Director's Cut

Wie feiert ein Museum sein zehnjähriges Bestehen? Das war eine Frage, die mich vor etwa zwei Jahren lange beschäftigte. Sicher nicht als Betriebsfeier, auch nicht als Kindergeburtstag und – weil wir immer etwas anders sein wollen als das, was man erwartet – auch nicht so wie viele andere Museen ihre Jubiläen begehen. Letztlich sind ja zehn Jahre für eine solche Institution kein echtes Alter, das älteste öffentliche Museum auf dem europäischen Kontinent, das Museum Fridericianum, wurde beispielsweise 1779 gegründet, aber auch das Städel in Frankfurt existiert an seinem heutigen Standort schon seit 1878, das Von der Heydt-Museum in Wuppertal wurde 1902 eröffnet und selbst die Kunsthalle im benachbarten Bielefeld feiert 2018 schon ihr fünfzigjähriges Bestehen. Vor diesem Hintergrund feiert das Marta Herford ja gerade mal die Einschulung.

Für Herford aber war die Eröffnung des neuen Museums der Aufbruch in eine neue Zeit. Zum ersten Mal sah sich die ostwestfälische Stadt mit der Anziehungskraft und auch den Zumutungen einer internationalen zeitgenössischen Kunst konfrontiert. Ich bin nach wie vor fasziniert davon, was Herford – trotz und gerade auch wegen all der Diskussionen und anfänglichen Vorbehalte – daraus gemacht hat. Mehr und mehr wird diese Institution auch in der Breite von Bevölkerung, Stadtverwaltung und Politik als ein Teil des öffentlichen Lebens gesehen, den man nutzen, fordern und zum Teil eines aufrechten Bürgerselbstbewusstseins machen kann.

Viel davon war während des großen Straßenfests im Marta-Viertel im August zu spüren. Bei einem Wetter, was traumhafter nicht hätte sein können, verbreitete sich rund um die Goebenstraße für zwei Tage ein Leben, das konzentrierte Performances und Slapstick-Aktionen, Orchestermusik und Bossa-Nova-LPs, Graffiti und chinesische Malerei, eine elegante Freundeskreis-Tafel und Bierbuden mühelos miteinander in Einklang bringen konnte. Während von der großen Konzertbühne die Nordwestdeutsche Philharmonie mit ihrem grandiosen Klangkörper den Teppich für eine betörende Arie ausbreitete, legte sich im abendlichen Sonnenlicht sowas wie die Atmosphäre von Verona über die Stadt. Und als das unglaubliche Sirenenkonzert mit einem Feuerwerk der ganz anderen Art in der Nacht beschlossen wurde, da schwebte über Herford eine fröhliche Leichtigkeit, die man dieser sich oft so bodenständig gebenden Stadt kaum zugetraut hätte. Für mich war das Marta-Kunstfest in der Goebenstraße (das ausschließlich von Herforder Unternehmerpersönlichkeiten finanziert wurde) ein Signal dafür, was möglich ist. – Nun ist es an den Verantwortlichen dieser Stadt, daraus etwas für die Zukunft zu machen. Wir arbeiten gerne daran mit!

Eigentlich aber begann unser Jubiläumsjahr bereits im Dezember 2014, als völlig unerwartet und zu meiner riesigen Freude Marta Herford zum Museum des Jahres gewählt wurde. Es gab kaum ein schöneres Geburtstagsgeschenk als dass diese Nachricht sogar der ARD-Tagesschau einen Bericht über unser Museum wert war. Und so nahm ein Jubiläum seinen Lauf, das von vorn herein nicht als „Festakt“ geplant war, sondern als ein besonderes Jahr mit einer Vielzahl von Aktionen, Ereignissen und nicht zuletzt besonderen Ausstellungen. Der offizielle Startschuss wurde dann im Februar mit der Eröffnung der verblüffenden Präsentation des Fotoarchivs von Frida Kahlo gegeben. Unvergesslich wird mir nicht nur die brechendvolle Eröffnung bleiben, sondern auch jener Vormittag, als wir eigens für einen Filmbericht des deutsch-französischen Fernsehsenders ARTE ein Videotelefonat mit der Direktorin des Frida Kahlo-Museums in Mexiko schalteten. Das war (natürlich hinter den Kulissen) wie im guten alten Nachrichtenfernsehen: „Hallo Mexiko, steht die Leitung?“ „Wir können Euch sehen, aber nicht hören.“ „Die Verbindung ist sehr labil, funktioniert aber, doch jetzt ist die Direktorin nochmal kurz im Museum unterwegs.“ „Herford, Herford, can you hear me?“ Großartig! Aber es hat am Ende geklappt, und wir haben uns quer über den Atlantik über die bemerkenswerten Umstände der Entdeckung dieser einmaligen Fotosammlung unterhalten – vor laufender Kamera.

