Letzten Sonntag stand im Marta nicht nur die Eröffnung der Ausstellung „Grün stört. Im Fokus einer Farbe“ auf dem Programm, sondern auch der Internationale Museumstag, mit der „fliegender Kamera“, Märchenerzählungen, Marta-Kunstsprechern, Kunstangebot für Familien und vielem mehr:

Als ich mit dem Zug durch die ostwestfälische Landschaft aus grasgrünen Wiesen, Rapsfeldern und blassgrünen Ackerflächen entlang des üppig bewachsenen Bahndamms nach Herford fuhr, war dies schon die Einstimmung für noch mehr Grün: Im Marta Herford wurde die Ausstellung „Grün stört – Im Fokus einer Farbe“ eröffnet, die diese alltägliche wie irritierende Farbe in ihren ambivalenten Bedeutungen untersucht.

Wie fast erwartet waren viele Gäste tatsächlich in Grün gekleidet. Ein Hingucker war auch die Kostümierung der in Bad Salzuflen lebenden Künstlerin, die unter dem Namen „Koppenbrink“ in verschiedenen Medien agiert und im Marta öfter zu Gast ist. Sie zeigte sich zu diesem Anlass mit neongrüner Perücke und zwei mit grünen Papptellern beklebten Leinwänden.

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Dass „Grün stört“, nahmen die „Grünen“ aus Herford wörtlich: Während der Künstlerische Direktor gerade über die Idee der Ausstellung sprach und wie die beteiligten KünstlerInnen in ihren malerischen, zeichnerischen oder filmischen Werken mit der Farbe Grün umgehen, wurde die Rede unerwartet von einem Knall unterbrochen, auf den ein Regen aus grünen Papierschnipseln folgte.

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Nach diesem fulminanten Auftakt folgte ich der Besuchermenge in die Lippold-Galerie. Dort herrschte ein reges Treiben, Schauen und Diskutieren. „Grün stört“ lädt offensichtlich besonders zum Gespräch darüber ein. Wieso eine Ausstellung zu einer Farbe? Wofür steht Grün? Wieso „stört“ Grün? Und schnell fand man sich in einem anregenden Austausch über Grün und seine unterschiedlichen Konnotationen wieder. In der Ausstellung konnte man auch die extra zur Eröffnung angereisten Künstler Jérôme Leuba (Genf, Schweiz), Bärbel Messmann (Köln), Kai Schiemenz (Berlin), Johannes Wohnseifer (Köln) und Hongjie Yang (Eindhoven, NL) antreffen, über deren Anwesenheit wir uns sehr gefreut haben. Darüber hinaus überraschte uns Kasper König, der bekannte Kurator und ehemalige Direktor des Museums Ludwig in Köln, mit seinem Besuch an diesem Tag.

Im Anschluss konnte man im Marta-Atelier in einem Erzählzelt orientalischen Märchen lauschen, oder sich in der Marta-Lobby mit dem Thema Grün selbst kreativ auseinandersetzen. Zur Mittagszeit fand dann direkt gegenüber vom Museum eine musikalisch-politische Aktion zu einem anderen Thema ihr Publikum: Um Drohnen, genauer gesagt um Kampfdrohnen, geht es der bundesweit tätigen Gruppe „Lebenslaute“ aktuell, die mit Aktionen aus Musik und Kundgebung seit zwei Jahren dagegen demonstriert. Interessierten Zuhörern wurde ein Programm aus klassischen Musikstücken mit umgemünzten Texten in Abwechslung mit kritischen Wortbeiträgen geboten. Für ihre selbstorganisierte Aktion hatte sich die Gruppe „Lebenslaute“ die auf dem Käthe-Elsbach-Platz noch sichtbare, großformatige Umrisszeichnung einer Drohne zum Anlass genommen, eine Arbeit des Künstlers James Bridle zur bereits vergangenen Ausstellung „Brutal schön“. Zudem ist das Drohnenthema ja mit der aktuellen Ausstellung „Magie und Macht“ im Marta sehr präsent: Werke zeitgenössischer Künstler vermitteln u.a. das Unheimliche dieser beeindruckenden neuen Technik, die glasklare Aufnahmen aus größter Entfernung oder verstecktesten Winkeln ermöglicht, und zugleich die Brisanz, wenn es um den Einsatz von Drohnen zu Kriegsangriffen oder Spionage, ob militärisch oder privat, geht.

