„Wir machen jetzt auch einen Blog!“ „Was’n für’n Block? Notiz-Block, Block-Buster, Beuys-Block?“ Mit einem solchen Kalauer kann man auch in der Kunst kaum mehr landen. Das Bloggen, das Schreiben im Internet, in der Regel jenseits der physischen Printwelt, hat auch hier bereits ein gesichertes Dasein. BloggerInnen wie Tanja Praske, Angelika Schoder oder Anke von Heyl, melden sich frech, klug, launig zu Wort und machen bisweilen den verfestigten Strukturen in der Museums- und Kunstwelt gehörig Beine. Doch auch „die Großen“ haben längst ihre Plätze eingenommen. In den Randspalten der Webseiten von „monopol“ oder „art“ verweisen die Links lange schon auf ihre zum Teil prominenten Gast-Blogger, und auch die Kollegen in großen Häusern, allen voran sicherlich die Frankfurter Schirn, wenden sich per Blog direkt an ihr Publikum.

Aber warum? Erst einmal macht solch ein Blog viel Arbeit. Unsere Online-Koordinatorin Michelle van der Veen besteht darauf, dass nicht nur die Kuratoren, sondern viele verschiedene Mitarbeiter – und so auch ich – mitmachen müssen. Ja, ein Blog frisst Zeit, die sowieso schon lange nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung steht. Und natürlich steigt der Verdacht auf, unversehens Teil einer ausufernden medialen Diarrhöe zu werden, bei der viel mitgeteilt und wenig gesagt wird. Oder wollen Sie wirklich wissen, was ich in meinem Berliner Hotel auf dem Frühstücksteller hatte?

Andererseits verändern sich die medialen Strukturen derzeit radikal und in atemberaubender Geschwindigkeit. Ich bezweifle stark, dass die „art“-Titelstory „Wege zum Ruhm – 12 Strategien, mit denen Künstler erfolgreich sind“ vor 10 Jahren schon denkbar gewesen wäre. Fehlte uns das bisher in der Kunst: Durchaus kluge, ironisch durchtränkte Einwürfe zum Wesen des Künstlertums, die zwischen Aufklärung und Demagogie die Kunstwelt zum rein strategischen Schlachtfeld erklären? Die prekäre Realität von 98% der bildenden KünstlerInnen (und wie man munkelt sogar der Galeristen) bildet da höchstens die schillernde Hintergrundfolie, vor der dann schnell noch etwas anzüglich gefragt wird: „Mit wem schlafen Sie?“

Unbestritten: Wahrscheinlich verlangt der Kampf um Aufmerksamkeit und Leser nach dieser Öffnung zu neuen Publikationswegen. Und es tut der Kunstwelt ja auch mehr als gut, respektlos hinterfragt zu werden. Aber sind das wirklich die richtigen Fragen? Führen uns Hitlisten wie „Zehn Ausstellungstitel mit Tieren“ weiter?

„… heute ist der Anspruch vieler Feuilletons ein anderer. Jeder Text muss breiter wirken. Deshalb ist die klassische Rezension auch nicht mehr so interessant. Man überlegt eher, zu welchem großen Thema man eine Art ‚Eingreifartikel‘ schreiben könnte, um eine Debatte zu entfachen“, sagte die Journalistin Swantje Karich (Die Welt) kürzlich im Gespräch mit Friedrich von Borries ). Das ist auf der einen Seite eine hoch interessante Entwicklung. Andererseits: Wo wird dieses Instrument der Meinungsbildung nicht mehr benötigt?

Wenn ein Museum wie Marta Herford ein Blog aufmacht, dann wird auch das nicht unbedingt der Ort sein, an dem wir unsere Ausstellungen verreißen lassen. Und ich werde mich hüten, hier böse Injurien über in meinen Augen misslungene Ausstellungen von Kollegen zu veröffentlichen. Warum dann also trotzdem dieses neue Forum?

Gerade jene Institutionen, die nicht fortwährend im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stehen, müssen sich mehr und mehr um eine eigene Öffentlichkeit kümmern. Das politische Feuilleton hat vor allem die Besprechung von Ausstellungen jenseits der Massenereignisse weit an den Rand gedrückt. Zugleich aber kann man etwas abseits der Metropolen vielleicht noch etwas unabhängiger, weniger politisch korrekt agieren. (Auch eine grundsätzlich das ganze Kunstsystem infrage stellende „berlin biennale“ kann innerhalb des Hauptstadtdiskurses noch hochgradig politisch korrekt sein!) Wenn die vielen Museen, Kunstvereine, Projekträume in Zukunft nicht im großen Blätterrauschen (und -sterben) untergehen wollen, dann müssen wir etwas tun: neue Foren der Auseinandersetzung schaffen, Öffentlichkeit neben der klassischen Öffentlichkeit.