Richtig festlich wurde es dann zum „eigentlichen“ Marta-Geburtstag am 7. Mai. Nachhaltig beeindruckt hat mich Bundesinnenminister a.D. Gerhart Baum, der mit wachem, kritischem Geist einen großartigen Festvortrag hielt. Und auch Dr. Wolfgang Kemp, für viele einer der Kunsthistoriker überhaupt, reiste mit einem klugen Essay für die Festgäste an, zu denen neben dem neu gewählten Bürgermeister von Herford, Tim Kähler, auch NRW-Kulturministerin Ute Schäfer zählte. Vom anschließenden Anschnitt der Marta-Geburtstagstorte (das spektakuläre Marta-Schokoladenmodell wurde respektvoll verschont) berichtete der WDR dann sogar live – ja, es war schon ein erhabener Moment, all diese Anerkennung und Wertschätzung einer zehnjährigen Aufbauarbeit und engagierten Ausstellungstätigkeit zu erleben – und vor allem immer wieder zu bemerken, in welch riesigem Radius die Aktivitäten von Marta Herford aufmerksam verfolgt werden.

Vieles, was dieses Jahr an neuen Impulsen und nachhaltigen Wirkungen mit sich brachte, geschah bisweilen zwar mit deutlich weniger öffentlichem Wirbel, ist aber umso wichtiger für die zukünftige Entwicklung des Museums. So haben wir beispielsweise mit dem Hamburger büro für mitteilungen den gesamten grafischen Auftritt von Marta Herford so überarbeitet, dass eine würdige Kontinuität in der Entwicklung zu sehen und doch alles frischer, aufgeräumter, klarer und unverkennbarer geworden ist. Für mich ist es vor allem der Verdienst der herausragenden Grafiker, dass sich dieser Wechsel (der unter anderem das markante M mit Aussparung hervorbrachte) ganz organisch und kontinuierlich über das Jahr vollzog und pünktlich im Dezember abgeschlossen ist.

Auch der Marta-Preis der Wemhöner-Stiftung brachte das erste große Werk hervor: Eine komplexe und auf die Region bezogene Skulptur/Installation von Heike Mutter und Ulrich Genth gehört nun zur Museumssammlung. Zudem schenkte die Stiftung dem Museum eine Außenskulptur zum Geburtstag: Seit Mai eicht eine Stahlskulptur des weltberühmten portugiesischen Künstlers Pedro Cabrita Reis den Gehry-Bau mit Augenzwinkern und bildhauerischer Präzision.

Ebenfalls im öffentlichen Raum fand die erste #M21_Skatenight statt, ein höchst ungewöhnliches Ereignis vor den Türen des Museums. Wieder einmal war das Wetter mehr als wohlgesonnen, und so saßen wir plötzlich im Kreise einer jugendlichen Skater-Szene mit Marta-FreundInnen, neugierigen Passanten und MitarbeiterInnen auf der Plaza, bei professionell gemixten HipHop-Sounds und bestaunten fasziniert die oft waghalsigen Moves und Sprünge am „Curb“. Zugleich besuchte in diesem Sommer – bis dahin noch inkognito – mit Fernando Sánchez Castillo ein weiterer Künstler für das Projekt „5 Tore / 5 Orte“ die Stadt und präsentierte im September sein überzeugendes Konzept für das Herforder Lübbertor, das nun mit Hochdruck vorbereitet wird.

