Foto des Marta-Feuerwerks bei Nacht

Die ersten Tage nach unserem Jubiläumsfest „Marta wird 10“ erlebe ich wie in einem Taumel: zum einen in großer Freude, auf dieses stimmungsvolle Fest – bei schönstem Sonnenschein! – mit großartiger Atmosphäre zurückblicken zu können, auf beeindruckende Performances und Aktionen, anregende Begegnungen und in beste Teamarbeit von uns Mitarbeitern. Zum anderen bin ich sehr erleichtert, dass aus organisatorischer Sicht Programm und Koordination nach (einem sehr detailliert ausgearbeiteten) Plan abgelaufen sind. Nach Tagen der Anspannung und Anstrengung, alle Einzelheiten immer im Auge zu behalten, stellt sich bei mir nun eine körperliche Ermüdung ein, die auch mit einer merkwürdig langsamen Wahrnehmung einhergeht. Ich finde es erstaunlich, dass dieses Großereignis, auf das wir seit ca. 1,5 Jahren hingearbeitet haben, nun vorbei ist: ein so dichtes Programm an nur einem Wochenende, dass mir diese Verhältnismäßigkeit fast absurd erscheint!

Wie Flashbacks schießen mir immer wieder einzelne Bilder und Erlebnisse in den Sinn: Meine Sorge um das Wohl der Schweizer Künstlerin Chantal Michel, die am Samstag und Sonntag stundenlang in einem türkisfarbenen Kleid in fünf Metern Höhe an der Museumswand sitzend zu sehen war, ließ mich regelmäßige „Kontrollgänge“ machen. Gleich zu Beginn ihrer Performance beunruhigte mich ein Herr, der sich als Mediziner vorstellte, außerdem damit, dass die starke Sonneneinstrahlung, der die Künstlerin dort oben ausgesetzt war, unmerklich zu einem körperlichen Zusammenbruch führen könne. Bei meinen Rundgängen konnte ich aufgrund des langen, braunen Haares, das der Künstlerin komplett vor das Gesicht fiel, keinerlei Regung erkennen.

Im Laufe der Zeit und meiner Runden bemerkte ich nebenbei, wie sich dieses poetische wie rätselhafte Bild einer „lebenden Skulptur“ durch den sich langsam verändernden Sonnenstand mit einem immer etwas anderen Schattenspiel zeigte. Während der drei bis vier Stunden, die die Künstlerin an der Wand verharrte, hörte ich einige Frauen unter ihr diskutieren, ob „sie nicht eine Puppe sei“. Sogar als sie ihre – mit der Zeit zunehmend blau anlaufenden – Füße hin und wieder bewegte, war dieses wohl nicht Beweis genug, einen der Besucher vom Gegenteil zu überzeugen, der doch ausdrücklich meinte: „Die Puppe ist extra so programmiert“. Während diese Performance Anlass für viel Gesprächsstoff beim Publikum bot, ließ Chantal Michel sich auch nicht von wiederholten „Hallo“-Rufen stören und wirkte wie ein von der Welt (und von dem Trubel auf dem Festgelände) entrücktes Wesen.

Foto der Performance von Chantal Michele

Ein besonderes Erlebnis waren Mécanique Vivante, die Gruppe um den Franzosen Franz Clochard, der sich seit fast 20 Jahren der verrückten Idee widmet, mittels technologischer Innovationen und spezialisierter Mechanik Alarmsirenen als Musikinstrumente zu nutzen. Es sind ungewöhnliche wie auch unüberhörbare Klänge, die seine einzigartigen mobilen Sirenenorchester von sich geben. Als erste Künstlergruppe des Fests erwarteten wir diese sieben Franzosen am Donnerstagabend, samt einer beträchtlichen Menge an Technik, wie später der Blick in ihren riesigen Truck zeigte. Einen fast 20 Meter langen, weißen LKW, mit dem sie nach 24-stündiger Fahrt aus Frankreich (inkl. drei Stunden Zeitverlusts wegen eines unglücklichen Passierverbots auf einer Brücke in der Kölner Innenstadt) nun endlich gegen 21.30 Uhr auf der Goebenstraße einfuhren.