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Um die Flugtechnik einer Drohne einmal beispielhaft vorzustellen, war am Sonntagnachmittag der Herforder Thomas Dickenbrok eingeladen, der auf der Marta-Plaza einen Quadrokopter zum Fliegen brachte. In vier Vorführungen waren insgesamt 150 Besucher, Kinder und Erwachsene, gespannt zu erfahren, wie eine „echte“ Drohne aussieht, wie schnell sie fliegen oder wie sie auch für Filmaufnahmen oder Live-Bilder eingesetzt werden kann.

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In Erinnerung an einen wunderbaren Sonntag im Marta seien abschließend noch ein paar Gedanken allgemein zum IMT erwähnt, – zu einem Aktionstag, der seit 1977 an einem Sonntag im Mai weltweit begangen wird und an dem sich in Deutschland ein Großteil der 6500 Museen beteiligen. Öffentlichkeitswirksam wird damit auf die Bedeutung von Museen und Museumsarbeit sowie auf die thematische Vielfalt hingewiesen, Museen als Institutionen, die unser kulturelles Erbe bewahren, die die Themen unserer Kultur und Gesellschaft befragen, präsentieren und vermitteln, in diesem Jahr unter dem Motto „Museen in der Kulturlandschaft“. Den deutschen Museen wird dafür vom Deutschen Museumsbund e.V. in einer großen Marketingkampagne allerhand Kommunikationsmaterial an die Hand gegeben, ebenso Anregungen zu Veranstaltungsformaten, neu und zeitgemäß in diesem Jahr z.B. „#paintmuseum“, Workshopangebote mit digitalen Malprogrammen. So konnte man auch im Marta kleine digitale Kunstwerke auf dem IPad anfertigen. Von Museumsmitarbeitern und Besuchern wurde von überall her pausenlos getwittert, was – wenn nicht direkt auf dem eigenen Handy – auch im Marta auf einem digitalen Infoscreen zu verfolgen war.

Marta Herford nimmt jedes Jahr gerne am IMT teil, mit freiem Eintritt und extra Programm. Keine Frage, es ist natürlich wichtig und notwendig, auf die Museen im Einzelnen wie im Allgemeinen und ihre Relevanz für die Gesellschaft hinzuweisen, und großartig, dies im Rahmen dieses bekannten Aktionstags tun zu können. Aber wie steht es eigentlich um die Wahrnehmung der Museen außerhalb solcher (kostenfreier) Aktionstage? Museen, die aufgrund unzureichender Strukturen immer mehr Bildungsaufgaben übernehmen (müssen)? Museen, die ihre Aufgaben in Gänze – Sammeln, Forschen, Vermitteln, Präsentieren – unter zunehmend schlechteren (finanziellen) Bedingungen leisten müssen oder diese nicht mehr komplett leisten können? Dazu kommen der große Druck von Eintrittsgeldern und Besucherzahlen sowie eine allgemeine, manchmal unverhältnismäßige Erwartungshaltung (großer Blockbuster-Ausstellungen z.B.). Grundsätzlich wäre zudem das Maß für „erfolgreiche“ Ausstellungen in Frage zu stellen, da man ja kaum bemessen kann, wie viel Anregung, Wissen, Bildung jemand von einer Ausstellung individuell mitnimmt – dies ist aber eine andere Diskussion.

Wir freuen uns natürlich über die vielen begeisterten Menschen und über die lebhafte Atmosphäre im Marta, das an diesem Sommertag zum Flanieren einlud. Aber wie viele der Besucher sind wohl über diese angespannte, auch brisante Situation der Museen informiert? Wie viele wissen vor diesem Hintergrund auch den kostenlosen Museumsbesuch mit extra Programm am IMT „richtig“ zu schätzen? Irgendwie ist es doch ein bisschen wie beim Muttertag: Dass Mütter (und nicht nur Mütter) geschätzt, wahrgenommen und unterstützt werden, sollte doch auch an den anderen Tagen des Jahres selbstverständlich sein. Aufmerksamkeitshype und Eventcharakter liegen wohl nun mal in der Natur von Aktionstagen: Mit viel Marketing wird recht große Aufmerksamkeit geschaffen. Als teilnehmendes Museum hofft man, dass diese nicht nur punktuell ist und an der Oberfläche verbleibt, zumal ein nachhaltig wirkendes, qualitätsvolles Programm angeboten wurde. Trotz einiger kritischer Gedanken sehe ich dem nächsten Internationalen Museumstag natürlich gerne entgegen, der im Marta immer ein besonderer Tag ist.