Und noch etwas vollzog sich elegant unaufgeregt und hat für Marta Herford dennoch große Veränderungen gebracht: Das Marta-Blog ging am 7. Mai punkt 12 Uhr mit meinem Text „Marta schreibt anders“ online. Das war für das gesamte Team ein aufregender Moment und sorgte in der hochdynamischen Blogger-Szene aus dem Stand für Aufmerksamkeit („Das nenne ich mal Krawum!“ kommentierte beispielsweise Tanja Praske, eine der führenden Kulturbloggerinnen, schon zwei Stunden später).
Vorausgegangen waren lange Diskussionen darüber, was wir mit einem solchen Blog erreichen wollen, Präsentationen des grafischen Aussehens und vor allem intensive Redaktionssitzungen, um in den Folgewochen auch entsprechende Inhalte anbieten zu können. Und während sich unsere Aktivitäten in der Internetgemeinde rasch verbreiteten, höre ich offline, das heißt ganz klassisch von Museumsbesuchern immer wieder mal die Frage, was man sich denn nun darunter vorzustellen habe und ob das nicht mehr was für „die jungen Leute“ sei.

Aber hinter marta-blog.de verbirgt sich weder die Jugendwelle des Museums noch ein weiteres Marketing-Instrument. Vielmehr ist das Blog ein wichtiger Schritt hin zu einer eigenen, unabhängigen Öffentlichkeit. Die allgemeine Zeitungskrise beschreibt nicht nur ein fortschreitendes Sterben einst einflussreicher und bedeutender Blätter, sondern auch die Bündelung und damit Verkleinerung der Redaktionen zu Nachrichtenzentralen, was zu einer immer eingeschränkterer Berichterstattung über immer wieder die gleichen Großveranstaltungen führt. Und so gibt es jetzt im Grunde eine eigene Marta-Zeitung im Netz, die voller Geschichten, aber auch streitbarer Artikel zur Kulturpolitik, Gastbeiträgen, Bildstrecken und Querverweise rund um das Museumsleben steckt. Man kann sie abonnieren, sporadisch durchblättern, kommentieren und sich auch anderweitig einbringen – nur völlig ignorieren sollte man diese Arbeit nicht, die von Marta-MitarbeiterInnen aus ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen kostenlos und mit viel Herzblut zur Verfügung gestellt wird.

Ja, es war ein ereignisreiches, auch anstrengendes, aber vor allem Freude bereitendes Marta-Jahr mit vielen weit in das Jahr 2016 reichenden Erfolgen. So gibt es im Marta-Shop noch immer das Buch „Museum unplugged“, das wir anlässlich unseres Jubiläums herausgeben konnten und das eben nicht das Museum feiert, sondern auf höchst unterhaltsame, aufschlussreiche Weise die Bedingungen des Ausstellungsmachens, der Kunstproduktion, des Handels und der Berichterstattung dazu hinterfragt – und das mit zahlreichen bekannten Autoren ganz unterschiedlicher Herkunft. Doch nicht nur dieses außergewöhnliche, wunderschön von Ingo Offermanns gestaltete Buch ermöglichte uns der Verein der Marta-Freunde, sondern auch eine wirklich spektakuläre Kunstedition: 10 zeitgenössische KünstlerInnen aus 10 Marta-Jahren stellten je ein Blatt für ein einmaliges Mappenwerk zur Verfügung, das nun zu einem sensationellen Preis Kunst von Asta Gröting, Michael Sailstorfer, Erik Schmidt, Martin Walde, Franz Erhard Walther, Jonathan Meese, Nik Nowak, Dan Perjovschi, Thomas Rentmeister und Fernando Sánchez Castillo versammelt.

Auch im Namen der Marta-Geschäftsführerin Helga Franzen möchte ich allen KünstlerInnen, allen ideellen und finanziellen Unterstützern, allen Helfenden und Dienstleistern, aber vor allem auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für diese sehr besonderen Monate und den oftmals außergewöhnlichen Einsatz von Herzen danken. 2015 war ein grandioses Marta-Jahr und es wird Zeichen setzen für die Zukunft – obwohl ich mit meinem Rückblick eigentlich noch einmal neu ansetzen müsste, um die ambitionierten und schönen Ausstellungsprojekte dieses Jahres Revue passieren zu lassen, die ja das Bild des Museums mindestens ebenso prägen wie die genannten Aktivitäten. Und während bald die Mark Dion-Ausstellung weiter in die Niederlande wandert (denn auch Anfragen zu Übernahmen unserer Ausstellung kommen immer häufiger vor), darf sich unser Publikum schon einmal auf die Gegenbewegung freuen, wenn Ende Februar die Brüsseler Schau über Fliegende Teppiche und Drohnen in deutlich erweiterter Form als „Magie und Macht“ nach Herford kommt.
Bleiben Sie neugierig!

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