es nicht darum, dass Ausstellungen bzw. die Themen von den Besuchern diktiert werden können und am Ende vielleicht „nur“ Mainstream vorliegt (wobei, was ist daran falsch, wenn man eine Vielzahl der Menschen dort abholt, um sie dann auch auf andere Themen einzustimmen?). Die Chancen sehe ich, wie du, Sarah, im Dialog und in dem, was dieser Dialog gebären kann.

    Ich wollte mich aus eurer Blogparade zurückhalten, da ich schon so viel darüber, über #Partizipation, bei mir im Blog geschrieben habe. Mein Ziel war es, genau zu beobachten, die Diskussionen zu verfolgen und darüber in Ruhe nachzudenken und zwar deshalb, damit andere Stimmen als die einer „halbprofessionellen“ Kulturschaffenden starkes Gehör finden und ihr tatsächlich von euren analogen und digitalen Besuchern oder zukünftigen Besuchern Input erhaltet, der für Zukünftiges wichtig ist. Ob ich es schaffe bis zum 30.11. einen eigenen Beitrag dazu zu verfassen, weiß ich nicht. Das heißt aber auch gar nichts, denn ich beschäftige mich damit auch über den Zeitraum hinaus und ihr könnt euch sicher sein, dass ich dazu schreiben werde. Denn das ist ja auch wieder der Vorteil von Blogs und ihren Blogparaden: Sie bleiben im Netz erhalten und bieten dauerhaft Stoff zum Nachdenken, so viel zum überholten Medium und zum Aspekt der Nachhaltigkeit.

    Ob es einen Umkehrschluss gibt von „partizipative“ Ausstellung gleich mehr Besucher, weiß ich nicht. Vielleicht kann das Essl-Museum mit der Erfahrung der Ausstellung „Like it“ dazu mehr sagen. Wohl aber bin ich kürzlich auf eine Tagung via Twitterfeed gestoßen, wo genau das bestätigt wurde, zwar wieder ein amerikanisches Museum, muss mich nochmals bei Peter Soemers erkundigen, welches Museum in Minneapolis faktisch belegen kann, dass durch von Besuchern kuratierte Aussstellungen, die Besucherzahl stieg. Ich glaube, es war die Konferenz #MCN2015, bei der ich diese Info via Twitter aufschnappte. Hier lohnt sich bestimmt, einen Blick auf diese Entwicklungen zu werfen. Aber ihr werdet bald eigene Erfahrungen diesbezüglich haben, auch wenn ihr vielleicht nicht exakt bestimmen könnt, wer zur regulären Ausstellung kam und wer hier wegen der #BesucherMacht-Initiative gekommen ist. Einen Diskurs im Netz habt ihr ganz sicher ausgelöst.

    Bevor das hier ein eigener Blogpost wird, breche ich auch lieber ab, bin aber bei euch und euren Gedankengängen, mit und ohne „Flauschfaktor“.

    Herzlich,
    Tanja

    Stoßt ruhig weiterhin Diskussionen an und probiert aus. Testet die Verschränkung von analoger und digitaler Vermittlung und lasst euch weiterhin auf Neues ein.

    Herzlich,
    Tanja

    • Sarah Niesel

      Liebe Tanja,
      vielen herzlichen Dank für deine Gedanken, die zwar in einem Kommentar verpackt sind und doch schon „Beitrag-Charakter“ erreicht haben, was deine angesprochenen Inhalte betrifft.
      Dank für dein Lob und ja, wir als Marta-Team werden immer wieder Neues ausprobieren: digital, crossmedial, aber auch analog!
      Wir freuen uns natürlich, wenn du auch nach Ablauf der Blogparade zu „deinem“ Thema schreibst.
      Danke auch für den Input, was das Essl-Museum bzw. #MCN2015 angeht. Besucherzahlen sind einerseits ein quantitatives Mess-Instrument, was die Besucherfrequenz angeht. Andererseits sagt diese Zahl nicht unbedingt etwas über die Qualität einer Ausstellung aus, oder auch (was mich persönlich sehr interessiert) über das Besuchererleben einer Ausstellung. Interessant wäre es doch zu erforschen, ob Besucher, die im weitesten Sinne als „Gast-Kuratoren“ tätig waren, sich mit einer Ausstellung stärker identifizieren und daher auch genießen …
      Aber zunächst einmal liebe Grüße aus dem Marta!

      Sarah

      P.S.: Und wir werden natürlich (digital) berichten, wie #Paarweise angekommen ist (außerdem werden wir Pinterest nutzen, um alle gevoteten Paare der Netz-Öffentlichkeit zu präsentieren).

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