4 Kommentare
  1. Liebe Frau Brückmann,

    bei Ihnen schien ja einiges am #IMT16 los gewesen zu sein. Die kritischen Fragen zum Schluss lassen mich nicht ganz los. Inwiefern haben Sie – das Museum – denn Ihre Besucher gefragt, was diese zum Angebot am #IMT16 sagen und was sie sich zukünftig wünschen? Liegt das nicht auch in Ihrer Hand vor Ort auch kritische Fragen anzusprechen.

    Grundsätzlich finde ich #IMT16 eine prima Aktion, die Museen massiv ins Gespräch zu bringen. Was mir daran vor allem gefällt, ist die Verschränkung von digitalen und analogen Vermittlungsangeboten. Deshalb sehe ich Aktionen wie #Museumweek #askacurator und Co kritisch, da sie überwiegend nur digital stattfinden und nicht vor Ort integriert sind. Hier wird die Chance vertan, ein globales Event ins Museum zu holen, widerzuspiegeln und ruhig analog mit den Besuchern zu diskutieren, um das dann wieder digital auszubreiten

    Eventcharakter hin oder her, wenn das Museum das als Chance ergreift, Vertrauen zum und Interesse am Haus aufzubauen, ist viel gewonnen. Ist es nicht am schwierigsten, die Besucher-Akquise erfolgreich anzugehen und dann Lust auf mehr zu machen. Dazu zählt auch, gesellschaftspolitisch kritische Fragen zu stellen.

    Ich kann mir nicht helfen, wenn ich das hier lese, dann muss ich an Nils Pookers Blogpost von heute denken, vielleicht ist dieser etwas für Sie: http://pookerart.de/kunstblog/2016/05/museumskunst-verwaltet-vermittelt-verwertet/?platform=hootsuite

    Wie war denn die Resonanz auf #paintmuseum vor Ort, im Museum und im Netz für das Marta Herford?

    Sonnige Grüße
    Tanja Praske

    • Franziska Brückmann

      Liebe Frau Praske,

      wenn auch etwas verspätet danke ich Ihnen sehr herzlich für Ihren prompten, anregenden Kommentar und auch für Ihren lohnenden Hinweis zu dem Artikel von Nils Pooker, der viele Aspekte in dem Diskurs über Kunstvermittlung und Niedrigschwelligkeit detailliert wie konzentriert aufgreift und Anlass zum Weiterdenken bietet.