Den ganzen Freitag verbrachte die Gruppe nur mit technischen Vorbereitungen und organisatorischen Absprachen. Ihrer beeindruckenden Performance „Le Chant de Sirenes“ (Gesang der Sirenen) am Samstag und Sonntag war eine ungemein komplexe Vorbereitung seitens der Künstler vorausgegangen. Sie hatten uns zuvor ihren seitenlangen Technical Reader und minutiös getakteten Ablaufplan in mehrfacher Überarbeitung übergeben. Auch eine sehr detaillierte Abstimmung mit uns Organisatoren war nötig: Für die Performance zum Marta Fest war von Mécanique Vivante eigens eine Komposition mit Choreografie geschrieben worden, die inhaltlich sogar auf das Programm des Open Air-Konzerts der Nordwestdeutschen Philharmonie am früheren Samstagabend Bezug nahm. Und als ob dies noch nicht genug gewesen wäre, waren wir noch einem speziellen Wunsch von Franz Clochard nachgekommen: Neben der Live-Begleitung von zwei Posaunisten aus dem Künstlerteam konnten zusätzlich die drei Herforder NWD-Schlagzeuger Aron Leijendeckers, Hartmut Frick und Daniel Townsend gewonnen werden, mit Live-Percussion (nach einer extra ausgearbeiteten und einstudierten Partitur) bei dieser Performance mitzuwirken.

Für den Höhepunkt der Show stand zu guter Letzt ein Feuerwerk des Herforder Karl Knall-Teams um Claudio Vendramin auf dem Programm, das von der obersten Etage des Parkdecks gestartet werden sollte. Es durfte allerdings wegen der Sicherheitsvorschriften nur zwischen 23.10 bis 23.20 Uhr stattfinden – in einem Zeitraum, in dem laut Fahrplan der Deutschen Bahn kein Zug auf der Linie (direkt hinter dem Parkhaus) verkehrte –, um den geforderten Sicherheitsabstand von 65 Metern zu wahren, in dem sich während dieser 10 Minuten keine einzige Person aufhalten durfte. Diese vielen Bedingungen zu erfüllen, den Ablauf am Samstag auf dem Käthe-Elsbach-Platz mit allen Beteiligten und besonders auch mit Bühnenaufbauten und Technikinstallationen zu koordinieren, zudem die aufwändige zweistündige Probe für die Performance von Nezaket Ekici mit einem Bagger im Zeitplan unterzubringen, dem großen Orchester der NWD natürlich die erforderlichen Proben und Soundchecks zu ermöglichen, ganz zu schweigen von weiteren Aufbauten wie Konzertbestuhlung und gastronomischen Objekten samt Wasser- und Stromanschlüssen – um dann nur ein einziges Mal (!) den komplexen Performanceablauf von Mécanique Vivante mit den verantwortlichen Technikern, Schlagzeugern, Posaunisten und nicht zuletzt mit uns Mitarbeitern (als „Sicherheitspersonal“) proben zu können: Das alles war wirklich eine Höchstanforderung an die Koordination, was es mir im Nachhinein unglaublich erscheinen lässt, dass diese Performance schließlich so perfekt und wie selbstverständlich ihren Verlauf nahm.

Foto der Soundperformance von Méchanique Vivante vor dem Marta

Ab 22.30 Uhr am Samstagabend ging es dann los: Während der spektakulären Aufführung begleitete ich als „Sicherheitsperson“ (neben anderen Mitarbeitern) einen der Sirenenwagen, ich fühlte mich unvermittelt als ein Bestandteil des Geschehens und verantwortlich, die Publikumsmenge abzuschirmen und dem Wagen freie Fahrt zu ermöglichen. Später sollte ich noch stundenlang diesen eindringlichen, merkwürdigen Sound im Ohr haben. Und auch den Rhythmus, der durch das hydraulische System erzeugt werden konnte und die beiden Wagen manchmal in eine komisch federnde Bewegung versetzte. Nach dem pointierten Feuerwerk, das ein unvergessliches Bild über dem Marta Viertel erzeugte und auf wunderbare Weise den Abschluss dieses Tages markierte, zeigten der Applaus und die Zuschauerreaktionen die große Begeisterung des Publikums, bevor die Sirenenwagen noch ein paar Runden um Luciano Fabros silberne Kugelskulptur drehten und in der Dunkelheit verschwanden.

Menschenmenge, die sich die Soundperformance von Méchanique Vivante anhört

Was das Projekt des Künstlers mit der weitesten Anreise anging, bahnte sich am Tag vor seiner Ankunft ein „worst case“ an: Die erwarteten vier Pakete mit Materialien des New Yorkers Brent Birnbaum waren noch nicht in Herford angekommen! Meine Geduld, in dieser Not fast eine Stunde in der Warteschleife beim telefonischen Kundendienst von DHL auszuhalten, hatte sich überraschenderweise gelohnt, und ich erfuhr, dass am Donnerstag wenigstens zwei seiner Pakete im Hauptzollamt in Bielefeld angeliefert worden waren. Sie konnten am Freitagmorgen abgeholt und „in Verwahrung genommen“ werden, wie es im Fachjargon heißt, mit dem Versprechen meinerseits, sie innerhalb weniger Tage wieder zurückzuschicken. Als der Künstler schließlich am Freitagmittag am Marta ankam, fand er zum Glück den wichtigsten Teil seiner Objekte und Materialien für seine Performance in den zwei Kartons vor und konnte Fehlendes kurzfristig vor Ort noch besorgen.