Und es wird ein anderes Schreiben und Sprechen sein. Anders als das mir geläufige Katalogvorwort, anders als der kunsthistorische Essay (der allerdings in neuer Form auch seinen Platz auf dem Blog bekommen wird), anders als die mit jedem Aufschlagen der Zeitungsseiten erhoffte Rezension. Wir werden lernen müssen, uns und das Umfeld unseres Tuns selbstkritisch zu befragen – und das gleichzeitig als attraktive Chance der direkteren Kommunikation zu verstehen. Eine neue Möglichkeit, Menschen für das Marta Herford und die Kunst zu interessieren, Inhalte zu generieren, Auseinandersetzungen anzuregen und letztendlich den ganz physischen Ort Museum als lohnenswertes Ziel im Bewusstsein zu halten.

Aber vielleicht gelingt es uns ebenso, neue Themen zu setzen, Interesse und Faszination für etwas wachzuhalten, immer wieder neu zu wecken, was in unserer durchökonomisierten Zeit allzu gerne als verzichtbar denunziert wird: Kunst. Kunst die ein Anliegen formuliert, die sich einmischt, unbequem ist und die Gegenwart verhandelt. Bewegung war immer ein Schlüssel für Zukunft. Wir mischen mit und sind gespannt, wohin uns das führt: Marta schreibt anders – ob anders als früher oder anders als die anderen, das wird sich nun zeigen müssen.

13 Kommentare
  1. Lieber Herr Nachtigäller,

    das nenne ich mal ein Krawum!

    Klasse, der Blog-Auftakt gefällt mir außerordentlich gut und prima, dass Michelle und in letzter Konsequenz die Kunstinteressierten/Besucher/Leser Sie hier in die Pflicht nehmen, jenseits der „normalen“ Publikationsformen zu schreiben. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich das Marta-Blog entwickelt, ob es tatsächlich Hort des Austausches, des Verrisses, der Reflexion wird. Auf jeden Fall ist das Blog eine Chance, eine eigene Öffentlichkeit zu generieren und unabhängig von Printmedien zu werden. Und wer weiß, was sich im Austausch mit den Interessierten im/für das Marta-Museum ergibt.

    Ich drücke ganz fest die Daumen und werde hier eifrig mitlesen!

    Herzlich,
    Tanja Praske

    P.S.: Merci für die Erwähnung!

    • Liebe Tanja Praske,

      sehr herzlichen Dank für dieses Lob und die schon längere höchst aufmerksame Begleitung unseres Museums. Ich bin selbst noch ganz verblüfft, welch große Kreise bereits dieser Auftakt zieht und hoffe, dass wir die Erwartungen in den nächsten Wochen und Monaten auch erfüllen werden. Die guten Wünsche hier zum Auftakt werden uns auf jeden Fall beflügeln …

      Und wenn Sie schreiben, dass das Blog auch eine Chance ist, „unabhängig von Printmedien zu werden“, trifft das meine Strategie für dieses Haus ebenso wie es umgehend Widerstand aufruft: Ich liebe Magazine und Zeitungen! Und ich lese sie noch immer lieber gedruckt als online. Was aber auch stimmt: Ich bin von dieser direkten, hochgradig für „echte“ Themen engagierten Kommunikationsform des Blogs ebenfalls sehr begeistert. Wäre es nicht ein schönes Projekt, beides in die Zukunft zu führen – crossmedial sozusagen? Zumindest denken wir derzeit auch hinsichtlich unserer Katalogpublikationen in eine ähnliche Richtung.

      Mit besten Grüßen

      Roland Nachtigäller

      • Lieber Herr Nachtigäller,

        das klingt gut! Ich muss gestehen, ich bin ein haptischer Mensch: Ich lese gerne Bücher oder spannende Magazine, gleichzeitig genieße ich die informell-formellen Geschichten im Web. Das Blog bietet Chancen, sich zu emanzipieren, selbstbestimmt zu publizieren, ohne dass man die Macher der Printmedien „pimpern“ muss. Gibt es Synergien, um so besser! Ich genieße die Eigenverantwortlichkeit und die Dynamik, die das Self-publishing bietet.

        Ich bin neugierig, wie sie die Katalogpublikationen verändern wollen. Geben diese Referenzen zu Blog-Artikeln, finde ich das ganz hervorragend – gelebtes Crossmedia, dann kämen noch Podcast oder Streaming hinzu. Beides lässt sich prima mit dem Blog verbinden. Eine crossmediale Berichterstattung hatte das Marta schon, die klassischen Medien, so scheint es, berichten sehr gerne über Ihr Haus – glückwunsch dazu!