      Ja, wie Sie schreiben, war im Marta „einiges los“ am #IMT16. Auch ich finde den IMT prima, aber in der rückblickenden Reflektion kamen mir eben auch ein paar kritische Gedanken, die sich mehr auf den Hintergrund beziehen, vor dem ein IMT auch gesehen werden kann. – Also auf die allgemeine Situation von Museen, von Kultur und kultureller Bildung in unser Gesellschaft.
      Wie beschrieben erinnere ich mich (aus veranstaltungsorganisierender Sicht) am Ende dieses Tages (mit erfreulich hoher Besucherzahl) vorrangig an die lebhafte Atmosphäre und an die unterschiedlichen Besucher jeden Alters, die einfach durchs Museum flanierten, sich konzentriert mit Kunstwerken auseinandersetzten oder an Gesprächen mit uns Mitarbeitern interessiert waren, vertraute Museumsfreunde wie auch neue Gäste.
      So wünscht man es sich ja eigentlich auch an anderen Tagen! Angesichts des freien Eintritts und extra Programmangebots konnte man als Besucher eigentlich kaum Anlass zu Kritik haben, denke ich, zumindest haben wir keine Rückmeldung dahingehend bekommen. Was sie genau vom IMT erwartet haben, wurde unsererseits nicht explizit „abgefragt“. Das war nicht unser Ansinnen (und wäre personell gar nicht möglich). Daher kann ich natürlich kein objektives Meinungsbild wiedergeben, nur meinen ganz persönlichen Eindruck und Rückmeldungen aus unserem Team. Aber wir nehmen das noch als Anregung auf für eine Diskussionsmöglichkeit in unseren sozialen Medien. (Eine Befragung dazu würde ich eher bei den Organisatoren des IMT, an die Museen bzw. an die Besucher gerichtet, sehen.)
      Auch die vernetzende Idee des IMT ist wunderbar, ein internationaler Tag für alle Museen, was seit den digitalen Medien noch eine besondere Erweiterung erfährt.
      Die Aktion #paintmuseum beispielsweise ist bei uns auch im Vorhinein schon gut angenommen worden, was in Teilen, aber bei weitem nicht vollständig, in den sozialen Medien geteilt wurde. Am IMT selbst war #paintmuseum an eine andere museumspädagogische Station angebunden und wurde nach Ansprache der (jungen) Besucher durch Mitarbeiter mit näherer Anleitung gerne genutzt. Herausgestellt hat sich, dass es nicht selbsterklärend ist, sondern Kinder z.B. mehr darauf hingewiesen werden mussten (während Erwachsene sich nicht davon angesprochen fühlten). Im Vergleich dazu wirkte ein Angebot mit kreativem Arbeiten an einem Tisch anscheinend attraktiver, auf dem gut sichtbar viele interessante Materialien lagen (vorrangig grüne im Kontext des Ausstellungsthemas). Eine wichtige Voraussetzung ist grundsätzlich das ausreichend vorhandene technische Material (IPads) neben der technischen Vorbereitung und Betreuung (von Download über Erprobung der verschiedenen Mal-Programme als pädagogisch gut einsetzbare Mittel bis zum praktischen Test der Funktionsfähigkeit).
      Rückblickend stellte sich mir – als Museumsmitarbeiterin – jedenfalls die Frage nach der Besuchererwartung oder -wahrnehmung dieses IMT (im Marta), und ob „der Besucher“ diesen als besonderes „Geschenk“ eigentlich „wertschätzt“ angesichts der strukturellen wie finanziellen Schwierigkeiten vieler Museen, wie schon im Blogbeitrag erwähnt. Der IMT bietet einen großartigen Rahmen, auf Museen und Museumsarbeit aufmerksam zu machen, Besucher einzuladen und ihnen (vielleicht die erste) Auseinandersetzung mit Kunst zu ermöglichen. Das gilt besonders auch für sozial Benachteiligte, die sich einen Besuch einfach nicht leisten können. Ich wiederhole mich auch, denn es kreist bei mir irgendwie immer um die Fragen und Themen, die schon viel diskutiert wurden, und die einen manchmal auch etwas ratlos machen: Welche Besucher wollen wir – als Museum, als Marta – ansprechen, wer ist der (wiederkommende) Besucher, welche Zielgruppe will man besonders ansprechen, soll man Zielgruppen „hinterherlaufen“ (in Konkurrenz mit anderen Kulturinstitutionen), wie erreicht man Jugendliche und wie öffnet man sich neuen Gruppen (z.B. Geflüchteten).
      Wie heterogen ausgerichtet, niedrigschwellig oder auch fachspezifisch sollen oder können Angebote sein, wie können Museen in Zukunft überleben und gleichzeitig ihre Arbeit qualitativ gut machen, wie soll man als Museum ein hochwertiges Programm in zunehmender Abhängigkeit von Sponsorengeldern und (nicht planbaren) Projektförderungen gut planen können, wie wichtig sind die Besucherzahlen als Maß für den Erfolg von Museen oder Ausstellungen, (wie) könnten kulturpolitische Strukturen und staatliche Förderstrukturen sinnvoll geändert werden, wie kann oder soll sich ein Museum vor diesem Hintergrund vertretbar und erfolgreich positionieren? Auch der Gedanke, immer freien Eintritt gewähren zu können, wäre ja reizvoll. Mit Eintrittskosten ist bei einigen vielleicht auch die Erwartungshaltung verbunden, beim bezahlten Museumsbesuch alles nutzen, sehen und verstehen zu „müssen“, anstatt einfach einen regelmäßigen entspannten Spaziergang durch eine Ausstellung zu genießen, ohne unbedingt etwas „lernen zu müssen“. Als ich am vergangenen Wochenende beim Familienbesuch in Tübingen nämlich im Botanischen Garten unterwegs war, habe ich bewusst nicht alle Infotafeln gelesen und werde sicher beim nächsten Besuch wieder dort sein. So selbstverständlich wie ein Sonntagsspaziergang könnte doch ein Museumsbesuch sein.

      Herzliche Grüße aus dem Marta
      Franziska Brückmann

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