Brent Birnbaum bei seiner Performance "Mistory"

Seine Performance trug den Titel „Mistory“, in dem „Geschichte“ (engl.: history) und „Nebel“ (engl.: mist) sowie auch „Geheimnis“ (engl.: mystery) anklingen. Alles spielte eine Rolle in seiner interaktiven Aktion: Er lud Besucher ein, zurückzublicken und sich in einer „zeremoniellen“ Begegnung mit ihm jeweils von einem persönlichen Gegenstand zu verabschieden. „Wir umgeben uns mit geliebten Dingen und verleihen den Gegenständen, die wir besitzen, einen besonderen Wert. Mit der Zeit geht diese Verbindung verloren, Dinge können uns sogar (unmerklich) belasten. Befreie Dich heute davon. Bringe mit, wovon Du Dich trennen möchtest.“, so seine Ankündigung.

Foto des transformierten Gegenstandes, den Franziska Brückmann von Brent Birnbaum erhielt.

                                                                                                                         Foto: Franziska Brückmann

Am Samstag beobachtete ich einige Male, wie er Besuchern schließlich ihre jeweils mitgebrachten Objekte „in transformierter Form“ zurückgab. Am Sonntag hatte ich selbst einen Gegenstand dabei, nämlich eine alte Audiokassette mit Aufnahmen von Supertramp und Billy Joel, aufgenommen im Jahr 1987 und mit Erinnerungen an meine Jugendzeit verbunden – sowie auch mit meinem konkreten Vorhaben, mich ab jetzt von meiner gesamten Kassettensammlung zu trennen, die ich noch besaß! Die „Zeremonie“ begann damit, dass der Künstler auf einem gemusterten Teppich kniete, auf dem sich allerlei alchemistisch anmutende Gegenstände, Fläschchen, Hölzer und andere Ingredienzien befanden, und meine Kassette in einem alten Metalltopf verbrannte. Zugleich bekam ich die Aufgabe, 10 Dinge, „für die ich dankbar bin“, auf einen Zettel zu schreiben sowie auch „10 Dinge, die ich mir für die Zukunft wünsche“.

Während ich damit eine Weile beschäftigt war, hantierte er schamanenhaft mit den verschiedenen Sachen, füllte beispielsweise ein Stück einer Vogelfeder, farbige Parfümkugeln und andere Substanzen in ein Fläschchen, dazu noch ein entzündetes, geruchsintensives Stück „alten, heiligen Holzes“, wie er erklärte, sowie die Asche des verbranntes Zettels mit meinen Notizen und einen Teil der verschmorten Kassette. Zum Schluss überreichte er mir mit einem tiefen Blick in die Augen das mit einem rätselhaften Zeichen versehene Sprühfläschchen voll grüner Flüssigkeit und anderer Bestandteile und entgegnete mir mit ernster Miene: „Good Luck“.

Im Nachhinein stellen sich mir Fragen: Ich durchschaue natürlich Birnbaums Begegnung mit mir in Form dieses Rituals als sein künstlerisches Spiel mit Glaubensformen, kulturellen Themen und auch der menschlichen (und meiner eigenen) Empfänglichkeit für so etwas. Im Programmflyer habe ich ja selbst geschrieben, dass „Brent Birnbaum sich in seinen performativen und installativen Arbeiten auf kritische wie ironische Weise mit Formen der (Pop-)Kultur auseinandersetzt.“ Aber war es nur ironisch? Ich überlege, ob er mir nicht doch etwas mit auf den Weg gegeben hat, und was? Und was mache ich nun mit diesem Sprühfläschchen? Soll ich dieses süßlich riechende „Parfüm“ für irgendetwas benutzen und für „eventuelle Notfälle“ aufbewahren? Was passiert mit dem mir versprochenen Glück, wenn ich es wegwerfe? Merkwürdig ist auch, dass ich letztendlich wieder einen Gegenstand mehr dazu bekommen habe, anstatt einen loszuwerden …

Fortsetzung folgt …

 

Fotos: Denis Karabasch

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