        Ansonsten freue ich mich darauf, was Sie hier und anderswo bewegen werden.

        In diesem Sinne alles erdenklich Gute!

        Herzlich,
        Tanja Praske

  2. Applaus, Applaus!
    Toller Auftakt und richtig so: der Museumsleiter legt schon mal vor!
    Ich weine ein bisschen, dass ich die Ouvertüre nicht für meinen heutigen Workshop zum Thema Kultur-Blog nutzen konnte!
    Das hätte super gepasst!
    Ein Blog auch zu nutzen, um die eigene Arbeit zu reflektieren, eine guter Plan. Und wenn das auch mal von „oben“ gewollt wird, umso besser.
    Großes Kompliment, lieber Herr Nachtigäller, dass Sie diesen Weg beschreiten. Ich wünsche Ihnen und dem Marta Team viel Spaß mit dem eigenen Blog und verspreche schon jetzt, eine treue Leserin zu werden!

    Herzlichst
    Anke von Heyl

    • Liebe Anke von Heyl,

      danke, danke, danke! Soviel Ermunterung zum Auftakt und aus berufenem Munde macht nicht nur Freude, sondern auch viel Lust auf alles Weitere. Der Redaktionsplan für die kommenden Wochen jedenfalls hat viele schöne und auch unerwartete Ideen und Themen hervorgebracht, die hoffentlich die frischen „treuen LeserInnen“ halten und vermehren werden.

      Wir lesen uns!
      Mit besten Grüßen

      Roland Nachtigäller

  3. Lieber Herr Nachtigäller,
    So ein vorbildlicher, gut geplanter Blog-Start! Herzlichen Glückwunsch! Ich werde Ihren Artikel gleich als Leseempfehlung an andere Kunstmuseen weiterreichen.

    Herzliche Grüße,
    Marlene Hofmann

    • Liebe Frau Hoffmann,

      Ihr Lob und Glückwunsch geht direkt an die tolle Truppe unserer Öffentlichkeitsarbeit weiter, die ja zum Glück aufmerksam mitlesen und alles hier redaktionell betreuen. Über Ihre Verbreitung als Leseempfehlung freue ich mich aber auch persönlich sehr. Herzlichen Dank und beste Grüße

      Roland Nachtigäller

  4. Lieber Herr Nachtigäller,
    liebes Blog-Team,

    es bleibt alles anders!
    Den Kulturinstitutionen, die ihre Kommunikation aktiv angehen, den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen und dafür selbstbestimmt und selbstbewusst eigene Kanäle nutzen, gehört die Zukunft.

    Marta hat viel zu erzählen! Die Ideen, Hintergründe, Fragen und Projekte, die Marta antreiben, das Museum und seine MitarbeiterInnen beeinflussen und bewegen – dies alles in Zukunft hier im Blog verfolgen zu können, darauf freue ich mich!

    Viele Grüße
    Angelika

    • Roland Nachtigäller

      Liebe Angelika Schoder,

      ich bin wirklich überwältigt, welche Resonanz unser Blog in so kurzer Zeit erhalten hat. Dass diese dann auch noch mit so manchem Leseversprechen für die Zukunft verbunden ist, freut mich um so mehr. Das legt die Latte hoch für uns, aber wir sind bester Dinge!

      Man liest sich!
      Vielen Dank für die Ermutigung und herzliche Grüße

      Roland Nachtigäller

  5. Also, erstens kannte ich Marta vorher überhaupt nicht, weil, siehe oben, die großen Feuilletons halt gerne über die großen Museen berichten. Und zweitens ist dieser Blogauftakt klasse. Und drittens muss ich mich irgendwann mal mit Frau und Kindern mal in den ICE setzen und nach Herford fahren. Allein das Gebäude!
    Ach ja, danke an Tanja Praske für den Tipp via Twitter.

    • Michelle Ann van der Veen

      Herr Kraas,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir freuen uns besonders, dass Sie nun über den Blog doch noch auf unser Haus aufmerksam geworden sind. Melden Sie sich doch, wenn Sie es mal her geschafft haben wie der Besuch Ihnen gefallen hat. Ansonsten freuen wir uns natürlich über reges Feedback auf dem Blog.

      Viele Grüße
      Michelle van der Veen

    • Hallo Norbert Kraas,

      das finde ich prima, gerne geschehen! Wenn Sie den Weg zum Marta finden, freut mich eine Berichterstattung darüber, gerne dazu anzwitschern. Auf Twitter erreicht man mich immer :-)

      Herzlich,
      Tanja Praske

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