Woerterbuch_Kunstsprech

Ein Bild: Mit stiller Kontemplation präsentiert sich das Objekt in strahlender Aura, von der Geschichte vergoldet, von der Theorie geheiligt, von tausenden Blicken glänzend gerahmt, davor kniend, ehrfürchtig den Blick gesenkt die Anbetenden, versunken in ergriffener Hingabe an das Numinose. Cut! Auf einem lackierten Pressspansockel liegt ein weißes Keramikobjekt, fabrikneu, in die Waagerechte gedreht und von einer Plexiglashaube geschützt. An der Seite befindet sich die handschriftliche Signatur „R. Mutt 1917“, die Exponatbeschriftung erläutert das Stück als „vom Künstler autorisierte Replik“ (von denen es mindestens 12 in unterschiedlicher Ausführung gibt).

Kommt man diesem nach wie vor das Publikum verwirrenden und herausfordernden Kunstwerk also wirklich dadurch nahe, dass man weniger Fragen stellt als Verehrung walten lässt? Ist das Readymade in der Ausstellung von der Provokation also zum Anbetungsobjekt mutiert, Duchamps „Fountain“ zu einer „Ikone der Kunst des 20. Jahrhunderts“ geworden (wie kürzlich auch hier im Marta-Blog geschrieben)? Kultisches Feiern statt kritisches Infragestellen ist zumindest eine Haltung, die der Kunstmarkt auf jeder Messe neu inszeniert, wo der geflüsterte Hype wichtiger ist als der analytische Blick und das ästhetische Urteil. Insofern feiert eine religiös konnotierte Vokabel zurzeit durchaus nicht unbegründet fröhliche Urstände.

Grassierende Anbetung

Schon eine einfache Suchanfrage im Internet fördert eine beeindruckende Ikonostase aus Tausenden von Texten allein der letzten zwei Jahre zutage. Wichtigstes Repräsentationsfeld der Ikonen ist natürlich die Kunst. Von einer „Ikone der Kunstgeschichte“ (Edvard Munchs Schrei), „des Kunstbetriebs“ (Joseph Beuys), „des 20. Jahrhunderts“ (Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat, aber auch das Seagram Building oder die Gitarre), „des 21. Jahrhunderts“ (Juergen Tellers Kardashian-Foto, aber auch Steve Jobs, der Millennium Dome, der iPod, das Selfie,) oder „der Gegenwartskunst“ (John Baldessari) über diverse Ikonen „des Expressionismus“ (Franz Marc und Oskar Kokoschka), „des abstrakten Expressionismus“ (Hedda Sterne), „des Surrealismus“ (Meret Oppenheims Frühstück im Pelz), „der Pop-Art“ (Keith Haring), „der Romantik“ (Caspar David Friedrichs Mönch am Meer) oder auch „des grassierenden Kunst-Irrsinns“ (Das goldene Kalb von Damien Hirst), bis zu einer „Ikone des Sprengel-Museums“ (der Merz-Bau), „des Städel“ (Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Goethe in der Campagna), „des Kampfes für Meinungsfreiheit“ (Ai Weiwei) oder „des erfahrenen Mäzenatentums“ (Peggy Guggenheim). Auch in Design und Architektur wimmelt es von Ikonen „des Neuen Frankfurts“ (Küche von Margarete Schütte-Lihotzky), „der Automobilgeschichte“ (Porsche 911), „des karierten Schals“ (Burberry) oder einer „Ikone des Bohrens“ (der Bohrer DC170) bis hin zur „Ikone des Bauhaus“ (Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon).

Bei der weiteren Suche außerhalb des Kulturdiskurses gibt es dann kein Halten mehr: Im Sport wird die „Ikone des Volleyballs“ (Andrea Giani) oder „des Foulspiels“ (Arjen Robben) verehrt, in Politik und Gesellschaft treffen wir auf Ikonen „des Feminismus“ (Miss Piggy, aber auch P. Modersohn-Becker oder G. O‘Keefe), auf eine „Ikone des luxuriösen Reisens“ (Eastern & Oriental Express), „des guten Geschmacks“ (Coco Chanel) oder „des Grauens“ (der Atompilz), aber auch auf die illustre „Ikone der Ausbildungslandschaft“ (Arnd Krüger), „des Blutspendedienstes“ (Christel Frings) oder „des Fremdenverkehrs“ (Opatija in Kroatien), während souverän in der Ecke der Kulinarik die „Ikone der sizilianischen Gebäckkunst“ (die Teigrolle „Cannolo“), „der Bayerischen Ess-Kultur“ (die Weißwurst) oder gar „der Bratwurstbewegung“ (Dr. Hartmut Frommer) hängen.

Tiefer hängen!

Dabei werden in all dem Subordinationstaumel und Verehrungswillen völlig unterschiedslos historische Figuren mit Kunstwerken, Gebäude mit Alltagsgegenständen, Privatpersonen mit Lebensmitteln gemischt, während das bescheidene Genitiv-S vor Begeisterung gerne unter den Tisch fällt – Hauptsache es wird angebetet.

Doch zurück zur Kunst und dem Sprechen über Werke. Abgesehen von dieser ganz offensichtlich einer Sprachmode huldigenden Ikonenflut steht es unserem Berufsstand durchaus gut zu Gesicht, bisweilen nach den Bedeutungen hinter beliebten Begriffen und Floskeln zu fragen. Etwas zur „Ikone des …“ zu erklären manifestiert vor allem die Geste autoritärer Geschichtsschreibung, suggeriert – um es etwas provokativ zu fassen – ein Herrschaftswissen, das keinen Widerspruch duldet und so gar nicht zur offenen Vermittlungsarbeit zeitgenössischer Kunstinstitutionen passen will.

Nicht nur in der Praxis, auch mit der dafür eingesetzten Sprache gilt es, Ehrfurcht und fraglose Bewunderung gegenüber Werken der Kunst eher kritisch zu unterwandern als begrifflich zu bestätigen.  Jagen wir die Hohepriester aus den Tempeln des Kulturbetriebs, schieben wir die Kniebänke der stummen Verehrung zur Seite und machen wir mehr und mehr die Museen zu Orten der Debatte, des Dissenses und der kritischen Begegnung!

 

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